Neue Regel ab Juli - Darum hörst du bei E-Autos bald Sci-Fi-Klänge
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Neue Regel ab JuliDarum hörst du bei E-Autos bald Sci-Fi-Klänge

Elektroautos dürfen nicht mehr so leise sein. Um Unfälle mit Fussgängern zu verhindern, bekommen sie jetzt Töne – die zum Teil ziemlich futuristisch klingen.

von
Fabian Pöschl
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Aufnahme läuft: Porsche speichert den Sound der Verbrenner-Motoren für künstliche Töne am Elektroauto.

Aufnahme läuft: Porsche speichert den Sound der Verbrenner-Motoren für künstliche Töne am Elektroauto.

Porsche
Denn ab Juli müssen alle Elektroautos künstliche Töne erzeugen, damit Fussgänger das Auto bemerken. Darum fährt auch VW ins Tonstudio.

Denn ab Juli müssen alle Elektroautos künstliche Töne erzeugen, damit Fussgänger das Auto bemerken. Darum fährt auch VW ins Tonstudio.

VW
So muss Tesla das Model 3 mit dem Soundsystem nachrüsten.

So muss Tesla das Model 3 mit dem Soundsystem nachrüsten.

20min/Marco Zanger

Darum gehts

  • Ab Juli müssen alle neuen Elektroautos künstliche Töne erzeugen.

  • Damit sollen Unfälle mit Fussgängern vermieden werden.

  • Die Hersteller nehmen sich bei den Tönen viele Freiheiten.

Elektroautos boomen. Ihr Anteil am Gesamtmarkt ist noch einstellig, steigt aber stetig. Laut einer TCS-Umfrage will sich mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer in Zukunft ein E-Auto zulegen. Weil die E-Autos vor allem bei geringem Tempo kaum zu hören sind, könnten sich Strassenanwohner über mehr Ruhe freuen.

Doch für sehbeeinträchtigte Menschen sind Elektroflitzer eine «lautlose Gefahr», wie ein Sprecher des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands zu 20 Minuten sagt. Auch Kinder oder unachtsame Fussgänger, die aufs Smartphone schauen, seien gefährdet. Er sei deshalb froh, dass ab Juli 2021 die Pflicht gilt, dass neue Elektroautos mit einer akustischen Fahrzeugwarnung ausgestattet sein müssen (siehe Box).

Das ist AVAS

Das «Acoustic Vehicle Alerting System», kurz AVAS, besteht aus unter der Karosserie versteckten Lautsprechern. Sie sollen bei Geschwindigkeiten bis 20 km/h und beim Rückwärtsfahren künstliche Warntöne erzeugen und dürfen nicht ausgeschaltet werden. Die Töne müssen den Lärmpegel von 56 bis 75 Dezibel einhalten, was etwa dem Lärm eines Töfflis entspricht. Bei höheren Geschwindigkeiten braucht es das System nicht mehr, weil dann das Abrollgeräusch der Reifen und Luftwirbelungen besser hörbar sind.

AVAS muss laut EU-Verordnung ab 1. Juli 2021 in allen neuen Batterie-Elektroautos, Hybridmodellen oder Wasserstofffahrzeugen (Personenwagen, Kleinbusse, Gesellschaftswagen sowie leichte und schwere Nutzfahrzeuge) enthalten sein. Die Schweiz hat die Verordnung im Rahmen der bilateralen Verträge von der EU übernommen. In den USA gilt seit 2020 ein entsprechendes Gesetz.

Die AVAS-Regel gibt es seit zwei Jahren, allerdings galt sie bislang nur für neue Elektrofahrzeugmodelle. Nun müssen die Autohersteller bis Juli auch die bestehenden Modelle wie den Tesla 3 nachrüsten. «Die zwei Jahre waren eine Schonfrist für die Autowerke, damit diese genügend Zeit zur Umstellung hatten», erklärt ein Sprecher des Bundesamts für Strassen Astra.

Wer allerdings schon ein Elektrofahrzeug besitzt, muss es nicht mehr mit dem System versehen – auch nicht, wenn er es gebraucht weiterverkaufen will. Der Blinden- und Sehbehindertenverband bedauert das: «Wir verstehen, dass das Gesetz nicht rückwirkend gelten darf. Aber wir mussten zehn Jahre dafür kämpfen, es wäre schön, wenn es früher durchgekommen wäre.» Der Verband hofft darauf, dass sich viele E-Auto-Besitzerinnen und -Besitzer freiwillig für AVAS entscheiden.

