25.10.2020 16:56

Das Interview zur heissen PhaseDarum ist das Rennen zwischen Donald Trump und Joe Biden noch völlig offen

Nach den TV-Debatten tritt der US-Wahlkampf in seine heisse Phase. Was daran so heiss ist, wieso Umfragen wenig taugen, wieso es jetzt aufs Geld ankommt und welche Wähler wichtig werden – alles im Interview mit Politologe Alexander Trechsel von der Uni Luzern.

von
Ann Guenter
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Donald Trump bei einer Wahlkampf-Rally in Lumberton, North Carolina. «Macht man den Fernseher an: Covid, Covid, Covid, Covid, Covid», beschwerte sich der US-Präsident. 

Donald Trump bei einer Wahlkampf-Rally in Lumberton, North Carolina. «Macht man den Fernseher an: Covid, Covid, Covid, Covid, Covid», beschwerte sich der US-Präsident.

REUTERS
Die Zahl der Coronavirus-Infektionen in den USA an einem Tag stieg auf mehr als 83’000 – der bisher höchste Wert. Trump führt die Entwicklung darauf zurück, dass mehr als früher getestet werde. 

Die Zahl der Coronavirus-Infektionen in den USA an einem Tag stieg auf mehr als 83’000 – der bisher höchste Wert. Trump führt die Entwicklung darauf zurück, dass mehr als früher getestet werde.

keystone-sda.ch
Nach der Präsidentenwahl am 3. November werde man «von Covid» nichts mehr hören, so Trump. 

Nach der Präsidentenwahl am 3. November werde man «von Covid» nichts mehr hören, so Trump.

keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Jetzt beginnt die heisse Phase im US-Wahlkampf.

  • Konnten Donald Trump und Joe Biden und ihre Vize-Kandidaten in den TV-Debatten etwas reissen ?

  • Auf welche Wähler kommts an? Und wer hat eigentlich mehr Geld zur Verfügung, Biden oder Trump?

  • Kann man den Umfragen trauen?

  • Politologe Alexander Trechsel von der Uni Luzern im grossen Interview.

Herr Trechsel*, war die letzte TV-Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden matchentscheidend für den Ausgang der US-Wahl 2020?

Nein. Bis zum Schlussspurt am 3. November kann noch einiges passieren – vor allem in diesem Wahlkampf, der sich durch konstante Schockmeldungen charakterisiert. Diese letzte TV-Debatte stellt jedenfalls keinen Schlusspunkt im Wahlkampf dar, es beginnt vielmehr eine sehr intensive letzte Periode im Wahlkampf. Trump und Biden werden sich durch Werbung und Auftritte weiter intensiv an die Wähler richten.

An wen richten sich die beiden eigentlich – immerhin sind nur 3 bis 5 Prozent der Wähler in den USA noch unentschlossen?

Es geht jetzt nicht mehr in erster Linie um Botschaften oder darum, den Wahlentscheid per se zu beeinflussen. Es geht vor allem darum, die eigenen Wähler zu aktivieren, damit sie an die Urnen gehen. Die Leute zum Abstimmen zu bringen – das ist letztlich der Hauptkampagnen-Effekt, zumal die Stimmbeteiligung in den USA traditionell tief liegt.

Es geht jetzt nicht mehr in erster Linie um Botschaften»

Alexander Trechsel

Interessieren sich die Amerikaner nicht für Politik oder wieso ist das so?

Das hat in erster Linie mit dem komplizierten Wahlsystem zu tun. Dazu kommt, dass schlechter gestellte, bildungsferne Schichten oft Mühe haben, sich zu registrieren und abzustimmen. In den USA ist Wählen, gerade im Vergleich mit der Schweiz, mit besonders hohen Kosten verbunden, die sich nicht alle leisten können. Und in diesem Jahr kommt auch noch das Coronavirus hinzu, was das Abstimmen zusätzlich erschwert.

Wie lautet Ihr Fazit nach den drei TV-Debatten zwischen Trump und Biden sowie den beiden Vize-Kandidaten?

Es waren drei sehr unterschiedliche Debatten. Im Gedächtnis haften bleiben dürfte die erste zwischen Trump und Biden, weil es dort tumultartig zu- und herging und das Rededuell zu einem sehr unanständigen Hahnenkampf verkam. Die Debatte der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten war meiner Meinung nach besser, es ging dort effektiv um Politik. Das letzte Duell von Trump und Biden ähnelte in Stil und Inhalt schliesslich jenem der Vize-Kandidaten. Beiden Kandidaten war zuvor bestimmt geraten worden, sich bei diesem Auftritt zu mässigen. Besonders Trump verhielt sich fast schon unnatürlich zahm bei der letzten Debatte.

Nicht alle können es sich leisten, zu wählen.»

Alexander Trechsel

Welche der Debatten hat unter den noch unentschlossenen Wählern am meisten überzeugt und warum?

Das ist schwer zu sagen. Doch dürfte die Anzahl derjenigen, die sich wegen der Debatten für einen Kandidaten entschieden haben, in diesem enorm polarisierten Wahlkampf eher klein sein.

Welche Wählerschichten werden matchentscheidend sein?

