Preisschock: Überrissene Aufschläge bei Schweizer Detailhändler – «Teuerung als Vorwand»
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PreisschockÜberrissene Aufschläge bei Schweizer Detailhändler – «Teuerung als Vorwand»

Kaffee, Butter, Käse und Bier sind nur einige der Produkte, die sich massiv verteuert haben. Wie lassen sich diese Preissteigerung rechtfertigen? Oft gar nicht, schreibt «Ktipp».

von
Marcel Urech
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Die Preise im Schweizer Detailhandel sind nach oben geschnellt: Einkaufen ist nun deutlich teurer als noch im Januar. Die Importpreise sind seit Januar zwar auch rauf, aber viel weniger stark als die Preise im Laden.

Die Preise im Schweizer Detailhandel sind nach oben geschnellt: Einkaufen ist nun deutlich teurer als noch im Januar. Die Importpreise sind seit Januar zwar auch rauf, aber viel weniger stark als die Preise im Laden.

Tamedia
Coop sagt auf Anfrage, dass man von den Lieferanten auch oft Preisforderungen aufgrund höherer Kosten für Transporte, Energie, Packmaterial und Hilfsstoffe wie Dünger erhalte.

Coop sagt auf Anfrage, dass man von den Lieferanten auch oft Preisforderungen aufgrund höherer Kosten für Transporte, Energie, Packmaterial und Hilfsstoffe wie Dünger erhalte.

20min/Simon Glauser
Der Importpreis für Spaghetti ist zwischen Januar und März um zwei Prozent gestiegen, bei Migros kostet die M-Budget-Variante nun aber 33,3 Prozent mehr.

Der Importpreis für Spaghetti ist zwischen Januar und März um zwei Prozent gestiegen, bei Migros kostet die M-Budget-Variante nun aber 33,3 Prozent mehr.

Tamedia/Christian Pfander

Darum gehts

  • Die Preise für Lebensmittel haben in der Schweiz seit Januar deftig angezogen.

  • Die Preise für Warenimporte stiegen im gleichen Zeitraum zwar auch – aber viel weniger stark.

  • Viele Firmen nutzten die Teuerung als Vorwand, um die Preise zu erhöhen, sagt ein Ökonom.

  • Die Geschäfte wehren sich und verweisen auf die gestiegenen Kosten für Verpackungen und Energie.

Das Leben in der Schweiz hat sich stark verteuert: Die Preise für Mieten, Hypotheken, Möbel, Ferien, Netflix, Benzin, Heizöl und für den Häuserbau sind nach oben geschnellt, dasselbe gilt für KaffeeBrot und Gipfeli, Joghurt, Butter und Käse sowie Früchte und Bier.

Oft sind die Preiserhöhungen aber nicht gerechtfertigt, wie «Ktipp» schreibt. Wer Produkte importiere, bezahle zwar mehr. Die Preise für die Importe seien aber weniger stark gestiegen als die Preise in den Läden. Das Konsumentenmagazin orientierte sich für seine Auswertung an den Produzentenpreisen, die das Bundesamt für Statistik ausweist. Sie enthalten alle Kosten, die bis zur Schweizer Grenze anfallen.

Das sagen Migros und Digitec Galaxus

Das Magazin listet 36 Produkte, bei denen die Ladenpreise mehr aufschlugen als die Importpreise. Der Importpreis für Spaghetti ist zum Beispiel zwischen Januar und März um zwei Prozent gestiegen, bei Migros kostet die M-Budget-Variante nun aber 33,3 Prozent mehr.

Die Detaillistin verteidigt sich: Der Preis von Hartweizen sei heute rund 80 Prozent höher als noch vor einem Jahr, und von den «massiv gestiegenen Kosten» für Verpackungen und Energieträger sei «kaum bis gar nicht die Rede», heisst es auf Anfrage. «Die Migros hat die Preise in den vergangenen drei Jahren um insgesamt 500 Millionen Franken gesenkt und wir werden auch in Zukunft auf Marge verzichten.»

So hat sich der Preis der Weissweingläser Voice Basic von Villeroy & Boch seit dem Verkaufsstart bei Galaxus entwickelt. Der Händler Digitec Galaxus weist darauf hin, dass die Preisentwicklung der Gläser für die Kundschaft jederzeit nachvollziehbar sei. Der Onlineshop zeigt dafür grafische Preischarts an.

So hat sich der Preis der Weissweingläser Voice Basic von Villeroy & Boch seit dem Verkaufsstart bei Galaxus entwickelt. Der Händler Digitec Galaxus weist darauf hin, dass die Preisentwicklung der Gläser für die Kundschaft jederzeit nachvollziehbar sei. Der Onlineshop zeigt dafür grafische Preischarts an.

Screenshot galaxus.ch

Galaxus verkauft Weingläser mit einem Aufschlag von 70,6 Prozent, obwohl sich die Beschaffung bloss um 2,4 Prozent verteuerte. Digitec Galaxus sagt auf Anfrage, dass man auf den Importpreis auch die Kosten für die Einlagerung der Ware draufschlagen müsse, wie auch die für die höheren Verpackungs- und Versandkosten.

Das sagen Coop und Lidl

Für den Bohnenkaffee Chicco d’Oro Tradition in der 1-Kilogramm-Packung bezahlte Coop den Lieferanten im März rund 3,3 Prozent mehr als im Januar. Im Laden betrug der Aufschlag aber laut Ktipp 13,4 Prozent. Coop sagt auf Anfrage, dass nicht nur die gestiegenen Preise der importieren Waren und Rohstoffe relevant seien. Man erhalte von den Lieferanten auch oft Preisforderungen aufgrund höherer Kosten für Transporte, Energie, Packmaterial und Hilfsstoffe wie Dünger.

Das Ruchbrot Panellino kostet bei Lidl über neun Prozent mehr, obwohl die Preise für Brotgetreide laut Fritz Glauser, Präsident des Getreideproduzentenverbandes, etwa gleich blieben. Und wer bei Lidl das Rapsöl Vita d’Or kauft, bezahlt 28 Prozent mehr als im Januar. Der Importpreis ging aber bloss um 3,6 Prozent rauf.

Lidl schreibt der Redaktion, dass man die Preisveränderungen nicht nur mit steigenden Rohstoff- und Energiepreisen begründen könne. Relevant seien auch die Wetterlage, Ernteprobleme, die Verfügbarkeit der Produkte bei den Produzentinnen und Produzenten, die weltweite Liefersituation und der Ukraine-Krieg.

Die Redaktion sprach auch mit Daniel Lampart über die hohen Preise für Lebensmittel und Energie (siehe Box). Der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes zeigte sich überzeugt davon, dass zahlreiche Firmen die Teuerung als eine gute Gelegenheit erachten, um den Profit zu erhöhen. Obwohl ein Teil der Händlerinnen und Händler immer noch Produkte aus dem Lager anbiete, die sie bereits vor Monaten günstig einkauften.

Auch Energie wird teurer – so reagiert der Bundesrat

Am 4. Mai verkündete der Bundesrat, dass das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung ein neues System erhalte. Es soll bei Strommangellagen helfen, schneller zu handeln. Er bildete auch ein Krisenteam, das Mangellagen bei Gas erkennen soll. Da die Schweiz vom Ausland abhängig ist, stellt sich die Frage, was der Bund weiter tun kann. Matthias Geissbühler von Raiffeisen Schweiz zeigt hier Optionen auf. 

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