Hohe Fallzahlen – Darum lassen sich Ungeimpfte trotz fünfter Welle nicht impfen
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Hohe FallzahlenDarum lassen sich Ungeimpfte trotz fünfter Welle nicht impfen

Die steigenden Infektionszahlen und drohenden Massnahmen führen gegenüber Ungeimpften zu einer zunehmend negativen Stimmung. Wie geht es ihnen? Fühlen sie eine Mitschuld an der Situation? Verstehen sie die Vorwürfe? Wir haben mit vier von ihnen geredet.

von
Bettina Zanni
Claudia Blumer
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Trotz der steigenden Fallzahlen bleiben einige Ungeimpfte bei ihrem Entscheid, sich nicht impfen zu lassen. 

Trotz der steigenden Fallzahlen bleiben einige Ungeimpfte bei ihrem Entscheid, sich nicht impfen zu lassen.

Getty Images/iStockphoto
«Keine Impfung der Welt wird aber je eine Garantie sein, den Tod zu verhindern», sagt Nicole.

«Keine Impfung der Welt wird aber je eine Garantie sein, den Tod zu verhindern», sagt Nicole.

20min/Marvin Ancian
Nicole: «So wie ich mich gegen eine Impfung entschieden habe, haben sich andere für eine Impfung entschieden.»

Nicole: «So wie ich mich gegen eine Impfung entschieden habe, haben sich andere für eine Impfung entschieden.»

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Die neue Corona-Welle stimmt Betriebswirtschafterin Nicole (38), Informatiker Marcel (58), Student Joel (25) und Schriftstellerin Maria (53) bei ihrem Entscheid gegen die Impfung nicht um.

  • «Über Leben und Tod hat immer noch Gott das letzte Wort», sagt Nicole.

  • «Meine Einstellung zum Impfen und das Misstrauen gegenüber den Impfstoffen hat sich in den letzten Wochen nur noch verstärkt», sagt Marcel.

  • «Ich finde den Vorwurf, man sei als ungeimpfte Person unsolidarisch, fehl am Platz», sagt Joel.

  • «Man sucht jetzt einfach schwarze Schafe, so tickt der Mensch», sagt Maria.

Die Zahlen explodieren, das Gesundheitspersonal ist am Limit – fühlst du eine Mitschuld?

Nicole (38), Betriebswirtschafterin:

«Es ist total frustrierend, dass wir in einer erneuten Corona-Welle sind. Das Personal, das vielleicht wieder ans Limit kommt, tut mir unglaublich Leid. Das finde ich wirklich traurig. Dennoch bringt mich diese Situation nicht zu einer Impfung. Ich steckte mich im September wahrscheinlich bei meinem Sohn mit Corona an, der das Virus von der Schule einschleppte. Ich bin dankbar, dass ich einen milden Verlauf hatte. Da ich genesen bin, ist die Impfung für mich erst recht kein Thema mehr.

Ich bedauere jeden Menschen, der ungeimpft oder geimpft im Spital liegt. Es ist tragisch, wenn doppelt Geimpfte oder Ungeimpfte einen schweren Verlauf haben. Menschen, die den Ungeimpften die Schuld an der neuen Welle geben, fällen meines Erachtens ein vorschnelles Urteil.

Es gibt unendlich viele verschiedene Faktoren, die dazu beitragen, dass wir eine neue Welle haben. Geimpfte infizieren sich ebenfalls und tragen das Virus weiter (siehe Box, Anm. der Red.). So wie ich mich gegen eine Impfung entschieden habe, haben sich andere für eine Impfung entschieden. Was unsere Gesellschaft braucht, ist gegenseitiger Respekt anstatt eine Spaltung der Gesellschaft!

Es ist schön, dass wir die Möglichkeit haben, uns freiwillig zu impfen. Keine Impfung der Welt wird aber je eine Garantie sein, den Tod zu verhindern. Über Leben und Tod hat immer noch Gott das letzte Wort.»

Wie gestaltet sich der Alltag für dich als ungeimpfte Person?

Marcel (58), Informatiker

«Am Arbeitsplatz herrscht eine ständige Spannung. Man geht sich lieber aus dem Weg, statt sich wie früher zum Kaffee zu treffen und sich auszutauschen. Das Misstrauen hat über die Kameradschaft gesiegt, und ich hoffe, dass sich das wieder ändern wird. Es gibt Arbeitskollegen, die nur noch von zuhause aus arbeiten und von mir wissen wollen, wann ich mich endlich impfen lasse, damit auch sie sich wieder trauen, ins Büro zu kommen. Oder sie fragen sogar, wann ich als einer dieser Ungeimpften endlich zuhause bleibe, dass dies das Beste für alle wäre. Es ist reines Mobbing. Ich versuche, es nicht zu ernst zu nehmen.

Meine behinderte Schwester, die im Heim lebt, kann ich als Ungeimpfter ohne Test-Zertifikat nicht besuchen, die früher regelmässigen Mittagspausen mit Freunden finden kaum mehr statt. Es ist traurig, aber wahr. Und die Medien verbreiten gebetsmühlenartig immer die gleiche Leier von den Infektionszahlen, wobei die Frage nach den effektiv Erkrankten ausgeblendet wird.

