Vermögensranking – Darum hat die Schweiz die meisten Schulden und trotzdem viel Geld
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VermögensrankingDarum hat die Schweiz die meisten Schulden und trotzdem viel Geld

Erstmals haben Schweizerinnen und Schweizer über 100’000 Euro Schulden pro Kopf. Trotzdem ist das Vermögen im Land kräftig gestiegen. Das sind die Gründe.

von
Fabian Pöschl
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In der Schweiz stieg das Vermögen der privaten Haushalte im Krisenjahr 2020 um 3,9 Prozent.

In der Schweiz stieg das Vermögen der privaten Haushalte im Krisenjahr 2020 um 3,9 Prozent.

20min/Marco Zangger
Dies obwohl die Verschuldung pro Kopf erstmals die 100’000er-Marke knackte.

Dies obwohl die Verschuldung pro Kopf erstmals die 100’000er-Marke knackte.

20min/Michael Scherrer
Denn gleichzeitig stieg das Vermögen pro Kopf auf über 300’000 Euro.

Denn gleichzeitig stieg das Vermögen pro Kopf auf über 300’000 Euro.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Das weltweite Vermögen hat sich in der Krise vermehrt.

  • Erstmals gibt es global gesehen mehr als 200 Billionen Euro Vermögen.

  • 20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen zur Vermögensverteilung.

Trotz Corona-Massnahmen sind die Superreichen im vergangenen Krisenjahr noch viel reicher geworden. Auch das Vermögen aller privaten Haushalte ist weltweit um fast zehn Prozent auf die Rekordsumme von 200 Billionen Euro geklettert.

Allerdings besitzen die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, also etwa 520 Millionen Menschen, gut 84 Prozent des weltweiten Vermögens. Das eine Prozent der Superreichen hält sogar über 40 Prozent der Gesamtsumme, wie die Allianz-Versicherung zu ihrem zwölften Global Wealth Report schreibt.

Das Land mit der höchsten Verschuldung

In der Schweiz stieg das Vermögen um 3,9 Prozent. Die Leute brachten das Geld aber nicht zur Bank, um Negativzinsen zu vermeiden, sondern investierten zuletzt so viel an der Börse wie noch nie: 48 Milliarden Euro flossen frisch in die Kapitalmärkte. Das sind fast zehnmal mehr als im vorangegangenen Jahr.

Gleichzeitig stieg die Verschuldung in der Schweiz um 2,7 Prozent. Weil gleichzeitig krisenbedingt das Wirtschaftswachstum einbrach, sprang die Schuldenquote auf 135 Prozent. Damit bleibt die Schweiz das Land mit der höchsten Verschuldung (siehe Box).

Erstmals mehr als 100’000 Euro Schulden pro Kopf

Die Verschuldung pro Kopf liegt in der Schweiz mit 101’210 Euro und knackte damit erstmals die 100’000er-Marke. Weil die Schweizerinnen und Schweizer aber pro Kopf über 300’000 Euro Vermögen haben, beträgt das Nettofinanzvermögen 212’050 Euro. Damit bleibt die Schweiz hinter den USA das reichste Land.

Warum ist die Schweiz so reich und hat trotzdem so viele Schulden? Ist das unser Erfolgsmodell? 20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen zur Vermögensverteilung im Land:

Warum steigen die Vermögen in der Krise, sollten sie nicht sinken?

«Normalerweise schon, aber 2020 war nichts normal», sagt Arne Holzhausen, einer der Autoren des Reports der Allianz, zu 20 Minuten. Seine Erklärung: Zur Unterstützung von Wirtschaft und Märkten haben Staaten «ungeahnte Summen» zur Verfügung gestellt. «Damit wurden die Börsen von der Realität der Pandemie entkoppelt», so Holzhausen.

Warum gibt es so viel Geld in der Schweiz?

Weil die Bedingungen so gut sind. Die Leute sind gut ausgebildet, das System ist stabil, die Währung auch und die Arbeitslosigkeit explodiert nicht, sagt Patrick Akiki, Partner Financial Services bei PwC Schweiz. Ausserdem ist das Land innovativ, nicht umsonst wird Zug als Crypto Valley bezeichnet.

