Nazi-Schild
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Schild für 799 FrankenDarum tauchen Nazi-Relikte immer wieder im Netz auf

Auf Ricardo stand ein Schild aus Zeit des Nationalsozialismus für 799 Franken zum Verkauf. Das ist kein Einzelfall: Immer wieder werden Nazi-Objekte öffentlich verkauft. Illegal ist das in der Schweiz nicht.

von
Barbara Scherer
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 Dieses Amtsschild des Reichnährstandes aus der NS-Zeit wurde auf Ricardo angeboten.

Dieses Amtsschild des Reichnährstandes aus der NS-Zeit wurde auf Ricardo angeboten.

Screenshot Ricardo
799 Franken wollte der Verkäufer dafür.

799 Franken wollte der Verkäufer dafür.

Screenshot Ricardo
Es handle sich nicht um NS-Propaganda, heisst es im Produktbeschrieb.

Es handle sich nicht um NS-Propaganda, heisst es im Produktbeschrieb.

Screenshot Ricardo

Darum gehts

  • Auf Ricardo wurde ein Nazi-Amtsschild angeboten.

  • Das Inserat wurde entfernt – es hat den AGB bezüglich nationalsozialistischer Inhalte widersprochen.

  • Immer wieder werden solche sogenannten Nazi-Devotionalien zum Verkauf angeboten.

  • Der Markt dafür ist besonders im Ausland gross.

Ein Schild aus der Hitlerzeit für 799 Franken: So lautet das Angebot eines Nutzers auf Ricardo. Es handle sich nicht um NS-Propaganda, heisst es im Produktbeschrieb. Doch klar erkennbar ist darauf der Reichsadler samt Hakenkreuz sowie die Schriftzug «Blut und Boden» abgebildet.

Es handelt sich um ein Amtsschild des Reichnährstandes – eine Organisation der Agrarwirtschaft und Agrarpolitik im Deutschen Reich in den Jahren 1933 bis 1945. Ricardo hat das Angebot inzwischen gelöscht. Es widerspricht den AGB bezüglich nationalsozialistischer Inhalte, heisst es auf Anfrage.

Generell werde auf Ricardo keine Art von Diskriminierung oder Rassismus geduldet. Inserate werden darum täglich manuell und mit automatisierten Systemen überprüft. Auch gehe man Hinweisen von Nutzern nach. Doch nicht immer werden Angebote sofort entdeckt. Darum will Ricardo die Kontrollen künftig weiter verschärfen. Ricardo gehört wie 20 Minuten zur TX Group.

Hitlers Zylinder wurde versteigert

Immer wieder werden sogenannte Nazi-Devotionalien öffentlich verkauft. So ersteigerte 2019 ein libanesischer Geschäftsmann mehrere Gegenstände aus der Nazizeit, darunter einen Zylinder von Adolf Hitler, an einer Auktion in Genf. Er kaufte die Objekte, damit sie nicht für Propagandazwecke der Neonazis verwendet werden, und gab dafür 600'000 Franken aus.

Den Versuch, Relikte aus dem Nationalsozialismus aufzukaufen, damit sie nicht in die Hände Rechtsextremer geraten, gibt es laut Samuel Althof, Leiter der Schweizer Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention, immer wieder: «Leider nützt das oft nichts, weil zu viele solcher Objekte im Umlauf sind.»

Kinderkleider aus dem KZ auf dem Flohmarkt

Nicht nur Neonazis besitzen laut Althof Gegenstände aus der NS-Zeit. So gebe es immer wieder Privatpersonen, die solche Objekte im Keller finden. «Die Leute können dann oft nicht genau einschätzen, um was für einen Gegenstand es sich handelt und versuchen die Objekte zu verkaufen.»

Dabei sei der Markt für Nazi-Devotionalien in der Schweiz aber im Vergleich zum Ausland eher klein. So finden sich etwa in Polen immer wieder Objekte aus der Hitler-Zeit auf Flohmärkten. «Dort hat ein Bekannter von mir sogar schon Kinderkleider aus einem KZ gesehen», sagt Althof.

Doch wer kauft diese Gegenstände? «Museen für Ausstellungen und Neonazis», so Althof. Es gebe ab und zu Personen, die ein privates Museum betreiben. «Befinden sich darin aber ausschliesslich NS-Objekte, ist der Fall klar, dass es sich dabei um einen rechtsextremen Sammler handelt.»

Verkauf ist nicht illegal in der Schweiz

Rechtsextreme fühlen sich durch historische Objekte aus der NS-Zeit bestätigt, erklärt Althof. «Wer diese Gegenstände zuhause aufstellt, spaltet sich gesellschaftlich ab. Die Person grenzt sich selbst aus.» Verboten ist das Verkaufen und Kaufen von Nazi-Gegenständen in der Schweiz aber nicht.

«Mein Kampf» kann hierzulande also erworben werden. «Wer aber öffentlich rassistische Inhalte daraus vorliest, erfüllt den Straftatbestand von Art. 261 des StGb, die sogenannte Diskriminierungsstrafnorm und macht sich damit strafbar», erklärt Althof.

Das ist die Rassismus-Strafnorm Art. 261 des StGB

Wer öffentlich gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie, Religion oder sexuellen Orientierung zu Hass oder zu Diskriminierung aufruft, wer öffentlich Ideologien verbreitet, die auf die systematische Herabsetzung oder Verleumdung dieser Personen oder Personengruppen gerichtet sind, wer mit dem gleichen Ziel Propagandaaktionen organisiert, fördert oder daran teilnimmt, wer öffentlich durch Wort, Schrift, Bild, Gebärden, Tätlichkeiten oder in anderer Weise eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie, Religion oder sexuellen Orientierung in einer gegen die Menschenwürde verstossenden Weise herabsetzt oder diskriminiert oder aus einem dieser Gründe Völ­kermord oder andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit leugnet, gröblich verharmlost oder zu rechtfertigen sucht, wer eine von ihm angebotene Leistung, die für die Allgemeinheit be­stimmt ist, einer Person oder einer Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie, Religion oder sexuellen Orientierung verweigert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

Auch das Hakenkreuz darf man sich hierzulande in den eigenen Garten hängen. Trotzdem verzichten die meisten Auktionshäuser auf den Handel mit Nazi-Devotionalien. «Denn das sorgt immer für viel Aufsehen und negative Schlagzeilen», so Althof.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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