USA will mit AVAS 2400 Fussgängerunfälle pro Jahr verhindern

Dem Blinden- und Sehbehindertenverband sind wie auch dem Astra bislang noch keine Unfälle in der Schweiz bekannt, bei denen Passantinnen und Passanten wegen leisen Elektroautos verunfallten. Doch in den USA, wo deutlich mehr E-Wagen auf den Strassen rollen, schätzt die dortige Verkehrsbehörde, dass dank AVAS künftig etwa 2400 Fussgängerunfälle pro Jahr verhindert werden können.

Beim Astra ist man zuversichtlich, dass das neue Feature einen grossen Sicherheitsgewinn bringt, wenn in den Städten vermehrt Elektroautos rumkurven: «Wir haben mit der Verordnung rechtzeitig auf die Folgen des E-Auto-Booms reagiert», sagt ein Sprecher.

«Auch herkömmliche Autos hört man fast nicht»

Der deutsche Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer hält die AVAS-Verordnung dennoch für fragwürdig, wie er zu 20 Minuten sagt. Die Autowelt habe sich weiterentwickelt. Viele neue Fahrzeuge seien teilautomatisiert unterwegs, das gelte gerade für E-Autos. Mit intelligenten Systemen wie dem Notbremsassistenten seien diese viel sicherer als mit AVAS.

Dudenhöffer würde statt eines Soundsystems am Auto eine App am Handy bevorzugen, mit der Sehbeeinträchtigte mit bestimmten Frequenzen auf nahende Gefahren auf der Strasse aufmerksam gemacht werden sollen. Denn in den Städten herrsche ohnehin so viel Lärm, dass man das Piepsen eines Autos nicht mehr rechtzeitig wahrnehmen könnte.

Der Auto-Experte ergänzt, dass auch herkömmliche Autos mit Verbrennermotor mittlerweile sehr leise und damit kaum zu hören sind. «Wenn jemand rückwärts rausfährt mit einem Start-Stop-System, das es heute in fast allen Autos gibt, dann hört das niemand», so Dudenhöffer.

Beim Blinden- und Sehbehindertenverband zieht das Argument nicht. «Wenn ein BMW oder VW startet, höre ich das und habe noch eine Sekunde, um wegzuspringen. Aber beim Tesla höre ich den Start nicht und weil der noch schneller beschleunigt, ist der Unfall vorprogrammiert», sagt E-Auto-Projektleiter Joel Favre.

Er würde sich deshalb wünschen, dass Elektroautos ständig Geräusche von sich geben, auch wenn sie etwa an einer Ampel stillstehen.

Produzenten setzen auf futuristische Klänge

Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband würde sich zudem wünschen, dass die Hersteller auf klar erkennbare Töne und keine Fantasiegeräusche setzen, doch diesen Wunsch erfüllen die Produzenten nicht: Sie setzen lieber auf futuristische Klänge.

Die Grünen-Nationalrätin Marionna Schlatter befürchtet deshalb, dass die E-Auto-Hersteller AVAS als Tuning verstehen und den künstlichen Lärm als Lifestyle produzieren. Sie reichte deshalb eine Interpellation ein, die noch nicht behandelt wurde.

VW liess den Klang für die ID-Baureihe von Leslie Mandoki komponieren, der Mitglied der Popband Dschingis Khan und später als Produzent für Phil Collins oder Lionel Richie aktiv war.

BMW holte sich die Hilfe des Hollywood-Komponisten Hans Zimmer, der schon für die Musik von Blockbustern wie «König der Löwen» oder «Fluch der Karibik» verantwortlich war.

Die Toningenieure bei Audi mixten für den Klang des e-tron GT 32 Tonspuren bei, darunter auch den Sound eines Akkuschraubers, wie der «Spiegel» berichtet.

Fiat lässt den finnischen Stimmkünstler Rudi Rok ans Mikrofon und lässt beim Erreichen der 20-km/h-Marke die Melodie aus Federico Fellinis Filmkomödie «Amarcord» spielen.

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