Psychologin erklärt: Darum schadest du dir, wenn du nie Nein sagst
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Psychologin erklärtDarum schadest du dir, wenn du nie Nein sagst

Eigentlich hat man keine Lust auf den Filmabend mit dem neuen Freund und schon gar nicht darauf, für den Chef einzuspringen – trotzdem tut man es. Dahinter steckt Fragilizing.

von
jk

Das sagen Passanten zum Thema Nein sagen. (Video: juu/jk)

Ganz bestimmt kennst du eine solche Situation: Eigentlich hast du keine Lust darauf, zwei Stunden länger im Büro zu bleiben und deinem Chef das schwierige Kundengespräch nach 18.00 Uhr abzunehmen. Doch weil er dich ausdrücklich darum gebeten hat, kannst du nicht Nein sagen und verschiebst das Abendessen bei Freunden.

Nicht nur im Büro fällt es manchmal schwer, anderen eine Bitte oder einen Wunsch abzuschlagen. Sicherlich bist du auch schon feiern gegangen, obwohl du viel zu müde warst. Aber weil deine Kollegen stundenlang auf dich eingeredet haben, hast du sie begleitet. Oder du hast deinem Partner oder deiner Partnerin zuliebe einen Film geschaut, der dich absolut kaltliess – einfach, um sie oder ihn nicht zu enttäuschen oder einer unnötigen Diskussion auszuweichen.

Ein Phänomen, das jeder kennt

Eine nicht repräsentative Strassenumfrage von 20 Minuten zeigt: Jeder kennt es, Dinge zu tun, die er eigentlich gar nicht will (siehe Video). Das Phänomen hat einen Namen: Fragilizing. Aus Angst, jemanden mit einem «Nein» zu verletzen, lässt man sich widerwillig auf alles ein. Was auf den ersten Blick selbstlos klingt, ist im Grunde eher egoistisch. Die amerikanische Verhaltenstherapeutin Debra Kissen sagt zum Magazin Refinery 29: «Man redet sich ein, Ja zu sagen, um andere nicht in eine blöde Lage zu versetzen, aber in Wirklichkeit macht man das, um das eigene Unwohlsein zu verkleinern.»

Ziel des Fragilizings sei es, nicht die Ursache für die schlechte Laune anderer Personen zu sein. Zudem werden so Konflikte verhindert. Trotzdem ist das Verhalten laut Kissen auf lange Dauer nicht sonderlich gesund. Würden die eigenen Bedürfnisse immer wieder überhört, führe das dazu, dass man sich selbst unerfüllt fühle. Darüber hinaus könne die wichtige Fähigkeit, mit schwierigen Situationen klarzukommen, durch ständiges Fragilizing nie richtig ausgebildet werden.

Die Angst, andere zu verlieren

Die Psychotherapeutin Brigitte Egli sagt, Teile von diesem Verhalten hätten wir alle in uns. Gerade im Job sei das Gefühl verbreitet, auf eine Bitte des Chefs hin nur klein beigeben zu können – oder dann im Gegenteil mit Rebellion zu reagieren. «Eine Mitte zu finden und darauf zu hören, was man selbst wirklich will, fällt gerade bei Autoritätspersonen manchmal schwer.»

In einigen Fällen sitze das Verhalten aber tiefer. Egli nennt einen Erklärungsansatz: «Mit ungefähr zwei Jahren entwickeln wir einen Drang nach Unabhängigkeit. Sind unsere Eltern dann überängstlich oder können nicht loslassen, entwickeln wir den Glauben, dass sie uns nur dann mögen, wenn wir tun, was sie wollen.» Das führe oft dazu, dass man sich auch im späteren Leben nach den Erwartungen anderer richte – aus Angst, enge Bezugspersonen zu verlieren.

Nein zu sagen ist lernbar

Meist zahle man im Lauf des Lebens einen Preis für dieses Verhalten: «Betroffene sehen sich mit zahlreichen äusserlichen Erwartungen konfrontiert. Zudem machen sie sich selbst Druck, diesen gerecht zu werden.» Das Gespür und die Liebe für sich selbst könnten so gar nicht richtig entwickelt werden, sagt Egli. Dass Personen aus Egoismus zu allem Ja sagen, glaubt sie nicht: «Es geht um die Angst vor Konflikten. Dabei haben die anderen mehr davon, wenn ich etwas mit ihnen unternehme, weil ich es gern tue, und nicht, weil ich mich verpflichtet fühle.»

Nein zu sagen sei lernbar, erklärt Egli. «Wenn man nicht mit Kollegen in den Ausgang will, kann man sich dazu überwinden, ihnen abzusagen. Beim Chef oder den engsten Personen sind die Ängste grösser. Man sollte sich Schritt für Schritt vorwagen.» In der Regel seien die eigenen Verlustängste nichts weiter als Fantasien. Der Partner verlasse einen nicht gleich, weil man sich gegen einen Ausflug mit ihm entscheide. Zu sich selbst zu stehen sei wichtig: «Niemand enttäuscht andere Menschen gern, jedoch sollte man es dem Gegenüber überlassen, wie dieses mit seinen Gefühlen umgeht.»

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