Tim Harford: Darum ist Chaos gut für die Wirtschaft
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Tim HarfordDarum ist Chaos gut für die Wirtschaft

Unordnung macht kreativer, Unsicherheit macht erfolgreicher, Chaos ist eine Chance. Der Ökonom Tim Harford wünscht sich mehr Durcheinander.

von
R. Knecht
Interlaken

«Sie werden überrascht sein, wie viel Sie erreichen können», sagt Tim Harford im Interview mit 20 Minuten. (Video: rkn)

Probieren geht über Studieren – das ist das Motto von Tim Harford. Er ist Ökonom, Schriftsteller und Journalist und vertritt die These, dass Chaos und Frustration gut für die Wirtschaft und den Menschen sind. Am Swiss Economic Forum (siehe Box) sprach Harford darüber, warum das Chaos seiner Ansicht nach nichts Schlechtes, sondern eine Chance ist.

• Neue Lösungen

«Immer, wenn wir ein neues Hindernis antreffen, sind wir gezwungen, einen neuen Weg darum herum zu finden», sagte Harford vor den rund 1300 Geschäftsleuten in Interlaken. Chaotische Zustände könnten helfen, kreative Lösungsansätze zu finden.

• Weniger Selbstsicherheit

In einem Experiment hätten Forscher festgestellt, dass Menschen, die einander nicht kennen und sich dadurch weniger sicher fühlen, zusammen Probleme besser lösen können als eine Gruppe von Freunden. «Wenn man sich kennt, ist man viel selbstsicherer», so Harford. Doch dadurch werde man möglicherweise weniger erfolgreich.

• Unangenehm, aber hilfreich

Harford betont, dass Chaos grundsätzlich als unangenehm empfunden wird. Man müsse sich aber bewusst sein, dass es trotzdem hilfreich sein könne, um Probleme zu lösen. Sein Beispiel ist ein Musiker, der auf einem Klavier in schlechtem Zustand sein bestes Werk spielte, weil er sich besonders anstrengte, um die Mängel des Instruments zu kompensieren. «Wir uns sollten alle mal hinsetzen und das unspielbare Klavier spielen», so der Ökonom.

• Wo etwas ensteht, herrscht Unordnung

Dass in Büros die Idee vorherrscht, dass alles schön sauber sein muss, findet Harford seltsam. «Gehen Sie mal da hin, wo etwas gemacht wird – eine Autowerkstatt, eine Restaurantküche oder ein Künstleratelier –, da ists überall unordentlich», sagte der Brite in Interlaken. Natürlich brauche es in bestimmten Bereichen Ordnung, aber nicht nur. Harford bevorzugt eine Balance zwischen Ordnung und Chaos, ein «dynamisches Chaos», wie er es nennt.

• Zu viel Ordnung

In der Wirtschaft sieht Harford oft, dass die Ordnung Überhand nimmt und kreative Ideen darum nicht innerhalb eines Unternehmens vollständig realisiert werden können. Wenn jemand in einer Firma eine gute Idee hat, brauche es oft eine komplett neue Firma, um diese erfolgreich umzusetzen. Der Grund dafür: Im alten Unternehmen haben sich die überholten Vorstellungen und Ideen schon so eingefressen, dass sich Kreativität kaum entfalten kann.

Sehen Sie das Interview mit Tim Harford im Video oben.

Swiss Economic Forum 2018

Das 20. Swiss Economic Forum (SEF) fand am 7./8. Juni in Interlaken statt. Die Wirtschaftskonferenz hatte dieses Jahr das Motto «Hello from the other side». Damit wollten die Veranstalter den Fokus auf grenzüberschreitende Innovation betonen. So sprachen am SEF Referenten und Referentinnen aus aller Welt. Bei den insgesamt 1350 Besuchern lag der Frauenanteil bei 20 Prozent, 5 Prozent mehr als im Vorjahr. SEF-CEO Dominik Isler bezeichnete die Quote als «immer noch wenig».

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