Corona-Tote: Darum sterben derzeit viel weniger Menschen als erwartet
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Corona-ToteDarum sterben derzeit viel weniger Menschen als erwartet

Seit Mitte Februar verzeichnet die Schweiz eine deutliche Untersterblichkeit. Das befeuert die politische Debatte um Lockerungen.

von
Leo Hurni
Daniel Graf
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Das Bundesamt für Statistik (BFS) verzeichnet seit Mitte Februar eine Untersterblichkeit bei den über 65-Jährigen.

Das Bundesamt für Statistik (BFS) verzeichnet seit Mitte Februar eine Untersterblichkeit bei den über 65-Jährigen.

Lynn Sachs
Denn in den letzten Monaten starben weniger Seniorinnen und Senioren. In der Zeit vom 15. Februar bis am 28. März wurden rund 1090 Todesfälle weniger registriert als erwartet, heisst es im neuesten Bericht des BFS.

Denn in den letzten Monaten starben weniger Seniorinnen und Senioren. In der Zeit vom 15. Februar bis am 28. März wurden rund 1090 Todesfälle weniger registriert als erwartet, heisst es im neuesten Bericht des BFS.

20min/Steve Last
Grund: Ein Teil der Menschen, die in der zweiten Welle Corona zum Opfer gefallen sind, wären wohl einige Wochen darauf erwartungsgemäss so oder so gestorben, vermutet das BFS.

Grund: Ein Teil der Menschen, die in der zweiten Welle Corona zum Opfer gefallen sind, wären wohl einige Wochen darauf erwartungsgemäss so oder so gestorben, vermutet das BFS.

AFP

Darum gehts

  • Das Bundesamt für Statistik weist seit Februar eine Untersterblichkeit bei den über 65-Jährigen aus.

  • Eine Erklärung für die Untersterblichkeit liefert das Bundesamt gleich mit.

  • Für Kantonsarzt Thomas Steffen ist klar: Jetzt gilt es, eine erneute Übersterblichkeit zu verhindern.

  • Auf politischer Ebene sorgt die Untersterblichkeit jedoch für Diskussionen.

2020 verzeichnete die Schweiz während der Corona Pandemie deutlich mehr Tote als erwartet.
Betroffen von dieser Übersterblichkeit in der ersten und zweiten Corona-Welle waren vor allem Personen über 65 (siehe Grafik unten). Während der zweiten Welle wurden bei dieser Gruppe zwischen 65 und 70 Prozent mehr Todesfälle gezählt als im langjährigen Durchschnitt erwartet, schreibt das Bundesamt für Statistik (BFS).

Aktuelle Zahlen zeigen aber: Seit Ende letzten Jahres hat sich das geändert. Starben in der Woche 51 letztes Jahr noch 1989 Menschen über 65, waren es in der 12. Woche dieses Jahres noch 999. Vor gut drei Monaten starben also exakt doppelt so viele ältere Menschen pro Woche als jetzt. «In der Zeit vom 15. Februar bis am 28. März wurden bis jetzt etwa 1090 Todesfälle weniger als erwartet registriert», heisst es auch im neuesten Bericht des BFS.

«Zahlen zeigen, dass der Bundesrat übertreibt»

Dass trotz steigender Fallzahlen deutlich weniger Menschen sterben, befeuert die politische Debatte um Lockerungen: «Der Bund spricht von Mutationen und einer dritten Welle. Die Zahlen zeigen aber, dass viel weniger Leute sterben als in anderen Jahren. Das zeigt klar, dass der Bundesrat mit den Massnahmen übertreibt und der Lockdown nicht mehr opportun ist», sagt SVP-Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin Therese Schläpfer.

Dabei spiele die Betroffenheit der Bevölkerung eine grosse Rolle. «Immer mehr Risikopersonen sind geimpft und Schutzkonzepte sind vorhanden. Die wenigen Personen, die schwere Schäden von einer Infektion hätten, können sich immer noch selber schützen. Dafür muss nicht die ganze Bevölkerung im Lockdown sein.»

