03.11.2020 11:02

Sie wissen, was gut istDarum sind Möwen so heiss auf unser Essen

Wer an Meer oder See Essen in der Hand hält, muss sich vorsehen – zumindest wenn Möwen in der Nähe sind. Denn die haben Pizza, Pommes und Co. genauso gerne wie wir. Nun ist klar, warum – und wie man sie auf Abstand hält.

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

  • Möwen lieben unser Essen – weil wir es in der Hand gehalten haben.

  • Das haben Forschende aus Grossbritannien nachgewiesen.

  • Die Erkenntnis sollte Auswirkung auf die Lebensmittelentsorgung haben.

  • Weiter verraten die Wissenschaftler, wie man die Tiere auf Abstand hält.

Es ist nicht nur Hunger, der Möwen auf die Leckereien in unserer Hand stürzen lässt, sondern auch der Gluscht. Denn die Seevögel wissen ganz genau, was gut ist, wie Forscher der britischen University of Exeter vor einiger Zeit im Fachjournal «Royal Society Open Science» schrieben.

Auch auf die Frage, woher die Vögel diese Kenntnis haben, fand das Team um Ökologin Laura A. Kelley eine Antwort: Weil sie es sich bei uns abgeschaut haben. Konkret scheinen sie genau zu beobachten, welche Nahrungsmittel wir Menschen berühren (siehe Box). Frei nach dem Motto: Mag es der Mensch, kann es auch für uns nicht verkehrt sein.

Lockmittel Blaubeerriegel

Die Forschenden hatten die Möwen für ihre Studie nicht nur beobachtet, sondern auch auf die Probe gestellt. Konkret haben sie einzelne Tiere mit Blaubeerkuchen in Versuchung gebracht. Dafür legten sie und ihre Kollegen mit einigem Abstand jeweils Blaubeer-Riegel aus, die sie unter Eimern versteckten. Damit die Vögel sie nicht frassen – weil das Essen von Menschen nicht gut für sie ist – waren die Riegel noch verpackt. Zusätzlich beschwerten die Wissenschaftler diese, damit die Möwen mit der Beute nicht einfach davonfliegen konnten. Während der einzelnen Versuche lief eine Kamera, die das Verhalten der tierischen Probanden dokumentierte.

Wenn die Köder ausgelegt waren, hoben Kelley oder einer ihrer Kollegen die Eimer an, um die darunter verborgenen Leckereien dem Vogel zu präsentieren. Einen Riegel berührten sie dabei während 20 Sekunden, den anderen nicht. Dann gingen sie weg und warteten zwei Minuten lang, um zu sehen, was passierte.

Die Forschenden führten den Test mit insgesamt 38 Möwen durch. 79 Prozent davon stürzten sich sofort auf den Köder, der zuvor berührt wurde. Die Forscher nehmen an, dass allein die Tatsache, dass der Köder für einen Mensch interessant war, die Möwen angelockt hatte. Ganz anders ging dagegen das Experiment aus, wenn unter dem Eimer ein nicht essbarer Gegenstand versteckt wurde. Auch hier näherten sich die Tiere den Eimern, allerdings beobachteten die Forscher nun keine Vorliebe für das Objekt, das die Forschenden zuvor in der Hand gehalten hatten. Die Möwen vollbringen damit zwei Denkleistungen. Sie unterscheiden zwischen Nicht-Essbarem und Essbarem. Und sie orientieren sich bei Letzterem am Verhalten von Menschen.

«Unsere Studie zeigt, dass Möwen sich Nahrung vor allem dann nähern, wenn sie gesehen haben, dass Menschen sie fallen gelassen oder abgelegt haben», so Kelley. Das verdeutliche einmal mehr, «wie wichtig es ist, Lebensmittelabfälle richtig zu entsorgen, da die versehentliche Fütterung von Möwen diese Assoziationen noch verstärkt.»

Zwei Tricks, um Möwen fernzuhalten

Ein anderes Team der University of Exeter hatte bereits im Sommer 2019 berichtet, dass man sich die dauerhungrigen Möwen allein mit Blicken vom Leib halten kann. Sprich: Nähert sich ein Vogel, sollte man ihn anschauen (siehe Video oben).

Doch was, wenn die Möwe schon ihren Platz gefunden hat, aber man selbst mit etwas zu Essen in der Hand auf sie zuläuft und sie damit in Versuchung bringt? Auch dann sollte man versuchen, Blickkontakt aufzubauen, heisst es in der neusten Arbeit der Briten. Denn es ist nicht die blosse Annäherung oder das Kopfzuwenden, welche die Vögel in die Flucht treibt, sondern das Wissen, beobachtet zu werden. So flogen die Vögel deutlich später weg, wenn der Kopf der Forscher beim Näherkommen von ihnen abgewendet war. Am schnellsten waren sie weg, wenn man sie an- und ihnen in die Augen schaute.

Dies unabhängig vom Alter der Tiere, wie die Forschenden schreiben: Neu flügge gewordene Möwen reagierten genauso wahrscheinlich auf die Blickrichtung des Menschen wie ältere Vögel, was darauf hindeutet, dass sie mit dieser Tendenz geboren werden oder sie schnell lernen.

Pommes frites, Fischbrötli oder Glace – Möwen stürzen sich auf das, was uns auch schmeckt. 

Pommes frites, Fischbrötli oder Glace – Möwen stürzen sich auf das, was uns auch schmeckt.

Getty Images/iStockphoto

Medizinische Gründe für Distanz

Wie wichtig ein gewisser Abstand zwischen Möwen und Menschen ist, zeigten australische Forschende im Juli 2019. Ihnen zufolge sind rund 20 Prozent der Silbermöwen in Australien mit multiresistenten Keimen infiziert, die möglicherweise auf Menschen übertragen und damit schwerwiegende Krankheiten auslösen könnten.

Bei den Bakterien, die die Wissenschaftler in den Möwen nachweisen konnten, handelt es sich um Nachbildungen menschlicher Bakterien. «Die Möwen haben die Bakterien irgendwie von Menschen aufgenommen», erklärte Studienleiter Mark O'Dea. Sein Forscherteam geht davon aus, dass sich die Möwen beim Kontakt mit menschlichen Fäkalien mit den Keimen infiziert haben, etwa im Abwasser oder an entsorgten Babywindeln.

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25 Kommentare
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MyCorona

03.11.2020, 12:54

Hilft direkter Blickkontakt auch gegen Covid?

Tischknaller

03.11.2020, 12:37

Weg mit dem malsI aus Europa

Useli

03.11.2020, 12:36

Möwen sind halt schlau.