Atom-Angst - Darum solltest du jetzt keine Kaliumjodidtabletten nehmen
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Atom-AngstDarum solltest du jetzt nicht zu Kaliumjodidtabletten greifen

Die Sorge vor radioaktiver Strahlung ist angesichts des Kriegs in der Ukraine so gross wie schon lange nicht mehr. Trotzdem sollte man jetzt nicht zu hochdosierten Jodtabletten greifen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala Ines mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde.

Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala Ines mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde.

Wikimedia Commons/IAEA Imagebank - 02790015/CC BY-SA 2.0
Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. (Im Bild: das Kraftwerk, gut zu sehen: der Sarkophag, der einen Strahlenaustritt aus dem havarierten Meiler verhindern soll, 2021)

Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. (Im Bild: das Kraftwerk, gut zu sehen: der Sarkophag, der einen Strahlenaustritt aus dem havarierten Meiler verhindern soll, 2021)

REUTERS
Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der damaligen Sowjetunion als Musteranlage.

Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der damaligen Sowjetunion als Musteranlage.

Wikimedia Commons/IAEA Imagebank - 02790035/CC BY-SA 2.0

Darum gehts

  • Einige Menschen beschaffen sich hochdosierte Jodtabletten, um im Fall eines Atomschlags oder einer Nuklearkatastrophe gewappnet zu sein.

  • Sie vorbeugend einzunehmen, bringt jedoch nichts.

  • Zudem birgt eine eigenmächtige Einnahme Risiken.  

Russische Soldaten haben Tschernobyl eingenommen, die Radioaktivität um das 1986 havarierte Kernkraftwerk ist stark gestiegen und Wladimir Putin hat seine Nuklearstreitkräfte in Alarmbereitschaft gesetzt – diese Meldungen schüren Ängste vor einer nuklearen Katastrophe und strahlungsbedingten Gesundheitsschäden.

Einige Menschen haben bereits begonnen, sich mit Kaliumjodidtabletten einzudecken, wie heute.at schreibt. Das BAG empfiehlt diese für schwere Kernkraftwerksunfälle mit Austritt von radioaktivem Jod. Sinn macht eine Bevorratung jedoch nicht, sagen Fachleute. Und sie warnen davor, sie auf eigene Faust zu nehmen.

Wer in der Schweiz weniger als 50 Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt wohnt, hat eine solche Packung zu Hause.

Wer in der Schweiz weniger als 50 Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt wohnt, hat eine solche Packung zu Hause.

20min/Fee Riebeling

Was bewirken Kaliumjodidtabletten?

Bei schweren atomaren Zwischenfällen wie dem Super-GAU von Tschernobyl im Jahr 1986 (siehe Bildstrecke) werden grosse Mengen gefährlicher radioaktiver Isotope freigesetzt, unter anderem auch radioaktives Jod (Jod-131). Nach Aufnahme in den Körper – zum Beispiel über die Luft oder die Nahrung – wird es in der Schilddrüse gespeichert und führt dort zu einer hohen Strahlenbelastung und so zu Krebs.

Um das zu verhindern, gibt man dem Körper im Falle eines Kernkraftwerk-Unfalls die Tabletten. Sie enthalten nicht-radioaktives Jod, das die Schilddrüse vorübergehend sättigt. «Wenn dann die radioaktive Wolke kommt, atmen wir das radioaktive Jod zwar ein, aber es kann sich nicht einlagern, sondern wird ausgeschieden», erklärt der österreichische Kernphysiker Reinhard Wagner in einem Instagram-Live. Denn der Jodspeicher ist dann bereits mit dem nicht-radioaktiven Jod belegt. Fachleute nennen das Jodblockade.

Auf eine solche würde man auch nach einem Atomschlag zurückgreifen. «Ob und wann die Schweizer Bevölkerung Jodtabletten nach einem Atomschlag im Ausland einnehmen müsste, würde vom Aufschlagpunkt und von den Wetterbedingungen in den Tagen nach dem Atomschlag abhängen», so BAG-Sprecher Daniel Dauwalder. ​​

Sollte man die Kaliumjodidtabletten vorsorglich nehmen?