«Fallzahlen trotz Untersterblichkeit wieder sehr hoch»

Grüne-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber widerspricht: «Wir sollten erst dann von breiten Öffnungen sprechen, wenn genügend getestet wird, respektive der Teil der Bevölkerung geimpft ist, der das will. Wir haben zwar eine Untersterblichkeit, doch die täglichen Fallzahlen sind momentan wieder sehr hoch.»

Um die Menschen trotzdem zu motivieren, den Massnahmen zu folgen, fordert sie schnelle und unkomplizierte finanzielle Unterstützung vom Bund und den Kantonen. «Es muss jetzt unbedingt gewährleistet werden, dass etwa Kulturschaffende oder Restaurantbesitzer die Krise überstehen. Dafür muss genug Geld gesprochen werden.»

«Leben wurden wegen Corona nur um wenige Wochen verkürzt»

Für die Untersterblichkeit mitten in der Pandemie gibt es zwei Erklärungsansätze. Das BFS schreibt: «Unter den etwa 8380 Personen im Alter von 65 Jahren und älter, die in der zweiten Welle mehr als erwartet verstorben sind, waren einzelne vermutlich in so schlechter Gesundheit, dass ihr Leben nur um wenige Wochen verkürzt wurde.» Sprich: Ein Teil der Menschen, die in der zweiten Welle Corona zum Opfer gefallen sind, wären einige Wochen darauf erwartungsgemäss so oder so gestorben.

Laut Thomas Steffen, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärzte, spielen auch die getroffenen Schutz- und Hygienemassnahmen eine Rolle: «Sie haben zweifellos zur derzeitigen Untersterblichkeit beigetragen. In der Schweiz dürfte vor allem die nicht aufgetretene Grippewelle die Todesfälle reduziert haben.»

«Virus hat nach wie vor die Kraft für verhängnisvolle dritte Welle»

Auch Steffen sagt, dass eine Untersterblichkeit nach einer Pandemie kein unbekanntes Phänomen sei. «Leider sind wir aber noch nicht am Ende der Corona-Pandemie.» Entscheidend für die Entwicklung der Sterberate sei, wie gut man die Pandemie mit Massnahmen und Impfungen unter Kontrolle halten könnten. «Das Coronavirus hat nach wie vor die Kraft, eine verhängnisvolle dritte Welle auszulösen. Es gilt jetzt, eine erneute Übersterblichkeit zu verhindern.»

Hoffnung gibt es für die dritte Welle: «Das Impfen älterer Menschen und solcher mit schweren Krankheitsrisiken wird zweifellos helfen, um verglichen mit den ersten beiden Wellen weniger Krankheits- und Todesfälle in dieser Bevölkerungsgruppe zu haben», sagt Steffen. Bisher zeige sich erfreulicherweise noch kein Anstieg der Hospitalisationen bei über 70-Jährigen – trotz steigender Fallzahlen. Am Dienstag kommunizierte das BAG 4932 Corona-Fälle seit Karfreitag.

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Deine Meinung

732 Kommentare
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Realist777

08.04.2021, 12:06

Wie bitte? 2020 viel mehr Tote als erwartet? Entschuldigung, stimmt nicht. Wir hatten 4200 mehr Tote als 2019, was 0.05% !!! der Bevölkerung entspricht. Und da redet man von einer Pandemie...

Nicht C

08.04.2021, 11:54

Angstmacherei ist hier die wahre Pandemie.

MalSo

08.04.2021, 11:39

Bei der Bewertung der Pandemie gibt es mehrere Kennzahlen zu berücksichtigen. Fälle, Reproduktion, Spitalbetten, Übersterblichkeit und die Wahrscheinlichkeit für Langzeitfolgen. Die Regierung wird uns nicht alles sagen, um keine Massenpanik auszulösen. Die Berichte über Langzeitfolgen sind aber nicht besonders ermunternd. Eine Frage, wer von euch möchte das Leben lang 25% weniger Lebensqualität und 100% teuerere Krankenkasse haben? Auch wenn wir alle Corona überleben werden, scheinen mit dem heutigen Wissen die Risiken einer Ansteckung sehr hoch zu sein.