«Die Schweiz ist ein Magnet der Reichen auf der ganzen Welt – wer möchte nicht in der Schweiz leben?», sagt auch Allianz-Experte Holzhausen. Ausserdem habe das Land eine «gute Mischung» des Geldvermögens. Etwa ein Drittel des Geldes liegt auf den Banken und ist damit stets verfügbar. Ein weiteres Drittel sind Wertpapiere, die im vergangenen Jahr kräftig zulegt haben. Der Rest sind langfristige Anlagen wie etwa Pensionsfonds.

Konnten diesmal auch Normalsterbliche zulegen oder wie gewohnt nur die Superreichen?

Diesmal lohnte es sich nicht nur für die Geldelite: «Gerade im letzten Jahr profitierten eigentlich alle Bevölkerungsschichten», sagt Holzhausen. So seien Aktien- und Fondsinvestments mittlerweile für jeden Geldbeutel zugänglich. Dies dank neuen Angeboten wie Broker-Apps (Robinhood, Revolut etc.).

Wie kann ich vom Aufschwung profitieren?

PwC-Schweiz-Wealth-Management-Experte Andrea Colosio empfiehlt ein breites Vermögens-Portfolio an Aktien, Bankkonto und Vermögensverwaltung sowie zusätzlichen Investitionen, zum Beispiel in Immobilien. Für Allianz-Experte Holzhausen sind beim Anlegen Disziplin und Langfristigkeit das Wichtigste, wie er sagt. «So lassen sich Risiken besser managen.» Wichtig sei aber vor allem, dass es nicht nur ums Geldkapital geht. «Für die meisten von uns ist das Humankapital wichtiger: Bildung wirft die höchste Rendite ab!»

Schliesst sich jetzt die Schere zwischen Arm und Reich etwas?

Nein, das sollte sie aber angesichts der bereits grossen Lücke in der Schweiz, sagt Holzhausen. «Hier besteht noch grosser Nachholbedarf», sagt der Allianz-Experte. Er zeigt sich aber zuversichtlich, dass die Schweiz die Probleme im nächsten Jahr aktiver angeht. Die Corona-Krise habe das Bewusstsein für nachhaltiges Wachstum geschärft.

Warum sind wir Schuldenweltmeister?

«Weil es interessant ist, sich zu verschulden, wenn das Geld so billig ist», sagt Wealth Management Experte Andrea Colosio von PwC. Die hohe Schuldenlast ist ausserdem auch Ausdruck der hohen Einkommen, sagt Allianz-Experte Holzhausen. «Hohe Schulden muss man sich leisten können.» In den letzten Jahren seien die Schulden zwar nur noch moderat gestiegen. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die aktuell hohen Immobilienpreise, denn ein grosser Teil der Schulden der Schweizerinnen und Schweizer sind Eigenheime bei Banken.

Wie geht es weiter?

Wie bisher, die Vermögen steigen trotz aller Hindernisse wie neue Corona-Varianten und Lieferengpässen weiter. Laut Allianz-Prognose in diesem Jahr um weitere sieben Prozent. Holzhausen erklärt das zum einen mit der guten Wirtschaftsentwicklung und der nach wie vor guten Verfassung der Börsen. Diesen gehe es gut, dank der fortgesetzten Unterstützung der Noten- und Zentralbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik.

Laut Patrick Akiki von PwC zeichnet sich eine Preisteuerung ab, doch weil die Leute nach dem Ende der Corona-Massnahmen wieder ausgehen wollen, gebe das einen positiven Bumerang-Effekt sowohl für die Wirtschaft als auch für die Vermögen der Haushalte. Allianz-Experte Holzhausen warnt aber, dass sich das schnell ändern kann, wenn sich etwa die Preisteuerung hartnäckiger als erwartet erweisen sollte. Das würde die Zentralbanken zum Umdenken zwingen.

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(dpa)

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