Aktualisiert 30.06.2016 17:44

Analyse

Darum schlägt der IS immer häufiger zu

Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat scheinen weltweit immer häufiger Anschläge zu verüben – offenbar eine Folge der Schwächung in seinem Kernland.

von
Zeina Karam, AP
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28. Juni 2016: Selbstmordattentäter reissen am betriebsamen Istanbuler Atatürk-Flughafen mindestens 42 Menschen in den Tod, mehr als 239 werden verletzt. Die türkische Regierung und mehrere Terrorexperten vermuten die Terrormiliz Islamischer Staat hinter dem Terrorangriff.

28. Juni 2016: Selbstmordattentäter reissen am betriebsamen Istanbuler Atatürk-Flughafen mindestens 42 Menschen in den Tod, mehr als 239 werden verletzt. Die türkische Regierung und mehrere Terrorexperten vermuten die Terrormiliz Islamischer Staat hinter dem Terrorangriff.

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19. März 2016: Ein Selbstmordanschlag erschüttert Istanbuls grösste Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi. Fünf Menschen sterben, darunter der Attentäter. Diesen identifizieren die Behörden später als türkischen Staatsbürger mit Verbindungen zum IS. Wie bei früheren Attacken im Land, die der Terrormiliz zugeschrieben werden, gibt es keine Bekennerbotschaft der Jihadistengruppe.

19. März 2016: Ein Selbstmordanschlag erschüttert Istanbuls grösste Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi. Fünf Menschen sterben, darunter der Attentäter. Diesen identifizieren die Behörden später als türkischen Staatsbürger mit Verbindungen zum IS. Wie bei früheren Attacken im Land, die der Terrormiliz zugeschrieben werden, gibt es keine Bekennerbotschaft der Jihadistengruppe.

epa/str
12. Januar 2016: Ein Selbstmordattentäter reisst im Istanbuler Altstadtviertel zwölf deutsche Touristen mit in den Tod. Nach Behördenangaben wurde die Attacke von einem Syrer mit Verbindungen zum IS verübt. Er kam demnach als Flüchtling ins Land.

12. Januar 2016: Ein Selbstmordattentäter reisst im Istanbuler Altstadtviertel zwölf deutsche Touristen mit in den Tod. Nach Behördenangaben wurde die Attacke von einem Syrer mit Verbindungen zum IS verübt. Er kam demnach als Flüchtling ins Land.

Den Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen schreibt die türkische Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat zu – auch wenn sich die Jihadistengruppe nicht offiziell zu der Bluttat mit 42 Toten und mehr als 230 Verletzten bekannt hat. Sie passt in ein Muster, das Experten als Taktik des Terror-Exports beschreiben. Ein Überblick über mögliche Motive dieser Strategie:

Stärke demonstrieren

Gut zwei Jahre nach seiner Ausrufung eines Kalifats in Syrien und im Irak ist der sogenannte Islamische Staat in der Krise. In den vergangenen Wochen verlor die Jihadistengruppe wichtige Gebiete in diesen beiden Ländern, aber auch in Libyen. Erbittert kämpft der IS darum, seine Hochburgen zu halten.

Im Irak gelang es örtlichen Truppen unlängst, der Extremistengruppe die strategisch wichtige Stadt Falludscha im Westen von Bagdad zu entwinden. In Libyen sind Milizen vor kurzem in die IS-Stadt Sirte eingedrungen. Und in Syrien kämpfen die Jihadisten um die weitere Kontrolle von Manbidsch – eine Stadt entlang einer wichtigen Versorgungslinie von der Türkei nach Rakka, der De-facto-Hauptstadt des IS.

Vorangegangen waren schon andere Niederlagen des IS. Da wäre die antike Oasenstadt Palmyra, aus welcher die Terrormiliz im März gedrängt wurde. Oder etwa der syrische Grenzort Kobane und die irakische Stadt Tikrit, die der Jihadistengruppe schon vor längerer Zeit entglitten ist.

Mit jeder militärischen Schmach der Extremistenorganisation scheint sich das Tempo internationaler Anschläge zu erhöhen: Von den Pariser Bluttaten im November 2015 über die Terrorattacken von Brüssel im März bis hin zu einem Selbstmordanschlag an der syrisch-jordanischen Grenze vergangene Woche reicht die Schlagzahl des Terrors. Und nun vermutlich Istanbul.