Trump setzt – unter anderem – erneut auf die «suburban women», die Vorort-Frauen, und auf weisse Männer ohne höhere Ausbildung. Bei Biden sind es weisse, höher Gebildete und Afroamerikaner. Auf die Stimmen der Latinos sind beide angewiesen.

Es ist für den Wahlausgang entscheidend, ob jemand in Florida oder Pennsylvania wählt.»

Alexander Trechsel

Und in den Swing States?

Die Latinos dürften in mehreren Swing States entscheidend sein. Allerdings zählt hier wirklich jede Stimme. Denn hier haben die Stimmen mehr Gewicht als eine demokratische Stimme in Kalifornien oder eine republikanische Stimme in Alabama oder Missouri. Es ist also für den Wahlausgang entscheidend, ob jemand beispielsweise in Florida oder Pennsylvania den einen oder anderen Kandidaten wählt.

Was ist mit den jungen Wählern, denjenigen, die von beiden Politikern die Nase voll haben?

Auf sie setzt vor allem Biden, indem er auf Zukunftsversprechen und eine fortschrittliche Klimapolitik setzt. Doch viele junge Wähler wollten eigentlich Bernie Sanders ihre Stimme geben. Ein Teil wird nun für Biden stimmen, aber eben: wohl nur ein Teil. In den Swing States werden zudem die Erstwähler wichtig sein. Deswegen wird dort derzeit auch am meisten investiert.

Wem steht im Wahlkampf mehr Geld zur Verfügung, Biden oder Trump?

Biden hat einiges mehr Geld reingeholt. Das ist mittlerweile ein grösseres Problem für die Trump-Kampagne, denn Biden stehen für die letzten elf Tage noch viel mehr Mittel für TV-Werbung und dergleichen zur Verfügung. Die Demokraten führen schon länger und intensiver Wahlkampf, als es das Trump-Team tat. Obschon: Trump betreibt im politischen Alltag eigentlich ständig Wahlkampf.

Biden hat einiges mehr Geld reingeholt.»

Alexander Trechsel

Wie wichtig ist der virtuell geführte Wahlkampf?

Er wurde bereits 2008 von Barack Obama zelebriert. Die Demokraten setzten hier neue Massstäbe. Aber bei Hillary Clinton zeigte sich dann 2016, dass Online-Werbekampagnen allein nicht reichen. Auch hier gilt: Es geht nicht nur um die Botschaft, es geht vor allem auch darum, Geld hereinzuholen. Derzeit laufen die virtuellen Spenden bei den Demokraten besser als beim Trump-Team, weil sie schon länger und gezielter dran sind. Sie setzten zudem von Anfang an auch auf kleinere Spenden – im Gegensatz zum Trump-Team, das sich in erster Linie auf grosse Spendenbeträge fokussierte.

Einige Umfragen sind politisch motiviert.»

Alexander Trechsel

Trauen Sie den nationalen Umfragen, wonach Biden in Führung liegt?

Nein. Die jetzigen Umfragen sind alles Momentaufnahmen, und relativ unscharfe dazu. Die Tendenz spricht zwar für Biden – doch das war schon 2016 bei Hillary Clinton so. Die Umfragen haben grundsätzlich für enge Rennen zu hohe Fehlerquoten. Das sieht man gerade in den Swing States, in denen die Umfragen einiges weniger deutlich ausfallen als auf der nationalen Ebene. Also: Im Umgang mit den Umfragen muss man sehr vorsichtig sein – zumal einige auch politisch motiviert sind.

Sie rechnen also mit einem knappen Rennen?

Ja, absolut – auch wenn das Ergebnis in den meisten Bundesstaaten feststeht, da können wir die Elektorenstimmen eigentlich bereits festsetzen. Knapp wird es aber in den Swing States wie Florida, Ohio oder Pennsylvania. 2016 machten beispielsweise in Michigan mit immerhin 16 Elektorenstimmen nur gerade 13’000 Stimmen den Unterschied.

Wird es so knapp, dass am 4. November kein Sieger feststeht?

Das ist durchaus eine Möglichkeit. Gewinnt Donald Trump deutlich, wird nicht viel passieren. Unterliegt er aber – und das muss nicht einmal knapp sein –, ist unklar, ob er die Niederlage akzeptieren will. Das hat Trump ja bereits mehrfach durchblicken lassen.

Manche befürchten, es könnte in diesem Fall zu einem Bürgerkrieg kommen. Sie auch?

Das glaube ich nicht, nein. Es könnte sehr wohl zu Scharmützeln und Unruhen kommen, wie wir sie bei den «Black Lives Matter»-Protesten oder beim Aufmarsch von Bürgermilizen sehen. Dass es aber zu grossflächigen Unruhen kommen könnte bei einer Niederlage von Trump, ist eher ein Angstszenario, das Extremisten beider Seiten beschwören.

Ein Angstszenario, das Extremisten beider Seiten beschwören.»

Alexander Trechsel

Wen sehen Sie als Sieger der Präsidentschaftswahlen 2020?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, das wäre Kaffeesatzleserei und unseriös.

*Alexander H. Trechsel ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Luzern.

Donald Trump vs. Joe Biden

FAHRPLAN

03.11. Wahltag

14.12. Electoral College wählt Präsident und Vize

6.1.21. Auszählung der Stimmen der Wahlmänner und -frauen

20.1.21 Amtseinführung in Washington

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