Aktualisiert 31.07.2019 07:56

Kampf im Detailhandel

Darum sterben die Lädeli in der Stadt nicht aus

Der Online-Handel vertreibt grosse Geschäfte aus den Städten. Nun sind es die begehrten kleinen Lädeli, die vor Ort die Stellung halten können.

von
M. Weingartner

Portale wie Amazon, Zalando und Co. staffieren die Schweizer mit der neusten Mode aus und versorgen sie zu Hause mit allerhand Gadgets. Während grosse Ketten wie H&M und Tally Weijl wegen dieser Web-Konkurrenz zunehmend den Rückzug aus den Städten planen, halten viele kleine Läden weiterhin eisern Stellung.

Den harten Kampf um Kunden sind sich die privaten Detailhändler schliesslich seit langem gewohnt. Doch nicht nur das: Inhabergeführte Geschäfte unterscheiden sich stärker von den Online-Angeboten als grosse Ketten.

«Leicht austauschbare Produkte, deren Kauf keinerlei Beratung verlangt, werden höchstwahrscheinlich weiterhin im Wettbewerb mit dem Onlinehandel und ausländischen Anbietern stehen», sagt Tiziana Hunziker, Ökonomin der Credit Suisse. Anders sei dies bei kleinen Lädeli. «Das Konzept eines kleinen Spezialgeschäfts mit einem individuellen Angebot, einer persönlichen Beratungsleistung und vielleicht sogar erlebnisorientierten Elementen kann die Bedürfnisse gewisser Kundengruppen befriedigen», sagt Hunziker.

Anders als die Masse shoppen

Ein Besuch im Zürcher Niederdorf mit seinen vielen lokalen Geschäften unterstreicht diese Einschätzung. «Ob man jetzt bei Zalando einkauft oder bei H&M im Geschäft, macht keinen Unterschied. Ausser, dass ich die Ware von Zalando direkt zugeschickt bekomme», sagt eine Frau auf Shoppingtour zu 20 Minuten. «Gehe ich aber hier in ein kleines Geschäft, finde ich etwas Individuelles – etwas, was sich klar von all den Massenprodukten abhebt.» Da lohne sich der Gang ins Geschäft.

Diese Haltung beobachtet Patrick Röösli, Mitinhaber von Circle, einem Geschäft mit nachhaltigen Kleidern und Accessoires, tagtäglich: «Zu uns kommen Kunden, die den Massenkonsum satthaben.» Das sei ein Glück: «Dank unserem Nischenangebot können wir uns von den globalen Ketten und somit auch von den Internet-Riesen abheben», meint Röösli.

Weil Stöbern doch noch Spass macht

Auch George Koutrios, der in seinem Zürcher Geschäft stylische Velos, Trinkflaschen mit Avocado-Print oder etwa schlichte Ledersandalen aus Spanien anbietet, hat keine Zukunftsängste: «Seit zwei Jahren läuft das Geschäft sehr gut – dies, weil wir uns stets weiterentwickelt und angepasst haben.» Den Online-Handel sieht er denn auch nicht als direkte Bedrohung: «Wir haben die Möglichkeit, die Ware im Geschäft zu präsentieren, uns schnell an die aktuellen Trends anzupassen und unseren Kunden ein Erlebnis zu bieten», erklärt der Detailhändler. Während für ihn klar ist, wieso grosse Ketten ins Internet flüchten, ist für ihn der Online-Handel kein Thema: «Den Leuten gefällt es, hier bei uns im Laden zu stöbern.»

Nicht vom Aussterben bedroht

Doch ein Zuckerschlecken sei es nicht, meint eine Händlerin aus einem benachbarten Schmuckgeschäft, das am Schaufenster mit «auserlesenen Stücken» für sich wirbt. «Wir können nur bestehen, solange wir individuell, ausgefallen und attraktiv sind», sagt sie.

Dass der Überlebenskampf für die kleinen Detailhändler weiterhin hart bleiben wird, unterstreicht die Direktorin der Stadtentwicklung Zürich, Anna Schindler. «Doch wer ein Nischengeschäft geschickt betreibt, hat bestimmt keine schlechten Chancen im stationären Handel.» Es brauche hierzu neue, stets der Zeit und Situation angepasste Ladenkonzepte. Diverse Zukunftsszenarien, die Schindler entwickelt hat, zeigen: «Wir werden auch künftig individuelle Geschäfte in der Innenstadt und in den Stadtzentren haben, die kleinen Läden sterben nicht aus.»

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