Meine Einstellung zum Impfen und das Misstrauen gegenüber den Impfstoffen hat sich in den letzten Wochen nur noch verstärkt.»

Eine neue Welle ist angerollt – kommst du auf deinen Impf-Entscheid zurück?

Joel (25), Student:

«Für ältere Menschen und Risikogruppen macht es sicher mehr Sinn, wenn sie sich impfen lassen. Aber für mich als junger, gesunder Mensch sehe ich kein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis. Schweden und Finnland haben den Moderna-Impfstoff bei jungen Menschen sogar ausgesetzt, da er ein erhöhtes Risiko für Herzentzündungen berge. Der Impfstoff steht in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Ich finde es unangebracht, indirekt in die körperliche Unversehrtheit von Minderjährigen einzugreifen. Deshalb finde ich den Vorwurf, man sei als ungeimpfte Person unsolidarisch, fehl am Platz. Mein Impfstatus macht mich nicht unsolidarisch und jemandem deswegen ein schlechtes Gewissen einzureden, beendet die Pandemie genauso wenig.

Zudem verhalten sich alle westlichen Länder unsolidarisch gegenüber Entwicklungs- und Schwellenländern, indem Impfungen gehortet werden und sogar Impfungen entsorgt werden müssen, da sie abgelaufen sind, während die ärmeren Länder immer noch zu wenig Impfstoffe haben.

Ich finde es sicher nicht optimal, wenn in den Spitälern wieder Operationen verschoben werden müssten, weil zu wenige Menschen geimpft sind. Allerdings könnten laut aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen Hospitalisierungen reduziert werden, indem vermehrt auf medikamentöse Corona-Behandlungen gesetzt wird. Im Hinblick auf den über die Zeit abnehmenden Impfschutz wäre dies ein weiteres vielversprechendes Standbein, um die Hospitalisierungen zu senken.»

Was müsste passieren, dass du dich noch impfen lässt?

Maria (53), Schriftstellerin:

«Diese Frage finde ich total daneben, sie ist auch sehr hypothetisch. Was passieren müsste? Vielleicht eine Omega-Variante, die alle 53-Jährigen sofort tötet? Nein, im Ernst. Natürlich bleibe ich bei meinem Entscheid. Und dennoch sage ich niemals nie.

Wenn es aus medizinischen Gründen nötig wäre, würde ich mich impfen lassen. Wenn ich eine Risikopatientin wäre. Doch das bin ich nicht, und ich lebe auch nicht riskant. Ich bin selten in Menschenansammlungen, bin viel in der Natur. Geimpfte reisen jetzt ohne Tests in der Welt umher. Ist das solidarisch? Das Gerede von der Solidarität ist Blödsinn. Wenn es ernsthaft darum ginge, die Pandemie zu bremsen, hätte man von Anfang an eine Testpflicht auch für Geimpfte erlassen. Man sucht jetzt einfach schwarze Schafe, so tickt der Mensch. Und man findet sie in den Ungeimpften. Das ist so einfach.

Ich konsumiere in diesen Zeiten weniger Mainstream- und mehr andere Medien. Ich beobachte, wie sich die Lage in anderen Ländern entwickelt. Dass beispielsweise in Gibraltar, wo die Impfquote bei Erwachsenen über 90 Prozent beträgt, die Fallzahlen steigen und die Massnahmen verschärft werden. Das alles bestärkt mich. Ich bin nicht prinzipiell gegen die Impfung, habe selber die Grund-Impfungen bekommen. Für einige ist die Covid-Impfung lebensrettend. Doch ich brauche sie nicht.»

Fakten zur Impfung

Der Corona-Faktencheck von 20 Minuten ordnet verschiedene Meldungen rund um das Coronavirus ein. Das Wichtigste zur Impfung:

• Die Impfung schützt. Zu Impfdurchbrüchen kommt es aber, weil die verfügbaren Impfungen gegen die dominante Delta-Variante weniger wirksam sind als gegen das Ursprungsvirus oder die Alpha-Mutante. Zudem nimmt der Schutz vor Ansteckung – nicht aber der Schutz vor einem schweren Verlauf – mit der Zeit ab. Beides führt zu einer höheren Zahl von Impfdurchbrüchen.

• Auch gegen Covid-19 geimpfte Personen können sich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infizieren. In der Regel bleiben sie asymptomatisch oder haben einen leichten Verlauf.

• Am Gerücht, wonach mRNA-Impfstoffe die DNA verändern und so Krebs entstehen lassen, ist nichts dran. Die Impfstoffe von Pfizer-Biontech sowie Moderna enthalten keine DNA, sondern mRNA. Diese Moleküle sind im Körper instabil und werden schnell abgebaut.

•Zu lange nach einer Impfung aufgetretenen Nebenwirkungen kam es noch nie. «Was man bei Impfungen unter Langzeitfolgen versteht, sind Nebenwirkungen, die zwar innerhalb von wenigen Wochen nach der Impfung auftreten, die aber so selten sind, dass es manchmal Jahre braucht, bis man sie mit der Impfung in Zusammenhang gebracht hat», zitiert die DPA den Immunologen Carsten Watzl.

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