Nein. Damit sie voll wirken können, ist das Timing wichtig. Die Wirksamkeit ist am grössten, wenn die Einnahme kurz vor Eintreffen der radioaktiven Wolke erfolgt. Nimmt man es zu spät, hat sich das Jod-131 bereits eingelagert. Nimmt man es zu früh ein, hat es schon wieder Platz für Jod-131, da das Kaliumjodid bereits wieder abgebaut ist. Pauschale Aussagen zum Timing sind nicht möglich, da dies von mehreren Faktoren wie etwa der Nähe zur radioaktiven Quelle und Windrichtung sowie -stärke abhängig ist.

Was droht, wenn man es trotzdem tut?

Die unnötige Einnahme von hochdosiertem Jod kann zu Symptomen wie Hautausschlag, Jucken und Brennen der Augen, Schnupfen, Reizhusten, Durchfall, Kopfschmerzen, Fieber oder ähnlichen Symptomen führen. Zudem kann es in Einzelfällen zu einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) kommen. Anzeichen dafür können ein erhöhter Puls, Schweissausbrüche, Schlaflosigkeit, Zittrigkeit, Durchfall oder Gewichtsabnahme sein. Nicht oder nicht ausreichend behandelt kann eine solche zu etwa Vorhofflimmern, Herzschwäche oder Osteoporose führen. «Im schlimmsten Fall endet es auf der Intensivstation», so Stefan Kneifel, Chefarzt Nuklearmedizin am Kantonsspital Graubünden und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz.

Personen mit bekannten Schilddrüsenerkrankungen sollten Jodtabletten auch im Ernstfall erst nach Rücksprache mit ihrem Arzt einnehmen.

Ist Kaliumjodid für alle Menschen gleich wichtig?

Nein. Je jünger jemand ist, desto höher ist das Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Entsprechend müssen vor allem Kleinkinder und Kinder vor einer Strahlenexposition geschützt werden. Experten schätzen, dass ihr Risiko, an Krebs zu erkranken, bei einer ungeschützten Exposition etwa zehn Mal höher ist als das von jungen Erwachsenen. Leute über 45 Jahre haben dagegen ein bis zehnfach geringeres Risiko als junge Erwachsene. Länder wie Deutschland raten ihnen von einer Einnahme von Jodtabletten zur Jodblockade ab, da für sie die Risiken von Nebenwirkungen den Nutzen der Vermeidung eines erhöhten Risikos für Schilddrüsenkrebs überwiegen, so das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz.

Laut der im Auftrag der Schweizer Armeeapotheke geführten Website kaliumiodid.ch empfehlen «verschiedene Experten» die Einnahme auch für über 45-Jährige, «wenn bei Austritt von Strahlung mit einer Strahlenabsorption von über 1 Gray zu rechnen ist».

Wann sollte man zu den Tabletten greifen?

Sie sollten nur dann eingenommen werden, wenn die Gesundheitsbehörden dies ausdrücklich anordnen. In der Schweiz würde etwa die Nationale Alarmzentrale NAZ Verhaltensanweisungen über die Medien verbreiten. Sirenenalarm würde ausgelöst. Auch die App «Swiss Alert» würde informieren.

Wie kommt man an die Tabletten?

Die Schweiz hat vorgesorgt: «In den Gemeinden im Umkreis von 50 km um die schweizerischen Kernkraftwerke wurden Jodtabletten vorsorglich an alle Personen verteilt, die sich regelmässig dort aufhalten», erklärt Dauwalder. In allen weiter entfernten Gebieten lagern die Kantone Jodtabletten, um im Ereignisfall die gesamte Bevölkerung damit zu versorgen.

Können die Tabletten sämtliche Strahlenschäden abfangen?

Nein, Kaliumjodidtabletten schützen nur die Schilddrüse wirksam vor der Aufnahme von Jod-131. Schutz vor der Aufnahme anderer Radionuklide wie Cäsium und Strontium oder gegen die externe Strahlung von radioaktiven Stoffen in der Luft und am Boden bieten sie nicht. Was dann zu tun ist, koordiniert ebenfalls die NAZ. Infrage kommen etwa Aufenthaltsbeschränkungen im Freien und die Empfehlung, in den Keller zu gehen. Auch Vermarktungsverbote für kontaminierte Lebensmittel sind möglich.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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