Aktualisiert 07.12.2017 09:53

Kritik an SRF-Serie «Wilder»Darum nervt das Schweizerdeutsch im TV

«Wilder» ist eine Erfolgsserie. Regelmässig schalten über eine halbe Million Zuschauer den SRF-Krimi ein. Doch eine Kritik hört man immer wieder: Die Dialoge tönten komisch.

von
lme

Wir haben drei Szenen aus der fünften «Wilder»-Folge nachsynchronisiert. Und sind gescheitert. Der 20-Minuten-Synchron-Fail in drei Akten. (Video: 20 Minuten mit Material von SRF)

Egal, wie erfolgreich und gut gemacht eine Serie ist – Kritik gibts immer. Das ist auch bei der SRF-Krimiserie «Wilder» nicht anders. Nebst viel Lob für die eisgekühlte Produktion von Regisseur Pierre Monnard oder die schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller Sarah Spale und Marcus Signer wird ein Punkt immer wieder bemängelt: Die Dialoge wirkten aufgesetzt, seien hölzern vorgetragen und hätten wenig mit Gesprächen zu tun, wie sie in der echten Welt ablaufen.

Eines vorab: Bei Filmen oder Serien in Schweizer Dialekt ist die Kritik an den Dialogen immer besonders laut. Davon können auch die Macher des Schweizer «Tatorts» ein Liedchen singen. 20 Minuten hat mit dem Autor von «Wilder» und drei Experten gesprochen und gefragt, warum das Schweizerdeutsche immer wieder zu reden gibt.

«Wilder»-Headautor Béla Batthyany:

«Wir neigen dazu, in schweizerdeutschen Filmen genauer hinzusehen und hinzuhören, weil sich die erlebte Fiktion direkt vor unserer eigenen Haustüre abspielt und unsere eigene Realität abzubilden versucht. Also erkennen wir falsche Autonummern, Biersorten oder Uniformen schneller. Und wir klopfen Worte oder Dialoge aufmerksamer auf deren Authentizität und Realitätsnähe ab.»

Gabriela Kasperski, Autorin und Expertin für Dialekt-Fragen im Film:

«Dialekt ist eine sehr private Angelegenheit und trifft normalerweise direkt ins Herz. Passiert das nicht, dann bin ich besonders sauer. Aus diesem Grund reagieren viele auf Dialekt-Filme besonders sensibel. Das grösste Problem ist aber: In der Ausbildung von Schauspielern, Regisseuren oder Drehbuchautoren hat der Dialekt keine Bedeutung. Schauspieler trainieren sich vielmehr mühsamst jegliche Form von Dialekt ab, damit sie ein lupenreines Bühnendeutsch sprechen. Viele Schweizer Schauspieler haben im Film noch nie Schweizerdeutsch gesprochen und machen das oft zum ersten Mal, wenn ein Auftrag vom SRF kommt. Ich habe mit dem ‹Wilder›-Team, nachdem die erste Staffel abgedreht war, einen Workshop zum Thema Dialekt gemacht, und ich bin sicher, dass vieles davon in die zweite Staffel einfliessen wird und das Sprachniveau besser sein wird.»

Professor Beat Siebenhaar, der sich an der Uni Leipzig als Sprachwissenschaftler unter anderem mit der sprachlichen Vielfalt von Dialekten auseinandersetzt:

«Das Problem ist, dass der Dialekt im Film eine etwas andere Funktion hat als im Alltag. Im Alltag wird der Dialekt als lockere Sprache wahrgenommen, im Film dagegen soll er deutlich ausgesprochen und verständlich sein. Dasselbe zeigt sich auch bei einer Predigt oder bei einer öffentlichen Ansprache. Insgesamt ist das aber nicht ein Problem des Dialekts, sondern der Formalität. Das sieht man beispielsweise bei der Kritik an Til Schweigers Sprache, die ja nicht dialektal ist.»

Anne-Regula Keller vom Verein Schweizerdeutsch, der die Webplattform Mundartforum.ch betreibt:

«Soweit ich das beurteilen kann, sprechen die Schauspielerinnen und Schauspieler authentische Mundart in ihren je eigenen Dialektfärbungen, wenn auch sicher der generellen Verständlichkeit wegen nicht besonders urchig und möglicherweise sorgfältiger artikuliert als im Alltag. Ebenfalls der Verständlichkeit wegen fallen sich die Sprechenden allerdings kaum je ins Wort, anders als im richtigen Leben. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass sich das Schweizer Publikum eher nicht an TV-Krimis in Dialekt gewöhnt ist. Lange wurden vor allem Kinder- und Heimatfilme sowie Komödien auf Schweizerdeutsch ausgestrahlt.»

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