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Virus-Mutation breitet sich ausDarum machen die 28 Mutationsfälle dem BAG Angst

Die ansteckendere Virus-Mutation aus Grossbritannien wurde nun auch innerhalb der Schweiz übertragen. Experten sagen, was das für die Corona-Strategie bedeutet.

von
Daniel Graf
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In England hat die Mutation des Coronavirus mutmasslich zu einem rasanten Anstieg der Fallzahlen geführt.

In England hat die Mutation des Coronavirus mutmasslich zu einem rasanten Anstieg der Fallzahlen geführt.

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Auch die Spitaleintritte sind in England in die Höhe geschnellt.

Auch die Spitaleintritte sind in England in die Höhe geschnellt.

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Das Land geht deshalb erneut in einen Lockdown.

Das Land geht deshalb erneut in einen Lockdown.

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Darum gehts

  • Die Coronavirus-Mutation aus Grossbritannien verbreitet sich in der Schweiz.

  • Experten befürchten einen neuerlichen explosionsartigen Anstieg der Fallzahlen.

  • Am Mittwoch entscheidet der Bundesrat über eine Verlängerung oder Verschärfung der Massnahmen.

Die Ausbreitung der Coronavirus-Mutation B.1.1.7 aus Grossbritannien bereitet Experten Sorge. 28 Fälle wurden bisher in der Schweiz entdeckt, erstmals auch solche, bei denen kein Bezug zum Ausland oder zu einer Person, welche kürzlich im Ausland war, festgestellt werden konnte. «Wenn wir diese Infektionsketten nicht unterbinden können, besteht die Gefahr, dass die Mutation weitere Infektionswellen auslöst», sagte Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim BAG.

Die Personen, bei denen die neue Variante festgestellt wurde, werden deshalb vom Contact-Tracing viel intensiver befragt. Wie schnell die neue Virusmutation sich ausbreiten kann, beschreibt die Epidemiologin und Virenforscherin Emma Hodcroft auf Twitter: «In Grossbritannien steigen die Fallzahlen fast senkrecht an. Die Situation in England ist sehr, sehr besorgniserregend und kein anderes Land möchte sich darin wiederfinden.» Auch in Dänemark sei der Anteil der Mutationen bei den sequenzierten Viren kontinuierlich angestiegen: Innerhalb von vier Wochen von 0,2 auf 2,3 Prozent.

«Sehr besorgt wegen neuer Variante»

Die Reisebeschränkungen für Grossbritannien hätten den restlichen Ländern etwas Zeit verschafft. Dennoch müssten diese sich auf den Kampf gegen die neue Variante vorbereiten. Hodcroft schlägt dafür vor, die Sequenzierung und das Testen hochzufahren, die Fallzahlen runterzubringen, die Reiserichtlinien zu überdenken und auch die Schulen zu berücksichtigen.

Auch die Virologin Isabella Eckerle meldete sich kurz nach der Pressekonferenz auf Twitter zu Wort. «Kurz und bündig: Ja, ich bin sehr besorgt wegen der neuen Variante und ja, wir brauchen unbedingt sofort harte Massnahmen, um die Ausbreitung zu verlangsamen», schrieb Eckerle.

«Es braucht jetzt mutige Entscheide»

Weshalb die Schweiz sich vor der Grossbritannien-Mutation so in Acht nehmen muss, erklärt Jan Fehr, Professor und Leiter des Departements Public & Global Health der Universität Zürich: «Wir müssen davon ausgehen, dass das Virus schon weiter verbreitet ist in der Bevölkerung als die 28 entdeckten Fälle. Das ist wie ganz am Anfang der Pandemie: Die Lunte brennt und wenn wir nichts tun, kann es zum explosionsartigen Anstieg der Fallzahlen kommen.» Derzeit weisen weniger als ein Prozent der sequenzierten Stichproben die Virusmutation auf.

Weil die Schweiz die gesamte Pandemie nicht wirklich im Griff habe, könnte es laut Fehr zur «Welle auf der Welle» kommen: «Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, doch wenn zusätzlich zu den herkömmlichen Fällen nun auch noch innert kurzer Zeit eine grosse Anzahl Infektionen mit der Mutation kommen, wird es für das Gesundheitssystem extrem schwierig.»

Und das gerade jetzt, wo mit der Impfung ein Silberstreifen am Horizont zu sehen sei. «Es ist ein Rennen gegen die Zeit und die Mutation droht uns auf der Zielgerade zu überholen», sagt Fehr. Er plädiert deshalb für mutige Entscheide: «Aus epidemiologischer Sicht wäre es jetzt wichtig, griffige, schweizweit gültige Massnahmen zu haben, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen.»

«Situation entspannt sich»

Optimistischer zeigt sich der Public Health-Experte Antoine Flahault, der an der Universität Genf 7-Tage-Trends für diverse Länder prognostiziert: «Derzeit entspannt sich die Situation in der Schweiz», sagt er. Vor der Weihnachtspause habe die Deutschschweiz in den meisten Kantonen einen Anstieg der Fälle und Todesfälle verzeichnet. «Obwohl die Fallzahlen meist auf hohem Niveau bleiben, beobachten wir in vielen Kantonen entweder eine stagnierende Aktivität oder sogar einen Rückgang. Ähnliche Trends sehen wir bei den Sterbefallzahlen», sagt Flahault.

Bundesrat entscheidet am Mittwoch

Am Mittwoch kommt der Bundesrat zur ersten Sitzung im neuen Jahr zusammen. Bereits vorab wurde spekuliert, was er beschliessen könnte. Die Taskforce des Bundes mahnt seit Monaten, dass der R-Wert auf 0,8 gedrückt werden müsse, um eine Halbierung der Fallzahlen alle zwei Wochen zu erreichen. Das wurde trotz immer härterer Massnahmen bisher nicht erreicht: Der R-Wert für den 25. Dezember (aktuellster Stand) liegt bei 0,89. Nun steht eine Verlängerung des Beizen-Lockdowns bis Ende Februar im Raum. Das Gastgewerbe zeigte sich erzürnt und forderte Unterstützungsmassnahmen. Grüne und GLP forderten derweil härtere Massnahmen, insbesondere im Bereich Homeoffice und Fernunterricht. Grünen-Präsident Balthasar Glättli ging gar noch einen Schritt weiter und forderte, die Schliessung von Läden und Skigebieten zu prüfen.

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