«Sprache ändert sich» - Darum kannst du in Wien, München und Berlin nicht mehr schwarzfahren
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«Sprache ändert sich»Darum kannst du in Wien, München und Berlin nicht mehr schwarzfahren

Wer kein gültiges Billett hat, fährt schwarz. Verkehrsbetriebe in Deutschland und Österreich verzichten nun auf diese sprachliche Wendung. Was macht die Schweiz?

von
Reto Heimann
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«Wer schwarz fährt, muss Eier haben». Solche Kampagnen wird man bei den Berliner Verkehrsbetrieben künftig nicht mehr sehen.

«Wer schwarz fährt, muss Eier haben». Solche Kampagnen wird man bei den Berliner Verkehrsbetrieben künftig nicht mehr sehen.

BVG
Stattdessen spricht man dort nun von «Fahren ohne gültigen Fahrschein».

Stattdessen spricht man dort nun von «Fahren ohne gültigen Fahrschein».

20min/Marco Zangger
Ähnlich handelt man das in Wien, wo man auch nicht mehr von «Schwarzfahren» spricht.

Ähnlich handelt man das in Wien, wo man auch nicht mehr von «Schwarzfahren» spricht.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • In München, Berlin und Wien sprechen die Verkehrsbetriebe nicht mehr von «Schwarzfahren».

  • «Sprache ist etwas Lebendiges und ändert sich immer wieder», heisst es in Wien.

  • In der Schweiz ist keine Sensibilisierungs-Kampagne gegen den Begriff geplant.

In Wien wurden 2020 zwei Prozent der Fahrgäste in den öffentlichen Verkehrsbetrieben ohne gültiges Billett kontrolliert. Sie fuhren schwarz.

Genau diese stehende sprachliche Wendung möchte man bei den Wiener Linien, die die U-Bahnen, Trams und Busse in der Stadt betreiben, künftig aber nicht mehr verwenden. Darüber berichtet heute.at. «Sprache ist etwas Lebendiges und deshalb ändert sich auch der Sprachgebrauch immer wieder einmal. Um etwaige Missverständnisse zu vermeiden, sprechen wir schon seit geraumer Zeit von Fahrgästen ohne gültigen Ticket», teilen die Wiener Linien mit.

Das hat auch konkrete Auswirkungen auf die Info-Kampagnen der Wiener Linien. Sei 2020 wurden Plakate schrittweise ausgetauscht. Auf der Homepage der Wiener Linien fand sich der Begriff «Schwarzfahren» letztmalig Mitte Februar 2021. Auch die ÖBB, die nationale Zuggesellschaft Österreichs, teilt mit: In der Kommunikation und in den Beförderungsbestimmungen «wird die Formulierung ‹reisen ohne gültiges Ticket› verwendet».

«Wer schwarz fährt, muss Eier haben»

Auch die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) hat mittlerweile systematisch alle Plakate ausgetauscht, auf denen die Wendung «Schwarzfahren» zu lesen war. Hingen früher in den Bussen, Trams und U-Bahnen noch Kleber mit dem Spruch: «Schwarzfahren kostet 60 Euro», steht da nun: «Ehrlich fährt am längsten.» Darüber berichtet «Bild».

Ähnlich handhabt man das bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Um das Diversity-Programm des Berliner Senats einzuhalten, spricht man bei den BVG nun konsequent vom «Fahren ohne gültigen Fahrschein». Noch 2016 warben die BVG in einer Kampagne mit dem Statement: «Wer schwarz fährt, muss Eier haben».

«Menschen verstehen, was gemeint ist»

Wie sieht es in der Schweiz aus? Immerhin führen die zusammengeschlossenen Schweizer Verkehrsbetriebe ein gemeinsames «Schwarzfahrer-Register». Bei der Allliance Swiss Pass, in der 250 Transportunternehmen und 18 Verbünde zusammengeschlossen sind, heisst es auf Anfrage: «Schwarzfahrer-Register heisst es nur im Volksmund. Intern hat das Dokument einen anderen Namen», sagt Thomas Ammann, Mediensprecher von Alliance Swiss Pass.

Generell spreche man bei den Schweizer Verkehrsbetrieben seit Längerem von «Reisenden ohne gültigen oder mit teilgültigem Reiseausweis. «Im Gespräch mit Reisenden kann es aber schon vorkommen, dass Mitarbeitende der Verkehrsbetriebe die Wendung «Schwarzfahren» verwenden. Das liegt schlicht daran, dass es eine Wendung ist, bei der die meisten Menschen verstehen, was gemeint ist», so Ammann. Es sei nicht geplant, eine Sensibilisierungskampagne gegen die Verwendung des Begriffs zu fahren.

Woher kommt der Begriff?

Beim Zürcher Verkehrsverbund verzichtet man ebenfalls auf den Begriff «Schwarzfahren» und spricht stattdessen von «Reisenden ohne gültiges Ticket», sagt Milena Ragaz, Sprecherin beim ZVV. «Offiziell wird ‹Schwarzfahren› als Begriff nicht mehr verwendet. Weil der Begriff im Volksmund stark verbreitet ist, können wir ihm uns aber nicht ganz entziehen», so Ragaz.

Woher kommt die Wendung eigentlich? Ein Sprachforscher erklärt, dass sie mit der Farbe «schwarz» offenbar gar nichts zu tun hat. Stattdessen komme der Begriff vom jiddischen Wort «shvarts», was «Armut» bedeutet. Das erklärte der Sprachwissenschaftler Eric Fuss der «Münchner Abendzeitung». Wer schwarz fährt, ist laut dieser Herleitung also eigentlich einfach zu arm, um sich ein Billett leisten zu können.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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