Derartige Attacken helfen dem IS, Stärke zu zeigen. So sollen wohl auch Unterstützer bei der Stange gehalten werden, bei denen angesichts der schrumpfenden Grenzen seines selbsterklärten Kalifats Ernüchterung eingekehrt ist. Mit internationalen Anschlägen könnte der IS zudem seine Propaganda- und Geldbeschaffungsmaschinerie ankurbeln. Für die Jihadisten dürfte dies immer wichtiger sein, da sie in Syrien und im Irak unter anderem Einbussen bei Öleinnahmen hinnehmen müssen.

Zumindest kurzfristig werde die Bedrohung solcher Attacken zunehmen, da der Stern der IS-Miliz sinke, erklärt die auf Sicherheitspolitik spezialisierte Soufan Group.

Der Propaganda-Faktor

Deshalb hat der IS aber auch ein Interesse daran, die Verantwortung für Anschläge von Einzelpersonen zu übernehmen, die sich selbst radikalisiert haben. Der Attentäter von Orlando, Omar Mateen, gab an, im Namen des IS zu handeln. Dieser bezeichnete ihn dann als einen «Soldaten des Kalifats». Gleichwohl gibt es keine Beweise, wonach Mateen in direktem Kontakt mit der Gruppe stand.

Elias Hanna von der American University in Beirut hält den Anschlag auf den Istanbuler Flughafen für ein Beispiel des Modus Operandi des IS: Mehrere Selbstmordattentäter auf «weiche Ziele» ansetzen, wie vor einigen Monaten in Brüssel geschehen. Derart willkürliche Gewaltakte gegen Zivilisten sollen demnach Furcht bei den IS-Feinden anfachen.

Der Anschlag am Istanbuler Airport fällt in den muslimischen Fastenmonat Ramadan. Die Radikalen messen einem «Märtyrertum» in dieser Zeit besondere Bedeutung zu. Einige der grössten Triumphe von Muslimen in der Ära des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert ereigneten sich während des Ramadan. Der IS hat seine Anhänger für den heiligen Monat zu verstärkten Attacken aufgerufen.

Schlag gegen die Türkei

Lange galt das Land als ein Durchzugsgebiet für Tausende von ausländischen Jihadisten, die sich in Syrien dem Kampf gegen Präsident Baschar al-Assad anschliessen wollten. Als die Türkei aber die Grenzübergänge zum Nachbarland schliessen liess und gegen Schmuggel vorging, geriet sie im vergangenen Jahr ins Visier des IS.

Zwar liegt keine IS-Bekennerbotschaft zur Istanbuler Airport-Attacke vor. Doch veröffentlichte die Terrormiliz eine Infografik, die den zweiten Jahrestag der Ausrufung ihres Kalifats preist. Man verfüge über «verdeckte Einheiten» in der Türkei und anderen Orten, erklärte der IS nach Angaben der Organisation Site, die sich auf die Beobachtung von Jihadisten-Webseiten spezialisiert hat.

Interessanterweise hat sich der IS noch zu keinem Anschlag in der Türkei bekannt. Eine Ausnahme bildeten Attentate auf syrische Aktivisten im Land.

Strategische Ambiguität

Mohammed Nureddine, Experte für türkisch-arabische Beziehungen mit Sitz im Libanon, betrachtet die Entwicklung skeptisch. Er glaube nicht, dass der IS hinter dem Anschlag stecke, ehe der sich nicht offiziell dazu bekannt habe, sagt er. Die Türkei und der IS würden sich zwar an der syrischen Grenze mit Granaten beschiessen, «doch bedroht keiner der Seiten die Kerninteressen des jeweils anderen», meint Nureddine.

Das Nato-Mitglied Türkei teilt internationale Sorgen über die Ziele der Extremistengruppe, könnte diese aber auch als Gegengewicht zu den Assad-Truppen und den kurdischen Aufständischen in Syrien begreifen. Ankara gehört zwar der Anti-IS-Koalition unter Führung der USA an, könnte aber zugleich vor einer entfesselten Konfrontation mit der Terrormiliz zurückschrecken. Der IS soll nämlich entlang der Grenze Tausende Kämpfer haben und dürfte in der Türkei selbst über Schläferzellen verfügen.

Dass eine Bekennerbotschaft zur Istanbuler Bluttat fehle, deute darauf hin, dass sich der IS noch nicht voll im Krieg gegen die Türkei sehe, meint Matthew Henman, Chefredakteur beim Zentrum für Terrorismus des Fachverlags IHS Jane. Doch nutze die Terrormiliz derartige Attacken, um sich eine stärkere Position bei Verhandlungen über den Grenzzugang und Transporte von Öl und anderem Material zu sichern.

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