Rigorose Massnahmen: Darum hatte Neuseeland 100 Tage keine neuen Corona-Fälle

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Rigorose MassnahmenDarum hatte Neuseeland 100 Tage keine neuen Corona-Fälle

Der Inselstaat hatte über drei Monaten keine neuen Corona-Fälle im Land. Wie war das möglich?

von
Fee Anabelle Riebeling
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Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern hat gut lachen: Knapp zwei Monate nachdem der Inselstaat für Corona-frei erklärt wurde und die meisten Einschränkungen aufgehoben wurden, konnten die Behörden nun mitteilen, dass es seit 100 Tagen im Land zu keiner Infektion mehr gekommen ist.

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern hat gut lachen: Knapp zwei Monate nachdem der Inselstaat für Corona-frei erklärt wurde und die meisten Einschränkungen aufgehoben wurden, konnten die Behörden nun mitteilen, dass es seit 100 Tagen im Land zu keiner Infektion mehr gekommen ist.

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Der Erfolg gründet in weiten Teilen in der sogenannten «Go hard, go early»-Strategie: Früh hatte Neuseeland strikte Massnahmen ergriffen. So schloss Ardern bereits am 19. März 2020 die Grenze. Bis heute sind die Grenzen für fast alle Ausländer geschlossen.

Der Erfolg gründet in weiten Teilen in der sogenannten «Go hard, go early»-Strategie: Früh hatte Neuseeland strikte Massnahmen ergriffen. So schloss Ardern bereits am 19. März 2020 die Grenze. Bis heute sind die Grenzen für fast alle Ausländer geschlossen.

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Alle Einreisenden müssen zunächst 14 Tage in Quarantäne.

Alle Einreisenden müssen zunächst 14 Tage in Quarantäne.

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Darum gehts

  • Keine Coronavirus-Übertragung in Neuseeland während hundert Tagen – das gaben die Behörden am Sonntag bekannt.
  • Neuseeland hatte die Ausbreitung von Sars-CoV-2 mit rigorosen Massnahmen schnell unter Kontrolle gebracht.
  • Update: Am Dienstag wurden in Neuseeland vier neue Fälle gemeldet.

Am 8. Juni erklärte sich Neuseeland offiziell für Coronavirus-frei. Die erste Welle der Pandemie schien überwunden. Doch zehn Tage später folgte die Ernüchterung: Im Inselstaat im Südpazifik gab es drei neue Fälle von Corona-Infizierten. Zu diesem Zeitpunkt waren deren 23 bekannt. Die Betroffenen befanden sich in Quarantäne.

Dabei handelte es sich um einen Anstieg, der eine gute Nachricht barg: Keiner der Patienten hatte sich in Neuseeland infiziert, sondern das Virus aus dem Ausland mitgebracht. Genau 100 Tage war es im Land selbst zu keiner Ansteckung gekommen, verkündete die Gesundheitsbehörde noch am Sonntag – und das, obwohl es seit Juni kaum noch Beschränkungen im Land gibt. Auch wenn am Dienstag erstmals wieder neue Fälle gemeldet wurden, stellt sich die Frage: Wie hat Neuseeland das geschafft?

Lockdown wegen vier neuen Fälle am Dienstag

In der neuseeländischen Grossstadt Auckland ist am Dienstag ein vorübergehender Lockdown angeordnet worden. Nach 102 Tagen ohne lokale Corona-Ansteckung in dem Pazifikstaat waren vier neue Fälle bei einer Familie aus der Millionenmetropole gemeldet worden. Premierministerin Jacinda Ardern sagte vor Journalisten, bislang sei unklar, wo sich die Infizierten angesteckt hätten. «Obwohl wir alle unglaublich hart gearbeitet haben, um dieses Szenario zu verhindern, haben wir es auch geplant und vorbereitet», so Ardern.
In Auckland mit knapp 1,7 Millionen Einwohnern sollen nun zunächst alle Schulen und alle nicht unbedingt notwendigen Geschäfte geschlossen werden. Zudem wurden die Menschen aufgefordert, zuhause zu bleiben. Im Rest des Landes wurden Zusammenkünfte von mehr als 100 Menschen verboten. Der Lockdown soll zunächst für drei Tage – von Mittwoch bis Freitag – gelten. (sda)

«Go hard, go early»

Der Inselstaat hat die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus mit der «Go hard, go early»-Strategie schnell unter Kontrolle gebracht: Schon früh ergriff der Inselstaat rigorose Massnahmen:

Grenze dicht

Bereits am 19. März 2020 schloss Premierministerin Jacinda Ardern die Grenze für Ausländer, nachdem sie gesehen hatte, wie rasant sich Sars-CoV-2 in Europa ausbreitete. Zu diesem Zeitpunkt hatte Neuseeland nur 28 bestätigte Fälle.

Bis heute sind die Grenzen für fast alle Ausländer geschlossen. Nur Bürger des Inselstaates, Menschen mit Wohnsitz in Neuseeland oder deren Familienmitglieder dürfen ins Land. Alle Einreisenden müssen zunächst 14 Tage in Quarantäne.

