Impfdosen bleiben liegen - Darum sind unsere Beamten mit der Krise überfordert
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Impfdosen bleiben liegenDarum sind unsere Beamten mit der Krise überfordert

Erneut verschleppen die Kantone die Impfstrategie. «Das Krisenmanagement krankt am Behördentum», sagt Krisenmanagerin Beatrice Tschanz.

von
Daniel Graf
Bettina Zanni
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Den Kantonen stehen zehntausende Dosen Impfstoff zur Verfügung – doch viele Impfzentren bleiben am Wochenende geschlossen. 

Den Kantonen stehen zehntausende Dosen Impfstoff zur Verfügung – doch viele Impfzentren bleiben am Wochenende geschlossen.

USZ
Die nächsten Impfstofflieferungen kommen bereits diese und Anfang nächste Woche – einige Kantone haben den gelagerten Impfstoff bis dahin noch nicht verabreicht. 

Die nächsten Impfstofflieferungen kommen bereits diese und Anfang nächste Woche – einige Kantone haben den gelagerten Impfstoff bis dahin noch nicht verabreicht.

VBS/Clemens Laub
Krisenmanager kritisieren, Verwaltungen und Beamte seien der Dynamik und Geschwindigkeit dieser Krise nicht gewachsen. 

Krisenmanager kritisieren, Verwaltungen und Beamte seien der Dynamik und Geschwindigkeit dieser Krise nicht gewachsen.

VBS/Clemens Laub

Darum gehts

  • Die Kantone könnten zehntausende Impfdosen verabreichen, die sie nicht mehr als Zweitimpfungen zurückhalten müssen.

  • Die geänderte Impfstrategie des BAG wird aber nur schleppend umgesetzt, vielerorts werden die Öffnungszeiten nicht angepasst.

  • Drei Experten erklären, weshalb Verwaltungen und Beamte mit der aktuellen Krise überfordert sind.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat kürzlich die Impfstrategie angepasst. Auf einen Schlag wurden zehntausende Impfdosen in den Kantonen frei, weil diese keine Dosen mehr für Zweitimpfungen zur Seite legen müssen. Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt: Die Kantone sind nicht in der Lage, die Dosen bis Montag zu verimpfen. Vielerorts werden nicht einmal die Öffnungszeiten der Impfzentren angepasst – obwohl das BAG die nächsten Lieferungen bereits diese und Anfang nächste Woche erwartet.

Beatrice Tschanz wurde nach dem Absturz einer Swissair-Maschine 1998 durch ihre Krisenkommunikation schweizweit bekannt. Für sie ist klar: «Die Krisenbewältigung krankt in der Schweiz am Behördentum.» Die Kantone seien in dieser Krise gefangen in ihrem eigenen System. «Mit dem Impfen geht es nicht vorwärts, weil sie sich bei allem auf Gesetze und Reglemente abstützen müssen.» Die Privatwirtschaft könne sich ein solch schwerfälliges Verhalten schon lange nicht mehr leisten. «Amt und Flexibilität sind schwere Gegensätze.»

«Beamte sind nicht krisenerprobt»

Hans Klaus hat als Leiter der Krisenkommunikation beim Flugzeug-Unglück der Swissair 111 in Halifax, Kanada, gearbeitet und als Informationschef des EJPD und Experte für Krisenmanagement auch viel Erfahrung in der Verwaltung gesammelt. «Verwaltungen sind grundsätzlich nicht für Krisensituationen ausgelegt. Eine Krise zu managen und gleichzeitig die Verwaltungstätigkeiten zu bewältigen, überfordert diese Organisationen oft», sagt er.

Ein Krisenteam zu leiten, erfordere spezifische Erfahrung und ständiges Training. «In einer Krise zählen Geschwindigkeit und Flexibilität. Verwaltungen sind jedoch auf Vollständigkeit und Genauigkeit ausgerichtet. Dies verhindert, Krisensituationen rasch und unbürokratisch zu bewältigen.»

«Wenn Hunderttausende so bald wie möglich eine Impfung wollen und davon ausgegangen wird, dass wir nur mit der Impfung aus dieser Krise kommen, müsste der erste Gedanke sein: Wie kann ich das Problem so effizient wie möglich lösen und die zur Verfügung stehenden Dosen schnellstmöglich verimpfen?», sagt Klaus. Fragen wie diese seien für Verwaltungen oft schwierig zu lösen. «Sie müssen sorgfältig sein und bewegen sich im Korsett unzähliger Gesetze und Verordnungen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, kann in einer Krise aber fast nur scheitern.»

Auch der Föderalismus sei ein zentrales Problem: «Krisensituationen verlangen nach klaren, einheitlichen Entscheidungen und kompetenten, unpolitischen Führungsfiguren. Da dürfen auch einmal Fehler passieren und Korrekturen gemacht werden.» In der Schweiz gebe es 26 verschiedene Impfkonzepte, viel parteipolitisches Geplänkel und unzählige Interessengruppen, die jeden Entscheid mitbeeinflussten: «Dadurch wird es extrem erschwert, schnell und flexibel auf sich verändernde Situationen reagieren zu können.»

«Verwaltungen können nicht Schritt halten»

Auch Jürg Müller, Forschungsleiter Infrastruktur und Märkte beim Thinktank Avenir Suisse, kritisiert die Behäbigkeit der Behörden: «Teile der Verwaltung können offenbar mit der Dynamik und der Geschwindigkeit dieser Krise schlicht nicht Schritt halten. Unsere Verwaltung ist dafür auch schlecht aufgestellt.» In einer Ausnahmesituation wie jetzt hätten die Behörden längst ihren «Verwaltungsperfektionismus» zur Seite schieben und auf Tempo setzen müssen. «Konkret hätte hier eine engere Partnerschaft mit der Privatwirtschaft sicher geholfen», sagt Müller.

England beispielsweise habe früh auf privatwirtschaftliche Expertise gesetzt – und damit grosse Erfolge erzielt (siehe unten). Müller sieht zwei Gründe, wieso das in der Schweiz nicht passiert ist: «Einerseits entsteht der Eindruck, dass einzelne Chefbeamte und Spitzenpolitiker gar nicht den Anspruch haben, Weltspitze zu sein. Das ist ein Mentalitätsproblem.»

Andererseits hätten sich Staat und Wirtschaft entfremdet. «Das Milizsystem ist nicht mehr so bedeutend. Wirtschaftsführer haben seltener Nebenämter in Verwaltungen oder Behörden. Dadurch fehlen direkte Beziehungen, die Kooperationen zwischen Staat und Wirtschaft schnell und unkompliziert machten.»

England fuhr erfolgreiche «One-Shot-Strategie»

Was in der Schweiz seit wenigen Tagen gilt, hat der englische Premierminister Boris Johnson schon vor Wochen für das ganze Land durchgepaukt: Er setzte auf die «One-Shot-Strategie». Sämtliche zur Verfügung stehenden Impfdosen wurden als Erstimpfungen verimpft. Mit Erfolg: 47,6 Prozent der Britinnen und Briten haben bereits eine erste Impfung erhalten.

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