Aktualisiert 27.12.2016 11:19

Fairtrade-BlumenDarum sind Rosen aus Afrika ökologischer

6000 Kilometer weit reisen die Rosen von Kenias riesigen Plantagen per Flugzeug in die Schweiz. Warum sie Migros und Coop unter dem Fairtrade-Label anbieten.

von
I. Strassheim

Profitieren die Arbeiterinnen von Fairtrade? Und was sagt der Plantagenbesitzer? Direkte Antworten gibt' s auf dem Video.

«Wofür braucht ihr Rosen?» Die Frage ist merkwürdig, denn sie kommt von Es' mer Nyakid Mjuguva, die sechs Tage pro Woche in der tüppigen Luft des Gewächshauses der Blumenplantage in Naivasha in Kenia steht. In dem ostafrikanische Land stellt kaum jemand Rosen in die Vase, auch nicht Mjuguva und die anderen 900 Arbeiter der Panda-Farm. Die Blumen sind ein reines Exportgut – die ingesamt 3000 Hektaren grossen Rosenplantagen liegen alle in der Nähe des Flughafens Nairobi und sind der Rosengarten Europas.

Quirlige Arbeiterinnen im Packhaus der Plantage sortieren und bündeln die Blumen mit schnellen Händen, entdornen die Stiele, kleben einen Fairtrade-Sticker von Max Havelaar drauf, stecken sie in eine Schutzhülle – und die fertigen Mini- oder Moosrosen-Sträusse landen im Kühlraum. Fast gefrostet reisen sie aus der Hitze Kenias dann per Flugzeug die 6000 Kilometer in die Schweiz. Zwei bis drei Tage später sind sie bei uns in Europa, wo sie schliesslich in unseren Supermärkten angeboten werden. Der Produzent gibt eine Haltbarkeitsgarantie von 30 Tagen, beim Verkauf sind es für den Konsumenten dann nur noch 5 Tage.

Rosen aus den Niederlanden sind fünfmal dreckiger

«Ein Produkt, das mit dem Flugzeug von weit her kommt, sollte unter möglichst guten ökologischen und sozialen Bedingungen hergestellt werden», sagt Markus Staub von Max Havelaar Schweiz. Die Fairtrade-Rosen sind seine Idee. Ihre Einführung war umstritten, denn sie sind nicht nur ein Luxusgut, sondern auch Flugfracht. Eine Studie der ETH Zürich zeigte 1998 jedoch, dass Rosen aus den Gewächshäusern der Niederlanden trotz der geringen Distanz deutlich höhere Klimagas-Emissionen haben: Wegen Heizung und Kunstlicht. Auch neuste Studien belegen, dass die Klimabilanz für Blumen aus den Niederlanden bis zu fünfmal schlechter ausfällt. Selbst im Sommer. Rosen aus Europa sind also dreckiger als die aus Afrika.

Die Flugrosen von Max Havelaar sind aber auch ein Entwicklungshilfeprojekt: Die einfachen Arbeiter verdienen auf den von Max Havelaar zertifizierten Plantagen 10 000 Schilling statt des Mindestlohns von 7000 Schilling. Um die Kinder auf weiterführende Schulen zu schicken, reicht das zwar noch nicht unbedingt, aber dafür gibt es Kleinkredite aus einem Fairtrade-Fonds zu günstigen Konditionen.

«Ich konnte mir Bett und Matratze leisten»

Auch Bett und Matratze konnte sich Margaret Njoki Wanjohi mit solch einem Kredit leisten und schläft jetzt «wie eine Königin». Dank Fairtrade können aber auch die Kinder der Arbeiter in einem Hort betreut werden (siehe Video-Interviews).

Auch die Arbeitsbedingungen sind besser: Auf Fairtrade-Plantagen sind die giftigsten Pestizide verboten. Die Arbeiter haben im Gegensatz zu konventionellen Betrieben feste Verträge und bezahlte Überzeit. Aber der Unterschied liegt auch in Details: Seit die Plantage Simbi Roses Fairtrade-zertifiziert ist, bekommen die Arbeiter Gummistiefel, sodass sie keine nassen Socken mehr haben.

Blumen sind mit einem Umsatz von jährlich rund 75 Millionen Franken nach Bananen das zweitgrösste Fairtrade-Produkt in der Schweiz. Die Max-Havelaar-Rosen sind im Supermarkt leicht teurer – mit dieser Prämie werden Gemeinschaftsprojekte finanziert. Das Wichtige dabei: Die Arbeiter entscheiden selbst, welche.

Nicht mehr zu dritt im Klinikbett

Die Angestellten der Panda-Farm haben das Geld für die Erweiterung der Frauenklinik in der Nähe eingesetzt. Wöchnerinnen sind dort nun nicht mehr zu dritt mit ihren Babys in einem Bett untergebracht. Jetzt sind es nur noch bis zu zwei Mütter und Babys pro Bett und alle finden ihre Ruhe, wie Frauenklinikleiter Joseph Mburu erzählt.

Anders als Entwicklungshilfe kann Fairtrade auch neue nationale Standards schaffen: Weil die Fairtrade-Rosenfarmen zwölf Wochen Mutterschutz gewährten, ist dies seit 2008 in Kenia für jede Arbeiterin per Gesetz vorgeschrieben. Zuvor gab es lediglich fünf Wochen zusätzlich nach der Geburt.

Fairtrade ist auch eine Managementwerkzeug

«Ohne Druck des Fairtrade-Labels bietet kein Plantagenbesitzer bessere Arbeitsbedinungen», sagt Wesley Siele vom Agrar-Arbeitgeberverband Kenias. Die Hürde, sich überhaupt auf Fairtrade einzulassen, sei hoch. Nur wenn die Nachfrage nach den Rosen mit Max-Havelaar-Aufkleber in Europa zunimmt, schwenken Farmer um. «Das ist eine reine Marktsache», so Siele.

Bei Rosen bekommen die Besitzer der Plantagen keinen garantierten Mindestpreis wie bei Fairtrade-Bananen oder Kaffee. Dennoch haben sie einen Vorteil: Ihre Arbeiter sind engagierter und kündigen seltener, was besonders im arbeitsintensiven Blumengeschäft wichtig ist. Der Besitzer der Pandafarm, Igal Elfezouaty, sagt: «Ich habe mit Non-Fairtrade und Fairtrade gearbeitet – und Fairtrade ist besser, denn ob ein Produkt qualitativ gut wird, hängt davon ab, dass es den Arbeitern gut geht.» Deswegen ist für Elfezouaty Fairtrade auch ein «exzellentes Managementwerkzeug».

Die Reportage entstand im Rahmen einer von Max Havelaar organisierten Medienreise.

Der Preis der Rose

Die Rosenfarmen haben in den letzten 15 Jahren in Kenia stark zugenommen. Das habe die Preise sinken lassen, sagt der Besitzer der Panda-Farm, Igal Elfezouaty.

Für einen 20-er-Bund Intermediate-Rosen, die in der Schweiz als Mini- oder Moosrosen angeboten werden, erhält der Blumenfarmer rund 1,80 Euro. Beim Grosshändler in Europa kosten sie dann rund 5 Euro (inklusive Fracht- und Transport, Steuern, Fairtrade-Prämie). Im Schweizer Supermarkt sind sie schliesslich ab 8.95 Franken zu haben, darin sind weiterer Zwischenhandel und Transport sowie auch Verluste des schnellverderblichen Produktes im Detailhandel enthalten.(ish)

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