14.09.2020 18:10

Kontroverser Film «Cuties»Darum trendet gerade der Hashtag #CancelNetflix

Als Netflix das Poster zu «Cuties» veröffentlichte, war der Aufschrei gross. Nach dem Release des Coming-of-Age-Twerk-Tanzfilms gehen die Leute nun regelrecht auf die Online-Barrikaden.

von
Schimun Krausz

Der Trailer zum Film.

Netflix

Darum gehts

  • Der Netflix-Release des französischen Comedy-Dramas «Cuties» sorgt online für eine gewaltige Kontroverse.
  • Userinnen und User werfen dem Streamingportal vor, damit junge Mädchen zu sexualisieren.
  • Die Regisseurin hat deswegen Morddrohungen bekommen – und erklärt, warum sie den Film gemacht hat.
  • Rechte Gruppierungen nutzen die Kontroverse für ihre Propaganda.

Worum gehts im Film?

Die elfjährige Amy (Fathia Youssouf) kann sich mit den traditionellen Werten ihrer muslimischen, aus Senegal stammenden Familie nicht gross identifizieren und bricht daraus aus, indem sie sich der titelgebenden Twerk-Tanzgruppe Cuties in ihrer Pariser Schule anschliesst.

Die senegalesisch-französische Regisseurin Maïmouna Doucouré (35) zeigt, mit welchem sozialen Druck heranwachsende Mädchen – insbesondere mit Migrationshintergrund – in der heutigen westlichen Welt konfrontiert sind und wie früh sie sexualisiert werden. Das schafft sie mit absichtlich eindeutigen Einstellungen, die beim Schauen bewusst Unbehagen auslösen sollen.

Was sagen die Kritikerinnen und was die User?

«Der Film will zeigen, dass es Kindern erlaubt sein soll, Kinder zu sein», so die Macherin gegenüber «Time», «und wir als Erwachsene sollten ihre Unschuld schützen und sie so lange wie möglich unschuldig sein lassen.» Kino-Fachleute beklatschen «Cuties» (französischer Originaltitel: «Mignonnes») praktisch durchs Band und finden grösstenteils, dass die Message des Coming-of-Age-Comedy-Dramas funktioniert. Am Sundance Film Festival wurde der Film zudem mit dem World Cinema Dramatic Directing Award ausgezeichnet.

Rottentomatoes.com verzeichnet (Stand Montagnachmittag, 14 Uhr) 89 Prozent positive Reviews, auf Metacritic.com erzielt der Film eine mehr als solide Durchschnittswertung von 69 von 100 Punkten. Komplett anders fallen die User-Scores aus: 3 Prozent positive Rottentomatoes.com-Reviews, durchschnittlich 0,6 von möglichen 10 Punkten bei Metacritic.com.

Was hat die Kontroverse angestossen?

Die unglaublich tiefen Scores der Userinnen gehen zum einen auf die Artwork-Kontroverse zurück. Netflix vertreibt «Cuties» in vielen Teilen der Welt (in der Schweiz aktuell allerdings nicht – 20 Minuten hat beim Streaming-Riesen nach dem Grund gefragt, eine Antwort steht noch aus) und veröffentlichte Mitte August ein Poster (rechts im Tweet), das sich deutlich vom Plakat für den französischen Kino-Release (links) unterscheidet:

Der Skandal war geboren, und die Internet-Community tat das, was sie am besten kann: sich masslos echauffieren über ein Thema, das sie höchstens oberflächlich kennt. Oder in diesem Fall: Netflix aufgrund eines Posters aggressiv dazu auffordern, einen Film, von dem sie noch nicht eine Minute gesehen hat, auf keinen Fall zu veröffentlichen – auch mittels Onlinepetitionen.

Nachdem sich Doucouré aufgrund der Netz-Aufregung sogar mit Morddrohungen konfrontiert sah, entschuldigten sich die Netflix-Bosse bei ihr und der Öffentlichkeit fürs Plakat. «Wir bedauern zutiefst, dieses Artwork verwendet zu haben», heisst es in einem Tweet, «das war weder richtig noch repräsentativ für diesen Film. Wir haben es nun ausgetauscht.»

Wie sieht es seit dem Release aus?

Netflix kam der Forderung, den Release von «Cuties» zu kippen, nicht nach und veröffentlichte ihn vergangene Woche (aber eben: In der Schweiz ist er vorerst nicht verfügbar). Die Kontroverse nahm wieder Fahrt auf, und der Ton der Userinnen und User wurde schnell harscher als noch im August. Rasch trendete der Hashtag #CancelNetflix auf Twitter und sehr viele Leute teilten (angebliche) Screenshots von ihrem frisch abbestellten Abo.

