Genetische Kopien: Darum sollte man Menschen nicht klonen

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Genetische KopienDarum sollte man Menschen nicht klonen

Seit in China Makaken geklont worden sind, befürchten manche, dass es auch beim Menschen bald so weit sein könnte. Was spricht dagegen?

von
Rolf Maag
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Im Januar 2018 klonten chinesische Forscher zwei Makaken.

Im Januar 2018 klonten chinesische Forscher zwei Makaken.

Chinese Academy of Sciences Handout
1996 erblickte das Klonschaf Dolly das Licht der Welt. Knapp sieben Jahre später war es tot.

1996 erblickte das Klonschaf Dolly das Licht der Welt. Knapp sieben Jahre später war es tot.

AP/Paul Clements
Dollys «Vater» war der schottische Wissenschaftler Ian Wilmut.

Dollys «Vater» war der schottische Wissenschaftler Ian Wilmut.

AP/Michael Probst

Vor kurzem gelang es chinesischen Forschern, zwei Makaken zu klonen. Damit sind nun schon über 20 Säugetierarten vervielfältigt worden. Den Anfang hatte 1996 ein Team um den Schotten Ian Wilmut gemacht, als es das Klonschaf Dolly erschuf.

Makaken sind aber Primaten und stehen daher dem Menschen genetisch relativ nahe. In den Medien ist deshalb wieder einmal die Frage aufgekommen, was es denn bedeuten würde, wenn man auch Menschen klonen könnte. Was spricht überhaupt dagegen?

Nicht sicher

Der einfachste, aber auch gewichtigste Einwand lautet, dass die Technik zu wenig ausgereift und daher mit gravierenden Risiken verbunden ist. Alle bisher geklonten Individuen wiesen Chromosomenanomalien auf, die zu schweren gesundheitlichen Schäden und einem verfrühten Tod führten. Dolly wurde beispielsweise nur knapp sieben Jahre alt, während normal gezeugte Schafe eine Lebenserwartung von bis zu 20 Jahren haben.

Doch die Kinderkrankheiten der Klontechnik könnten eines Tages besiegt sein. Wäre es dann immer noch verwerflich, Menschen künstlich zu reproduzieren?

Ein Klon von Einstein

In seinem Buch «Darf ich das oder muss ich sogar?» nähert sich der Philosoph Bernward Gesang dem Problem mit einem Gedankenexperiment. Er stellt sich einen erfolgreichen Physiker namens Niels vor, der eines Tages erfährt, dass er aus einer Zelle geklont wurde, die einem Haar von Albert Einstein entnommen worden war. Was würde das für das Selbstverständnis von Niels bedeuten? Müsste er sich als individualitätslose Kopie von Einstein fühlen?

Eineiige Zwillinge

Sehen wir einmal davon ab, dass es vielen wohl eher schmeicheln würde, ein Abbild eines Genies wie Einstein zu sein. Weil Niels nichts anderes als ein zeitlich versetzter Zwilling von Einstein wäre, können uns die Erfahrungen von eineiigen Zwillingen bei der Beantwortung dieser Frage helfen. Schliesslich müssen auch sie mit einem genetischen Duplikat leben.

Zweifellos ärgert es viele von ihnen, dass manche Leute sie nicht unterscheiden können und gewissermassen für ein und dieselbe Person halten. Doch das liegt häufig auch an den Eltern, wie der Biologe Richard Lewontin bemerkt. Sie geben ihren Zwillingen oft Vornamen, die mit demselben Buchstaben beginnen, kleiden sie gleich, frisieren sie gleich und vieles mehr. Dennoch sind eineiige Zwillinge eigenständige Personen, weil sie niemals den genau gleichen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind und unterschiedliche Biografien haben. Sogar ihre Fingerabdrücke sind nicht identisch. Auch Niels wäre Einstein in vielem ähnlich, aber er wäre nicht Einstein.

Designer und Produkt

Noch schwereres Geschütz fährt Jürgen Habermas auf, einer der bedeutendsten Sozialphilosophen der Gegenwart. Seines Erachtens wäre ein Klon wie Niels nicht mehr der «ungeteilte Autor seines Lebens», weil andere seine Möglichkeiten und Grenzen bewusst festgelegt hätten. Er meint sogar, das Verhältnis zwischen der klonenden und der geklonten Person wäre mit demjenigen zwischen einem Designer und seinem Produkt vergleichbar, was zu einem völlig neuen Verständnis von interpersonalen Beziehungen führen würde.

Natürlich ist sich Habermas bewusst, dass nur etwa 50 Prozent der Eigenschaften eines Menschen genetisch festgelegt sind. Soziale Einflüsse wie die Erziehung wirken sich mindestens ebenso stark aus. Doch Habermas zufolge kann man sich davon wesentlich einfacher befreien. Was man einmal gelernt habe, könne man auch wieder verlernen.

Die Hartnäckigkeit der Umwelteinflüsse

Gesang ist sich da nicht so sicher. In der Kindheit und Jugend werden bestimmte Talente gefördert, andere vernachlässigt. Das kann man später zu kompensieren versuchen, doch es gelingt meist nur unvollständig. Wer nicht als Kind Geige zu spielen gelernt hat, wird später kein grosser Virtuose werden.

Zukunft nicht mehr offen

Ein weiterer Einwand geht auf den Philosophen Hans Jonas zurück. Er meint, einem Klon würde die Offenheit der Zukunft geraubt, weil er ständig sein «Original» und damit seinen weiteren Lebensweg vor Augen hätte. Wenn sein «Zwilling» mit 80 Alzheimer bekäme, müsste er damit rechnen, dereinst das gleiche Schicksal zu erleiden.

Jonas' Kollege Dieter Birnbacher erkennt darin eher einen Vorteil für den Klon. Er hätte nämlich die Chance, sein Risiko aus genetisch bedingten Dispositionen frühzeitig kennen zu lernen und sich in seinem Lebensstil darauf einzustellen. Darauf könnte man erwidern, dass der Klon dennoch auf einen anderen fixiert bliebe und sein Leben nicht mehr spontan und unbeschwert führen könnte.

Überflüssige Spielerei

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Klonen von Menschen derzeit verboten bleiben dürfte, weil es einfach zu gefährlich ist. Doch auch wenn es einmal risikolos möglich sein sollte, gibt es Argumente dagegen, die zwar nicht vollständig überzeugen, aber doch ein starkes Misstrauen gegenüber dieser Technik begründen. Bernward Gesang drückt es so aus: «Wenn man die Folgen analysiert, dann ist das Klonen von Menschen keine Horrorvision, sondern eher eine überflüssige Spielerei.»

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