Aktualisiert 11.06.2018 23:39

Schändlich unterschätztDarum ist «Tully» besser als jeder Superhelden-Film

Bisher lief das Mutterschafts-Drama mit Oscar-Preisträgerin Charlize Theron eher unter dem Radar. Dabei ist der Film ein Meisterwerk. Fünf Gründe.

von
mel

Das Mutterschafts-Drama um die heillos überforderte Dreifachmama Marlo (Charlize Theron) unterhält mit Witz und Dringlichkeit. <i>(Trailer: Ascot Elite)</i>

Nach der Startwoche in der Deutschschweiz steigt «Tully» auf Platz 6 der Schweizer Kino-Charts ein. Und landet damit direkt hinter «Star Wars» und den anderen Superhelden- und Action-Blockbustern, welche zu dem Zeitpunkt die Top-Plätze, vor allem aber die News dominieren.

Ist das ungerecht? Kaum. Die Fantasy-Helden sind in diesem Jahr besonders stark und wir alle lechzen mal nach Eskapismus. Trotzdem schafft «Tully», was keine der grossen Popcorn-Produktionen kann: Der Film betrifft uns – und zwar alle.

Fünf Gründe, warum «Tully» auf jede Watch-List gehört:

1. Der Film schafft Verständnis und Wertschätzung für den Elternjob

Schlafentzug und postnatale Depression dürften nach Celebrity-Outings weitläufig ein Begriff sein. Von Windeln im Wochenbett, blutenden Brustwarzen und veränderten Post-Baby-Folgen für Ü40-Bodies erfahren manche aber erst, wenn das Kind da ist. «Tully» zeigt auch die vermeintlich kleinen Leiden zwischen grossen Dramen.

2. Die Dialoge treffen den Nerv

«Mom, was läuft mit deinem Körper falsch?», «Warum ist es so sauber im Haus?», «Du kannst doch nicht dein ganzes Leben outsourcen?» Was im Film besprochen wird, sagt weit mehr über Stereotype und gesellschaftlichen Druck aus als über Marlos (Charlize Theron) allfällige Unzulänglichkeit.

3. Der Reminder: Kinder zu bekommen bedeutet, das Ego abzugeben

Selbst wenn eine eigene Familie schon immer der grosse Traum war, stellt sich mit der Umsetzung die Frage nach dem eigenen Ego. Im Film opfert Marlo ihres auf, Gatte Drew schützt seines mit Ignoranz. Am Ende wird klar: Kommunikation ist der Schlüssel, dass beide überleben – vor wie nach dem Entscheid.

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4. Die Nachtnanny-Diskussion zeigt Lösungen auf

Versager-Stigma, finanzieller Druck: Der Fall Marlo zeigt, wie in Zeiten von Zukunftsangst und Selbstoptimierung die mentale Gesundheit unserer Gesellschaft den Bach runtergeht. «Tully» macht klar, wie dringlich Unterstützung wäre. Aber auch, dass sie für die meisten Familien aktuell Utopie bleibt. Der Staat ist gefragt.

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5. Womöglich sehen wir einen Oscar-Kandidaten im Kino

Der gesamte Cast spielt gut, Charlize Theron einmal mehr in einer anderen Liga. «Tully» kann fachlich wie inhaltlich ausserhalb der Kinosäle Wellen schlagen. Sprich, der Film hat Oscar-Potenzial.

«Tully» läuft aktuell in den Deutschschweizer Kinos.

Zum Film: «Tully» erzählt die Geschichte von Marlo (Charlize Theron), die vor der Geburt ihres dritten Kinds bereits mit einer postnatalen Depression, dem Alltag danach und der ungeklärten Verhaltensauffälligkeit ihres Zweitgeborenen kämpft. Als Geburtsgeschenk für Baby Nummer Drei bietet Marlos neureicher Bruder Craig (Mark Duplass) der Familie eine Nachtnanny an. Die Dreifach-Mum zögert, doch lässt sich von «Tully» einlullen - am Ende anders und viel mehr als allen Beteiligten bewusst ist. Der neue Film von Drehbuch-Autorin Diablo Cody und Regisseur Jason Reitman vereint Witz mit Schwere und Dringlichkeit, unterhält dennoch wie gutes Popcorn-Kino.

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