Wie viele der kritisierenden Leute den Film auch tatsächlich geschaut haben, sei dabei dahingestellt. Die Posts zeigten schnell Wirkung: Die Netflix-Aktie hatte am Mittwoch, dem Morgen des «Cuties»-Release-Tages, einen Wert von 520 Dollar pro Stück – am Montagnachmittag um 14 Uhr lag er noch bei 480 Dollar, das ist ein Fall von knapp 8 Prozent.

Screenshot Google

Wer profitiert von der Kontroverse?

Tech- und Entertainment-Unternehmen wie Netflix pushen technischen Fortschritt und brechen gern mit Tabus, weshalb sie oft als eher liberal oder gar politisch links gelten, wie das Branchenportal «The Verge» schreibt. Damit würden sie rasch zur Zielscheibe von rechtsgerichteten und konservativen Gruppierungen sowie Medien (siehe eingebetteter und sensationalistisch verpixelter Tweet gleich hier unten), was auch in der aktuellen Kontroverse der Fall ist.

Sogar das rechte Conspiracy-Theory-Netzwerk QAnon ist mittlerweile darin verstrickt. Dies auch, weil bei Anti-«Cuties»-Posts vermehrt #SaveTheChildren (hat nichts mit der gleichnamigen NGO zu tun, die für die Rechte und den Schutz von Kindern einsteht) eingesetzt wird – ein Hashtag, den QAnon-Poster gern verwenden, um ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten. (#SaveTheChildren und die QAnon-Bewegung gehen aufs PizzaGate zurück, das wir zuunterst in der Infobox kurz anreissen.)

Durch den «Skandal» ist der Film also unter anderem zum Spielball rechter Verschwörungstheoretiker geworden, ohne dass sein Inhalt geschweige denn seine eigentliche Message noch eine wirkliche Rolle spielen.

Immerhin: Auch wenn eine Vielzahl der ausrufenden Nutzerinnen und Nutzer «Cuties» mutmasslich gar nie geschaut hat, dürfte der französische Film durch die Kontroverse ziemlich viele Zuschauerinnen und Zuschauer gewonnen haben, die ihn sonst nicht angetippt hätten.

Konkrete Zahlen gibts allerdings nicht; Netflix veröffentlicht solche sehr selektiv und wird in diesem heiklen Fall wahrscheinlich ganz davon absehen, um den Aufschrei nicht noch weiter anzufachen.

Verschwörungstheorie

Was ist das PizzaGate?

Instagram/cometpingpong

Im Rahmen der US-Präsidentschaftswahl 2016 wurde der E-Mail-Account des Kampagnen-Managers von Kandidatin Hillary Clinton (72) gehackt. Nachdem Wikileaks seine E-Mails veröffentlichte, behaupteten einige Verschwörungstheoretiker, darin Hinweise auf einen Menschenhändler- und Kindersex-Ring gefunden zu haben.

Die Drahtzieher sollen mehrere hochrangige Angehörige der Demokratischen Partei (zu der Clinton gehört) sein, und für ihre Geschäfte hätten sie unter anderem die Comet-Ping-Pong-Pizzeria in Washington D.C. genutzt, wo auch satanistische Rituale stattgefunden haben sollen.

Vor allem politische Gegner Clintons und der Demokraten verbreiteten die Theorie. Daraufhin wurden der Restaurantbesitzer und die Belegschaft massiv bedroht. Zudem stürmte ein Mann das Lokal, um die angeblich verschleppten Kinder zu befreien und feuerte mehrere Schüsse aus einem Gewehr ab.

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24 Kommentare
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Peter

15.09.2020, 11:53

Die Kontroverse hat in den meisten Teilen überhaupt nichts mit Pizza Gate zu tun. Sondern eben auch mit den Fakten des Materials: bitchute /video/GvFyhqSE51A/

Phil

15.09.2020, 10:58

Verstehe den ganzen Wirbel nicht. Die selbe Story wurde schon mit "Kick it like Beckham" (2002) erzählt, junges Mädchen spielt Fusball, trotz dem Unmut ihres Traditionellen Elternhauses.

sonicht

15.09.2020, 06:23

Schlecht verfasster Artikel. Diesen Film muss man sich nun wirklich nicht angeschaut haben, um sich ein Urteil zu erlauben. Da reicht der Trailer und ein paar Reviews.