Nein zum Mindestlohn: Darum verzichten wir auf mehr Lohn und Ferien
Aktualisiert

Nein zum MindestlohnDarum verzichten wir auf mehr Lohn und Ferien

Warum verzichten Schweizer freiwillig auf einen Mindestlohn und mehr Ferien? Sie seien ökonomisch vernünftig, so Experten.

von
N.Glaus
Die Mehrheit der Schweizer will weder mehr Ferien noch einen Mindestlohn.

Die Mehrheit der Schweizer will weder mehr Ferien noch einen Mindestlohn.

Keine andere Abstimmung gibt im Ausland so viel zu reden wie das Nein zum Mindestlohn. Man fragt sich: Wieso entscheiden sich die Schweizer Stimmbürger gegen mehr Lohn, wenn er zum Greifen nahe ist?

Nicht zum ersten Mal scheitern Initiativen, die einem das Leben angenehmer gestalten wollen, deutlich. Vor zwei Jahren haben die Schweizer die Forderung nach sechs Wochen Ferien versenkt und auch die 1:12-Initiative im vergangenen Jahr blieb chancenlos. So arbeitet der Schweizer Bürger weiterhin freiwillig 42 Stunden, fünf Tage in der Woche, mit vier Wochen Ferien und ohne Mindestlohn von 4000 Franken.

«Wenn etwas gut für die Wirtschaft ist, ist es auch gut für uns.»

Patrik Schellenbauer, Projektleiter bei Avenir Suisse, weiss, warum sich die Schweizer Stimmbürger immer wieder gegen solche arbeitspolitischen Initiativen wehren: «Schweizer lassen eine gewisse ökonomische Vernunft walten. Sie wissen, dass man sechs Wochen Ferien nicht gratis haben kann.» Viele Schweizer fühlten sich als Konsumenten und Arbeitnehmer ebenfalls als Teil der Wirtschaft. Ihr Motto laute: «Wenn etwas gut für die Wirtschaft ist, ist es auch gut für uns.»

Diese Haltung sei weit verbreitet, aber sie bröckle: «Es tut sich ein Graben auf. Früher gab es mehr glaubwürdige Unternehmer in der Politik, denen man vertraute», sagt Schellenbauer.

Misstrauen dem Staat gegenüber

Laut Wirtschaftshistoriker Thomas Gees herrscht das Bild des arbeitsamen Schweizers vor allem in der Agglomeration und in den ländlichen Regionen der Deutschschweiz vor. Allerdings sei dies nur der Fall, solange die Wirtschaft nicht über die Stränge haue, wie die Annahme der Abzocker-Initiative zeigte.

In der Schweiz herrsche seit langem eine stillschweigende Übereinkunft, dass arbeitsmarktpolitische Fragen sozialpartnerschaftlich geregelt werden sollen, erklärt Gees. «Der Staat soll nicht eingreifen, wenn dies Arbeitgeber und Arbeitnehmer untereinander selber regeln können. Schweizer pflegen ein gesundes Missvertrauen gegenüber dem Staat.»

«Vernünftiger bedeutet nicht gesünder»

Diese Verinnerlichung von vermeintlich vernünftigem, unternehmerischem Handeln findet Arbeitspsychologe Theo Wehner vom Zentrum für Organisations- und Arbeitswissenschaften der ETH Zürich gefährlich: «Es wäre gesünder, eine Woche mehr Ferien und einen höheren Lohn zu haben.» Wenn sich eine Gesellschaft durch sechs Wochen Ferien bedroht fühle, dann müsse man darüber nachdenken, was für eine Wirtschaft das sei.

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