30.06.2020 19:12

1000 Franken Prämie

Darum lockt die Swiss Angestellte zur freiwilligen Kündigung

Die Airline bietet bestimmten Mitarbeitern 1000 Franken, wenn sie freiwillig kündigen. Das ist zwar legal, könnte den Betroffenen aber später Ärger beim RAV einbrocken.

von
Raphael Knecht
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Flugbegleiter in Ausbildung bei der Swiss sollen für eine freiwillige Kündigung 1000 Franken erhalten. (Symbolbild)

Flugbegleiter in Ausbildung bei der Swiss sollen für eine freiwillige Kündigung 1000 Franken erhalten. (Symbolbild)

Swiss
 80 Personen haben laut der Airline das Angebot erhalten. (Symbolbild)

80 Personen haben laut der Airline das Angebot erhalten. (Symbolbild)

KEYSTONE
Grundsätzlich gebe es keine gesetzlichen Richtlinien gegen solche einvernehmlichen Vertragsauflösungen, sagt Anwalt Nicolas Facincani, der auf Arbeitsrecht spezialisiert ist.

Grundsätzlich gebe es keine gesetzlichen Richtlinien gegen solche einvernehmlichen Vertragsauflösungen, sagt Anwalt Nicolas Facincani, der auf Arbeitsrecht spezialisiert ist.

Voillat Facincani Sutter + Partner

Darum gehts

  • Auszubildende Flugbegleiter, die freiwillig kündigen, kriegen von der Swiss 1000 Franken.
  • Wer das macht, hat womöglich danach Probleme beim RAV.
  • Die Swiss will mit der Massnahme den Stellenabbau möglichst schmerzlos gestalten.
  • Viele Flugbegleiter müssen die Zeit nach der Krise wohl woanders überbrücken.
  • Bis die Lufthansa und ihre Töchter wieder auf den Beinen sind, dürfte es Jahre dauern.

Die Swiss versucht derzeit, ihre Angestellten mit einem Bonus von 1000 Franken zur Kündigung zu bewegen. Konkret geht es um Flugbegleiter in Ausbildung, die noch keine Flugerfahrung haben. An Ausbildungen hat die Swiss derzeit wegen der Coronavirus-Krise keinen Bedarf – schliesslich bleibt ihr Flugplan bis auf weiteres massiv eingeschränkt. 80 Personen haben laut der Airline das Angebot erhalten.

Das Unternehmen rechnet mit einem massiven Stellenabbau. Sollten genügend Angestellte auf das Aufhebungsangebot eingehen, kann die Airline vielleicht verhindern, dass sie selbst Kündigungen aussprechen muss. Die Swiss setze alles daran, Kündigungen zu verhindern, sagt Sprecher Marco Lipp zu 20 Minuten. Sollte eine betroffene Person auf die Aufhebungsvereinbarung nicht eingehen, werde der Vertrag aber weiterhin aufrechterhalten.

Probleme beim RAV

Darf eine Firma ihren Angestellten überhaupt so ein Angebot machen, um die Kündigung zu verhindern? Grundsätzlich gibt es keine gesetzlichen Richtlinien gegen solche einvernehmlichen Vertragsauflösungen, sagt Anwalt Nicolas Facincani, der auf Arbeitsrecht spezialisiert ist.

Er gibt aber zu bedenken, dass man Schwierigkeiten beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) haben könnte, sollte man nach der Kündigung bei der Swiss arbeitslos sein: «Das RAV sieht, dass man selbst gekündigt hat, und verhängt Straftage, sogenannte Einstelltage.» Dann hat man weniger Anspruch auf Taggelder.

Laut Facincani kann es in so einer Situation aber unter Umständen dennoch möglich sein, dem RAV die Situation zu erklären. Dann könnte man je nachdem doch die gleiche Unterstützung erhalten, die man auch bei einer unfreiwilligen Kündigung bekommen hätte – oder es würden zumindest die Einstelltage reduziert.

