02.03.2015 21:37

Mutter erzählt«Darum unterrichte ich meine Kinder zu Hause»

Thirza Schneider schickt ihre Kinder nicht mehr zur Schule, weil die Tochter dort an Stress litt. Dank Heimunterricht gehe es ihr blendend.

von
D. Pomper
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Thirza Schneider unterrichtet ihre Tochter (8) und ihren Sohn (6) zu Hause. Hier nehmen Mutter und Kinder an einer Führung im Infozentrum Eichholz zum Thema «Tiere im Winter» teil.

Thirza Schneider unterrichtet ihre Tochter (8) und ihren Sohn (6) zu Hause. Hier nehmen Mutter und Kinder an einer Führung im Infozentrum Eichholz zum Thema «Tiere im Winter» teil.

Der Unterricht zu Hause beginnt um 9 Uhr und dauert bis zum Mittag. Auf dem Lehrplan stehen Deutsch, Mathematik und Natur-Mensch-Gesellschaft. «Ich glaube schon, dass ich kompetent genug bin, meine Kinder in ihrem Lernen zu begleiten», sagt Schneider.

Der Unterricht zu Hause beginnt um 9 Uhr und dauert bis zum Mittag. Auf dem Lehrplan stehen Deutsch, Mathematik und Natur-Mensch-Gesellschaft. «Ich glaube schon, dass ich kompetent genug bin, meine Kinder in ihrem Lernen zu begleiten», sagt Schneider.

Eine Lehrperson begleitet die Familie beim Homeschooling. «Sie ist immer für mich da, wenn ich Fragen habe und gibt Tipps betreffend Schulmaterial.»

Eine Lehrperson begleitet die Familie beim Homeschooling. «Sie ist immer für mich da, wenn ich Fragen habe und gibt Tipps betreffend Schulmaterial.»

Frau Schneider, warum unterrichten Sie Ihre Kinder zu Hause?

Im ersten Schuljahr entwickelte unsere Tochter heftige Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Hautausschläge. Sie bekam panische Angst vor Tests und Mathematik. Da der Unterricht zu Hause im Kanton Bern mit Bewilligung erlaubt ist, entschieden wir uns für das Homeschooling. Seit August 2014 unterrichten wir sie zu Hause. Unseren Sohn haben wir im Januar 2015 aus dem Kindergarten genommen, weil er gerne zu Hause sein wollte.

Gehen die Schule respektive die Lehrer zu wenig auf die Bedürfnisse von Schülern ein?

Ich stelle nicht die Lehrer infrage, sondern unser Schulsystem. Warum werden ausländische Kinder nicht besser gefördert? Warum werden intelligente, aber etwas langsame Kinder sofort abgeklärt? Warum müssen manche Zweitklässler ein bis zwei Stunden pro Tag Hausaufgaben machen? Warum haben Kinder heutzutage kaum mehr Zeit zum Spielen? Es wird von Kindern extrem viel verlangt in der Schule. Wegen finanziellen Kürzungen im Bildungswesen werden Klassen immer grösser und es gibt immer weniger Personal für Sonderfälle. Das sind alles Fragen, die mich zum Denken anregen.

Und Sie können die Bedürfnisse Ihrer Kinder besser erfüllen?

Wir haben eine Lehrperson, die uns beim Homeschooling begleitet. Sie ist immer für mich da, wenn ich Fragen habe und gibt Tipps betreffend Schulmaterial. Ansonsten glaube ich schon, dass ich kompetent genug bin, meine Kinder in ihrem Lernen zu begleiten. Ich habe viele Jahre als Sozialpädagogin mit Kindern gearbeitet und habe einen Masterabschluss.

Wie sieht der Schulalltag zu Hause aus?

Wir starten unseren Schulalltag um 9 Uhr und lernen bis ca. 11.30 Uhr oder 12 Uhr. In dieser Zeit nehmen wir Fächer wie Deutsch, Mathematik und Natur-Mensch-Gesellschaft durch. An einem Morgen turnen wir mit anderen Homeschool-Kindern oder werken im Freizythuus Münsingen. Oder wir nehmen an Lernanlässen teil. Am Nachmittag gehen die Kinder in die Musikschule, in Sportvereine oder gestalten zu Hause etwas Schönes. Da sie keine Hausaufgaben haben, haben sie viel Zeit, um mit anderen Kindern im Dorf abzumachen. Oder sie spielen mit unseren Tageskindern, die dreimal pro Woche kommen.

