Universität Basel: Darum opferst du mit Pumpen deine Ausdauer
Aktualisiert

Universität BaselDarum opferst du mit Pumpen deine Ausdauer

Viele Sportler kennen das Dilemma: Entweder sie trainieren auf Kraft oder Ausdauer. Jetzt haben Basler Forscher herausgefunden, warum Muskeln nicht beides können.

von
las
1 / 8
Wer seine Muskeln auf Kraft und Masse pumpt, verliert an Ausdauer. Das weiss auch Fitness- und Personaltrainer Tim Kid (hinten) vom Indigo Fitness Club Zürich mit Lehrling Liam Eisenhut.

Wer seine Muskeln auf Kraft und Masse pumpt, verliert an Ausdauer. Das weiss auch Fitness- und Personaltrainer Tim Kid (hinten) vom Indigo Fitness Club Zürich mit Lehrling Liam Eisenhut.

dk
Forscher der Universität Basel um Christoph Handschin haben herausgefunden, wieso das so ist. Der Botenstoff BDNF baut nicht nur die Muskel um, sondern verändert auch die Schnittstelle zwischen Muskulatur (grün) und Nervensystem (rot).

Forscher der Universität Basel um Christoph Handschin haben herausgefunden, wieso das so ist. Der Botenstoff BDNF baut nicht nur die Muskel um, sondern verändert auch die Schnittstelle zwischen Muskulatur (grün) und Nervensystem (rot).

Wer sich so viel Muskelmasse antrainiert wie der US-Bodybuilder und ehemalige Mister Olympia Phil Heath, opfert zwangsläufig die Ausdauer seiner Muskulatur. Dafür nimmt die Kraft zu.

Wer sich so viel Muskelmasse antrainiert wie der US-Bodybuilder und ehemalige Mister Olympia Phil Heath, opfert zwangsläufig die Ausdauer seiner Muskulatur. Dafür nimmt die Kraft zu.

Wikimedia

Im vergangenen Jahr besuchten in der Schweiz rund 900'000 Personen ein Fitness-Center. Das geht aus dem Branchenreport des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenterverbandes hervor. Doch wer im Gym Krafttraining betreibt, setzt der Ausdauer seiner Muskulatur zu.

In Fitnesskreisen weiss man das schon länger, nicht aber, warum das so ist. Ein Team von Basler Forschern um Christoph Handschin hat das Rätsel nun durch Untersuchungen bei Mäusen gelöst. Dabei sind die Wissenschaftler auf einen hormonähnlichen Botenstoff gestossen, der vom Muskel selbst gebildet wird und diesen bei entsprechendem Training auf Kraft programmiert. Gleichzeitig sorgt er aber auch dafür, dass die Ausdauermuskulatur abgebaut wird.

Konkret: Wer in der Muckibude mit schweren Gewichten pumpt um möglichst viel Muskelmasse zu gewinnen, hat auf Dauer keine Ausdauer mehr. Durch das auf Kraft ausgerichtete Training wandelt der Körper in den eingesetzten Muskelgruppen die ausdauernden in die starken Fasern um, «um sich an die Belastung anzupassen, der er ausgesetzt ist», erklärt Studienleiter Christoph Handschin.

«Muskel soll bis zur Erschöpfung trainiert werden»

«Man sieht keinen Bodybuilder Marathon laufen», sagt Tim Kid, Fitness- und Personaltrainer beim Indigo Fitness Club in Zürich. «Beide Muskelformen gleichermassen aufbauen ist sehr schwierig», sagt er. Kid rät darum zu einem möglichst breiten und ausgeglichenen Training. «Ein grosser Anteil von Kraft- aber auch Koordinations- und Schnelligkeitstraining ist sehr wichtig.» Das heisse aber nicht, dass man nicht an seine Grenzen gehen darf. Im Gegenteil: «Es ist wichtig, dass der Muskel bis zur Erschöpfung trainiert wird», sagt Kid. «Dann wählt der Körper, ob es zu einer Querschnittsvergrösserung kommt oder man in den Ausdauerbereich kommt.»

«Gesundheitssportler sind von diesem Effekt weniger betroffen als Profis», sagt Christoph Handschin. Bei ersteren stünde beim Training vor allem der Nutzen für das Herz-Kreislauf-System im Vordergrund. Letztere könnten aber durchaus in eine Zwickmühle geraten, wie beispielsweise Ruderer, die sowohl kräftig wie auch ausdauernd sein müssten. «Es ist ein riesiges Wissenschaftsfeld, das sich damit befasst, wie man in diesem Feld ideal trainiert», so der Professor.

Am ehesten finde man beide Muskelformen bei Zehnkampf-Profis, vermutet Fitnesstrainer Kid. «Diese Sportart erfordert alle Disziplinen.»

Erkenntnisse für Kampf gegen Muskelschwund

Überraschend für die Forscher ist auch die Entdeckung, dass die Abwesenheit des Botenstoffes vor Muskelschwund im Alter schützen könnte. «Normalerweise beginnen Menschen zwischen 30 und 40 Jahren, Muskelmasse abzubauen», so Handschin. Das wirke sich ab einem gewissen Grad auf die Lebensqualität aus und sei «einer der Gründe, wieso Senioren irgendwann ins Altersheim müssen», wie der Forscher erklärt.

Bisher sei das einzige Rezept dagegen Krafttraining gewesen. Doch bei gealterten Mäusen ohne den Botenstoff wurde ein besserer Zustand der Muskulatur festgestellt als bei der Kontrollgruppe mit dem Botenstoff. «Funktioniert das bei Menschen gleich, würden sich Therapiemöglichkeiten gegen Muskelschwund im Alter ergeben», hofft Handschin.

Deine Meinung