Aktualisiert 08.10.2018 15:52

Zuger Regierungsrat

Darum verzeihen CVP-Wähler Fremdgeher Villiger

Nach Christophe Darbellay wurde auch der Zuger Beat Villiger trotz Affäre und unehelichem Kind gewählt. Politologe Mark Balsiger erklärt, warum.

von
P. Michel
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Die neuste Diskussion um Verfehlungen von CVP-Politikern dreht sich um den Zuger Regierungsrat Beat Villiger. Die Luzerner Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn, weil mit seinem Auto eine Person zweimal ohne Führerschein kontrolliert worden war. Dann stellte sich heraus: Es handelte sich um seine ehemalige Geliebte.

Die neuste Diskussion um Verfehlungen von CVP-Politikern dreht sich um den Zuger Regierungsrat Beat Villiger. Die Luzerner Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn, weil mit seinem Auto eine Person zweimal ohne Führerschein kontrolliert worden war. Dann stellte sich heraus: Es handelte sich um seine ehemalige Geliebte.

Keystone/urs Flueeler
Mit dieser hat Beat Villiger auch ein gemeinsames Kind, wie er am Tag der Wiederwahl publik machte. Trotzdem schaffte er die Wahl. Und die CVP konnte gar einen Sitz in der Regierung zulegen.

Mit dieser hat Beat Villiger auch ein gemeinsames Kind, wie er am Tag der Wiederwahl publik machte. Trotzdem schaffte er die Wahl. Und die CVP konnte gar einen Sitz in der Regierung zulegen.

Keystone/urs Flueeler
CVP-Staatsrat Christophe Darbellay gestand 2016, dass aus einem Seitensprung ein Kind entstanden war. Trotzdem schaffte der Walliser die Wahl in die Walliser Regierung mit gutem Resultat.

CVP-Staatsrat Christophe Darbellay gestand 2016, dass aus einem Seitensprung ein Kind entstanden war. Trotzdem schaffte der Walliser die Wahl in die Walliser Regierung mit gutem Resultat.

Keystone/Jean-christophe Bott

Herr Balsiger, nachdem bereits Ex-CVP-Präsident Darbellay ein uneheliches Kind gestehen musste, und der Walliser Nationalrat Yannick Buttet seine Ex-Geliebte stalkte, beichtete nun auch der Zuger Regierungsrat Beat Villiger ein uneheliches Kind. Haben CVP-Politiker ein Problem mit ihren moralischen Grundsätzen?

Nein, das sind zufällige Häufungen. Solche Fälle wären in jeder anderen Partei auch möglich.

Warum ist die Empörung trotzdem gross?

Es ist ein Reflex der Öffentlichkeit, einer Partei, die das Wort «christlich» im Namen führt, Heuchelei zu unterstellen. Eine Partei, die christliche und konservative Werte hochhält, muss diese selber auch verkörpern. Das ist ein Spannungsfeld für die CVP.

Trotzdem legte die CVP in der Zuger Regierung einen Sitz zu, und auch Villiger wurde problemlos wiedergewählt. Ist den Wählern die Doppelmoral egal?

Der Fall Darbellay hat gezeigt, dass sogar im erzkatholischen Wallis eine Wahl in den Regierungsrat trotz Affäre und unehelichem Kind möglich ist. Der Unterschied: Darbellay liess acht Monate vor den Wahlen die Hosen runter – auf Druck des «SonntagsBlick». Villiger dagegen erst am Wahlsonntag. Ich glaube aber, Villiger wäre auch bei einer früheren Beichte wiedergewählt worden.

Warum?

Im weitgehend urbanen Kanton Zug kommen die Wählerinnen und Wähler zum Schluss: «Auch Politiker sind nur Menschen.» Zudem wird der politische Leistungsausweis offenbar höher gewichtet als die Affäre. Villiger ist seit elf Jahren Regierungsrat und er hat einen soliden Job gemacht. Die moralische Empörung bei der Wählerschaft spielt hier nicht – ganz anders im Fall von Geri Müllers Nacktselfie.

Laut Tamedia-Umfrage dürfte die CVP in den nationalen Wahlen 2019 1,7 Prozent verlieren. Was bedeutet die Affäre Villiger auf nationaler Ebene für die Partei?

Eine Partei will naturgemäss über Projekte und Erfolge reden. Die Affäre Villiger könnte sich als Bremsklotz für den Wahlkampf erweisen, genauso wie Pierre Maudet bei der FDP: Statt über die CVP-Volksinitiative für eine Kostenbremse bei den Krankenkassenprämien dominiert dieser Fall die Debatte. Deshalb hat die Partei ein Interesse daran, dass Villiger die Sache rasch klärt.

Was muss die Partei tun, um weitere Fälle zu verhindern? Braucht es Verhaltensrichtlinien seitens der Parteileitung?

Das würde nichts bringen. Denn Politiker, die etwas unter dem Deckel halten wollen, agieren oft kopflos und vertrauen sich Parteikollegen nicht an. Beat Villiger beging den grossen Fehler, eine superprovisorische Verfügung zu erwirken. Erst dadurch kam die Vermutung auf, dass hinter der Geschichte noch mehr stecken muss. Dabei ist es ja bloss die private Angelegenheit, die er unter dem Deckel halten wollte. Die Lektion für Politiker ist: Frühzeitig hinstehen und reinen Tisch machen – alles muss raus.

Villiger will in den nächsten Tagen entscheiden, ob er das Amt annimmt. Über Buttet sagten Sie damals: «Sich entschuldigen, alle Fakten auf den Tisch legen und sich Asche aufs Haupt streuen, wäre wirkungsvoll.» Kann Villiger glaubwürdig politisieren, wenn er das befolgt?

Der Wiederaufbau der Glaubwürdigkeit erfolgt schrittweise. Zuerst muss Villiger aber entscheiden, ob er das Amt annehmen will oder nicht. Falls ja, wird es für Villiger ein langer Weg. Dass er aber mit einem guten Resultat gewählt wurde, gibt ihm Sicherheit. Wenn sich die grosse Aufregung erst einmal gelegt hat, wird man seine Leistungen der letzten Jahre wieder pragmatischer abwägen.

* Mark Balsiger ist Politologe und Politikberater.

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