Terror im Irak: Darum ist Isis erfolgreicher als Al Kaida
Aktualisiert

Terror im IrakDarum ist Isis erfolgreicher als Al Kaida

Die Terrororganisation Isis hat starke Verbündete im Irak - und die haben mit Religion nicht viel am Hut, sagt Nahost-Experte Arnold Hottinger.

von
Katrin Moser

Seit Anfang Juni haben Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und in der Levante (Isis) weite Teile des Nordiraks erobert. Besetzte Grenzposten ermöglichen den Terroristen freien Zugang zu ihren Kämpfern in Syrien. Der irakischen Armee gelang es nicht, den Vormarsch aufzuhalten. Der ausgewiesene Nahost-Kenner Arnold Hottinger erklärt 20 Minuten, wie es dazu kam.

Herr Hottinger, warum konnten Isis-Kämpfer die Millionenstadt Mosul so leicht einnehmen?

Mosul war schon seit Jahrhunderten eine Hochburg der Sunniten. Nach dem Einmarsch der USA und Grossbritannien in den Irak entwickelte sich die Stadt ausserdem zu einem Sammelbecken von Radikalen und Anhängern Saddam Husseins. Viele Mitglieder der damaligen Regierungspartei Baath liessen sich in Mosul nieder, genauso wie Angehörige der aufgelösten irakischen Armee.

Von wie vielen Militärs sprechen Sie?

Das sind ungefähr 100'000 ehemalige Militärangehörige, darunter rund 7000 Offiziere. Das sind viel mehr als die geschätzten 10'000 Isis-Kämpfer im Land. Die Militärs sind zudem alle hoch qualifiziert und bestens ausgerüstet.

Woher stammen die Ausrüstungen?

Aus unterschiedlichen Quellen. Da sind einmal Ausrüstungen aus den Restbeständen der ehemaligen irakischen Armee. Dann gab es Überfälle auf Militärlager der irakischen und US-amerikanischen Streitkräfte. Und schliesslich steuert auch die Isis Kriegsmaterial bei, an das ihre Kämpfer im Syrienkrieg gelangen oder das sie selber kauft.

Sind diese Sunniten und ehemaligen Armee- und Baath-Angehörigen jetzt alle für Isis?

Es ist ein Zweckbündnis mit einem gemeinsamen Feind, mehr nicht.

Und der gemeinsame Feind sind die Schiiten?

Nein, so einfach ist das nicht. Es stimmt zwar, dass die irakischen Sunniten unter schiitischen Milizen und den schiitisch dominierten Regierungstruppen leiden und auch vom Profit aus dem Ölhandel ausgeschlossen sind. Das hat im Irak Tradition: Wer an der Macht ist, unterstützt seine Glaubensbrüder. Zuvor - seit dem Osmanischen Reich bis zum Sturz von Saddam Hussein - herrschten die Sunniten. Doch der gemeinsame Feind in diesem Zweckbündnis sind nicht einfach die Schiiten, sondern der irakische Ministerpräsiden Nuri al-Maliki.

Weshalb ist Maliki bei den Sunniten derart verhasst?

Maliki war zu Zeiten Saddam Husseins ein schiitischer Aktivist und lebte im Exil. Den Sprung an die Macht schaffte er nach dem Sturz von Hussein mit US-Hilfe. Seither hat er seine Stellung gefestigt, indem er sich völlig auf schiitische Getreue stützte und die Sunniten entmachtete. Dadurch verschärfte er die religiösen Spannungen im Land.

Das Zweckbündnis scheint sehr erfolgreich zu sein.

Viele Orte, die mehrheitlich von Sunniten bewohnt sind, konnte Isis praktisch ohne Gegenwehr einnehmen. Die Regierungstruppen waren an abgelegenen, sunnitischen Orten nur mit wenigen Leuten präsent, und die zogen oft kampflos ab. Aber es stimmt schon, dass die Isis stark vom militärischen Know-how ihrer Verbündeten profitiert. Das sind Strategen und Taktiker. Doch langfristig sind in diesem Zweckbündnis Reibungen programmiert.

Wie meinen Sie das?

Beide Seiten wollen an die Macht. Aber die eine Seite - die Baathisten und die Militärs - ist säkular ausgerichtet. Es gibt in ihren Reihen auch Schiiten und sogar Christen. Isis hingegen will einen Gottesstaat errichten. Das geht selbst vielen Sunniten im Irak zu weit.

Trotzdem unterstützt die sunnitische Bevölkerung die Isis-Kämpfer.

Teilweise. Das hängt auch von den jeweiligen lokalen Stammesführern ab. Nicht alle sunnitischen Stammesführer unterstützen Isis. Allerdings sind auch hier Reibungen programmiert, denn die Stammesführer wollen keinen islamistischen Staat. Zudem sind sie Individualisten, und sie haben - im Gegensatz zu den Isis-Kämpfern - bereits Erfahrung im Regieren.

Isis hat sich gute Verbündete gesucht. Was macht sie sonst noch besser als andere Terrororganisationen?

Sie gibt sich weniger elitär als etwa die Al-Nusra-Front, der offizielle Al-Kaida-Ableger in Syrien. Diese steckt neue Kämpfer immer erst in eine Art Quarantäne, bis sie sicher ist, dass die Neuen vertrauenswürdig sind. Isis nimmt alle. Das macht sie attraktiv für ausländische Dschihadisten. Ausserdem hat Isis eine perfekte Propagandamaschinerie im Internet und den Sozialen Netzwerken. Dazu kommt, dass der Isis-Führer Abu Bakr al-Baghdadi zuerst im Irak, dann auch in Syrien aktiv war und heute in beiden Ländern tätig ist. So konnte er Synergien schaffen.

Kann man Isis militärisch aufhalten?

Das kann ich nicht beurteilen. In den sunnitischen Teilen des Landes wird dies schwer sein, weil Isis die Sympathie grosser Bevölkerungsteile besitzt. Doch in den gemischten Teilen und vor allem weiter südlich in den rein schiitischen Regionen wird die Isis auf entschlossenen Widerstand der gesamten Bevölkerung stossen. Ausserdem ist bekannt, dass Isis über Bodentruppen, Fahrzeuge und Raketen verfügt. Sie ist also sehr beweglich. Man müsste die Isis-Kämpfer aus der Luft angreifen. Doch die irakische Armee hat keine Kampfflugzeuge. Die sind zwar bestellt, aber noch nicht geliefert.

Welche Lösung gibt es für den Irak?

Das weiss man nicht. Entscheidend ist jetzt, ob es gelingt, in Bagdad eine Regierung zu bilden, die sich nicht nur auf die Schiiten stützt. Die Regierungsbildung soll ab dem 1. Juli beginnen. Aber eines ist sicher: Wenn Maliki an der Macht bleibt, gibt es einen vollen Bürgerkrieg.

Arnold Hottinger

Der Nahost-Experte, langjährige NZZ-Korrespondent und Publizist veröffentlichte zahlreiche Bücher über den Islam, Arabien und den Nahen Osten, von denen einige als Standardwerk gelten.

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