Gibt es auch spezielle Events?

Zweimal pro Monat gehen wir in ein Durchgangszentrum für Asylsuchende und gestalten zusammen mit Freunden und Bewohnern ein Programm. Zum Beispiel bemalen wir Tücher. Die Kinder probieren fremdes Essen, lernen Wörter in anderen Sprachen und verschiedene Kulturen kennen. Sie erfahren etwas über das Leben von Flüchtlingen, hören von Kriegen und Konflikten auf dieser Welt. Die Kinder lieben es. Oder vor einigen Monaten haben wir an einer Präsentation von Ärzte ohne Grenzen teilgenommen. Seitdem möchte meine Tochter mehr über Ärzte und Spitäler wissen. Daraufhin haben wir an einer Führung für Kinder an der Berner Kinderklinik teilgenommen.

Inwiefern hat sich das Verhalten Ihrer Kinder verändert, seit Sie sie zu Hause unterrichten?

Unsere Tochter ist glücklich und ausgeglichen und alle Stresssymptome sind verschwunden. Sie lernt sehr gern. Leider hat sie immer noch etwas Angst vor Mathematik, was bedeutet, dass wir da ganz behutsam vorangehen müssen. Ansonsten verbringt sie viel Zeit mit Malen und Gestalten und liebt es, Klavier zu spielen. Unser Sohn ist lernbegierig und wissensdurstig, liebt Mathematik und Deutsch und möchte einfach alles wissen und erforschen. Er hat seine Lernfreude noch nicht verloren.

Gibt es zu Hause auch Prüfungen und Noten?

Nein. Das ist auch nicht nötig, da ich ja genau weiss, was die Kinder schon gut können und wo sie noch mehr üben sollten. Unser Sohn macht freiwillig Blitztests am PC, da es ihm Spass macht. Das wäre der reinste Horror für unsere Tochter.

Wie lange wollen Sie Ihre Kinder zu Hause unterrichten?

Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Kinder sicher bis zur 6. Klasse zu Hause unterrichten, zumindest unsere Tochter. Es könnte gut sein, dass unser Sohn dann früher mal zurück in die Schule möchte. Wer weiss, vielleicht machen wir ja sogar die Oberstufe zusammen. Ich lasse mich überraschen.

Haben Sie keine Angst, dass Ihre Kinder so ausgegrenzt werden?

Wir sind sehr dankbar, dass unsere Kinder im Dorf und auch in ihren Sportvereinen ganz und gar nicht ausgegrenzt werden. Sie gehen ins Unihockey, ins Geräteturnen und in den Schwimmunterricht. Sie haben viele Freundinnen und Freunde, und wir hoffen, dass das so bleibt.

Sie schützen Ihre Kinder vor der harten Schulwelt. Ist es für ein Kind nicht auch wichtig, mit schwierigen und frustrierenden Situationen umzugehen zu lernen?

Ja, das ist wirklich wichtig. Aber muss das ein 7-jähriges Kind bereits lernen, auch wenn es dabei fast in ein Burnout schlittert? Ich möchte meine Kinder lieber zuerst in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Sozialkompetenz stärken, damit sie danach mit solchen schwierigen, frustrierenden und stressigen Situationen besser umgehen können.

Wie sollen sich Kinder, die vor dem zum Teil harten Schulalltag geschützt wurden, später in der noch härteren Arbeitswelt zurecht finden?

Die harte Arbeitswelt haben auch wir ganz neu kennen gelernt, als wir nach mehreren Jahren im Ausland in die Schweiz zurückkehrten. Auch für uns Erwachsene war das ein Schock und wir fragen uns, warum die Arbeitswelt in der Schweiz so unmenschlich, hart und unsozial sein muss. Viele Menschen, die normal zur Schule gegangen sind, kommen mit der gegenwärtigen Arbeitssituation in der Schweiz auch nicht mehr klar und immer mehr erleiden ein Burnout. Da hilft also die Schulvorbereitung auch nichts.

Wächst ein Kind, wenn es zu Hause unterrichtet wird, nicht in einer Seifenblase auf?

Im Gegenteil! Ich sperre meine Kinder nicht zu Hause ein. Wir sind viel unterwegs. Bei uns steht die Türe immer offen und an mindestens fünf Tagen die Woche gehen etliche Schulkinder bei uns ein uns aus. Da würde ich mir mehr Sorgen um die Kinder machen, die nach der Schule allein zu Hause sitzen und warten, bis ihre Eltern von der Arbeit zurückkommen.

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