Schmerzloser Stellenabbau

Die Swiss dürfte mit dem 1000-Franken-Bonus vor allem versuchen, die Auswahl der abzubauenden Stellen möglichst schmerzlos zu gestalten, sagt der ehemalige Lufthansa- und Swissair-Personalchef Matthias Mölleney zu 20 Minuten: «Vielleicht gibt es solche, die sich eh schon überlegen, etwas anderes zu machen – die motiviert man so, von sich aus zu gehen.»

Für Mölleney haben alle Arbeitnehmer bei der Swiss etwas von diesem Bonus: «Wer gehen will, freut sich über die 1000 Stutz extra – wer bleiben will, ist froh um jeden, der das Angebot annimmt.» Solange niemand zu einer Kündigung gezwungen werde, handle es sich bei diesem Bonus um eine sehr gute Massnahme.

Überbrückung für Flugbegleiter

Und was passiert mit den auszubildenden Flugbegleitern – müssen sie umsatteln? «Es sollte möglich sein, die Zeit zu überbrücken», ist Mölleney überzeugt. Wenn es erst mal einen Impfstoff gebe, könne es recht schnell gehen, bis wieder mehr Cabin Crew benötigt werde.

Für den Personalexperten wäre etwa denkbar, dass die Flugbegleiter die Zeit in der Logistik eines Onlinehändlers überbrücken: «Eben da, wo jetzt Leute gebraucht werden.» Nach etwa einem Jahr könnten sie dann wieder in die Flugbranche zurückkehren, schätzt Mölleney.

1900 ARBEITSPLÄTZE GEFÄHRDET

Stellenabbau trotz Milliardenhilfe

Die Swiss soll mit Notkrediten von rund 1,3 Milliarden Franken unterstützt werden. Dennoch droht ein Stellenabbau bei der Fluggesellschaft, wie die Medien bereits Anfang Mai berichteten. Damit das Unternehmen einen staatlich garantierten Kredit erhielt, legte es einen Businessplan mit Sparmassnahmen vor. Im Raum steht, die Kostenbasis um 15 bis 20 Prozent zu senken. Dafür seien Entlassungen unumgänglich. Insgesamt müssten demnach 1500 bis 1900 von 9500 Stellen gestrichen werden, um das Ziel zu erreichen.

Den von der Vertragsauflösung betroffenen Personen hat die Swiss ein 36 Monate langes Wiedereintrittsrecht zugesprochen. Sobald die Airline wieder Bedarf beim Kabinenpersonal hat, könnten sie dann ohne ein erneutes Auswahlverfahren direkt in einen Grundkurs zurückkehren.

5 bis 6 Jahre, bis Lufthansa sich erholt

Weniger optimistisch ist der Aviatik-Experte William Agius von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Schliesslich gebe es noch keinen Impfstoff, und die Lufthansa geht davon aus, dass es fünf bis sechs Jahre dauern wird, um die Firma wieder auf die Beine zu stellen. «Das scheint mir nicht übertrieben», so der Experte.

Agius hält es darum für vermessen, zu glauben, dass Lufthansa-Töchter wie die Swiss die Pandemie ohne einschneidende Veränderungen werden bewältigen können. Derzeit stelle sich vor allem die Frage, wie lange der Atem der Fluggesellschaften noch reiche.

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74 Kommentare
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die ungläubige

01.07.2020, 17:43

genau, wer selber kündigt oder eine Aufhebungsvereinbarung unterschreibt kann mal mit einer Sperrung von mindestens 1 1/2 Monatslöhnen beim RAV rechnen. Um ehrlich zu sein, wer sich in der jetzigen Zeit darauf einlässt und nur gierig auf die 1000.- ist ohne eine Stelle zu haben, dem sollte man noch viel mehr streichen!!!!

René

01.07.2020, 11:42

Wenn schon soll Swiss künden und einen Monat zusätzlich bezahlen.

Swiss Pilot

01.07.2020, 08:50

Die Swiss verkauft täglich viele Flüge die sie nicht durchzuführen gedenken. So kommt Geld rein ohne dass wer den Fingen krümmen muss.