Strikte Ausgangsbeschränkungen

Am 23. März folgte bei 102 bestätigten Fällen der komplette Lockdown des Landes, der deutlich strenger als jener hierzulande war: Menschen auf der Nordinsel durften Verwandte im Süden nicht besuchen, Spaziergänge nur in der Nachbarschaft stattfinden. Schulen, Take-away-Angebote und Strände waren geschlossen. Geöffnet waren einzig Supermärkte und Apotheken. Wer sich unberechtigt draussen befand, wurde nach Hause geschickt.

Nach rund fünf Wochen wurden die strengsten Beschränkungen gelockert. Die Neuseeländer durften zum Beispiel wieder ins Stadtzentrum oder in die Natur. Auch die Take-aways wurden wieder eröffnet. Weiterhin galt: Homeoffice first, wer von zu Hause arbeiten kann, sollte dies weiterhin tun.

Späte, dafür umfassende Lockerungen

Bevor es die Beschränkungen aufhob, wartete Neuseeland, bis es seine Kurve ganz nach unten gebracht hatte. Als Premierministerin Ardern am 8. Juni ankündigte, dass alle Massnahmen aufgehoben würden, hatten laut CNN.com fast 40’000 Tests in den vorangegangenen 17 Tagen nicht ein einziges positives Ergebnis erbracht. Seither sind die Neuseeländer lediglich angehalten, Abstand zu halten und bei Erkältungssymptomen zu Hause zu bleiben.

Unterstützung der Bevölkerung

Nicht nur die Regierung hat ihren Job gut gemacht, sondern auch die neuseeländische Bevölkerung: Diese befolgte die Massnahmen von Beginn an gut. Knapp 90 Prozent befürworteten im April gemäss einer Umfrage die Einschränkungen und hielten sich daran. «Die Menschen bleiben zu Hause, es ist fast niemand auf der Strasse, und der 2-Meter-Abstand wird befolgt», so Matthias Stadler, Korrespondent in Neuseeland für mehrere deutschsprachige Zeitungen, im April 2020 gegenüber «SRF News».

Keine Maskenpflicht

Tatsächlich spielte das Tragen von Masken bei Neuseelands Weg keine grosse Rolle. Dies allerdings nicht, weil man deren Wirksamkeit anzweifeln würde. Es gab vor allem zwei Gründe: So gab es laut CNN.com zunächst schlichtweg nicht genug Mund-Nasen-Abdeckungen. Dann brauchte es sie aufgrund des Lockdown nicht. Und seit dieser im Juni aufgehoben wurde, gibt es im Inselstaat nur noch so wenig aktive Fälle, dass eine Maskenpflicht wenig Sinn ergeben würde.

Das Gesundheitsministerium schliesst aber nicht aus, dass eine solche doch noch ausgerufen wird. Es empfiehlt allen Haushalten, sich auf einen weiteren möglichen Ausbruch vorzubereiten, indem sie sich mit Masken eindecken. Auch wenn es bis zu dem neuen Fällen am Dienstag seit über 100 Tagen zu keiner Neuinfektion im Land gekommen ist, warnte der oberste Gesundheitsbeamte Ashley Bloomfield davor, nachlässig zu werden: «Wir haben in anderen Ländern gesehen, wie schnell das Virus wieder auftauchen und sich an Orten ausbreiten kann, wo es bereits unter Kontrolle war. Wir müssen darauf vorbereitet sein, neue Fälle in Neuseeland schnell auszumerzen.»

Glückliche Lage

Dass Neuseeland die Corona-Pandemie so gut im Griff hat, hängt sicher auch mit der Lage des Inselstaats im Südpazifik zusammen. Weil es keine Landgrenzen hat, ist es einfacher, zu kontrollieren, wer in das Land einreist, als dies etwa in der Schweiz der Fall ist. Hinzu kommt, dass Neuseeland nicht dicht besiedelt ist. Die knapp 5 Millionen Menschen im Land verteilen sich so gut, das nach Angaben der Weltbank dort nur 18 Menschen auf einem Quadratkilometer leben. Zum Vergleich: In Grossbritannien sind es 275 Personen, in Indien sogar 455.

Kostenlose Tests

Um einen erneuten Corona-Ausbruch zu verhindern oder ihn zumindest schnell zu entdecken, bietet die neuseeländische Regierung kostenlose Covid-19-Tests an. Insgesamt 494’481 wurden in dem Land mit knapp fünf Millionen Einwohnern bereits durchgeführt. Ausserdem setzt Neuseeland auf eine eigene Contact-Tracing-App.

Bisher 22 Tote

Insgesamt wurden in Neuseeland bislang rund 1569 Infektionsfälle gezählt, 22 Personen starben in der Folge der Ansteckung. (Stand: 10. August 2020). Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Krisenmanagement der neuseeländischen Regierung als vorbildlich gelobt.

Update 11. August 2020, 12:00: Am Dienstag sind vier neue Fälle von Covid-Ansteckungen in Neuseeland bekannt geworden. Der Artikel wurde entsprechend aktualisiert.

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