Beschädigte Gas-Pipeline: Darum waren bei Nord Stream wohl Saboteure am Werk

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Beschädigte Gas-PipelineDarum waren bei Nord Stream wohl Saboteure am Werk

Es braucht viel, um die betonverkleideten Stahlrohre zu beschädigen. Die Betreiberin Nordstream, beheimatet in Zug, wird den Schaden an der Gas-Pipeline untersuchen.

von
Claudia Blumer
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Industriegebiet in Lubmin, Deutschland, wo die Gas-Pipeline endet. Beide Nordstream-Röhren in der Ostsee wurden Anfang Woche beschädigt.

Industriegebiet in Lubmin, Deutschland, wo die Gas-Pipeline endet. Beide Nordstream-Röhren in der Ostsee wurden Anfang Woche beschädigt.

Reuters
Hauptsitz der Nordstream ist in Zug – doch die Firma gehört zu 51 Prozent der russischen Gazprom. Nordstream-Logo an einem Haus in Vyborg, Russland, von wo aus die Nordstream-Pipeline das Gas nach Deutschland liefert.

Hauptsitz der Nordstream ist in Zug – doch die Firma gehört zu 51 Prozent der russischen Gazprom. Nordstream-Logo an einem Haus in Vyborg, Russland, von wo aus die Nordstream-Pipeline das Gas nach Deutschland liefert.

Reuters
Die Gasleitungs-Rohre haben einen guten Meter Durchmesser und sind dazu mit Beton verkleidet. Es ist schwierig, sie zu beschädigen. Aufnahme aus Lubmin, Deutschland.

Die Gasleitungs-Rohre haben einen guten Meter Durchmesser und sind dazu mit Beton verkleidet. Es ist schwierig, sie zu beschädigen. Aufnahme aus Lubmin, Deutschland.

Reuters

Darum gehts

Blubberndes Wasser in der Ostsee schreckt die Welt auf: Die 1224 Kilometer lange Gas-Pipeline, die sich auf dem Meeresgrund von Russland nach Deutschland erstreckt, ist offensichtlich kaputt. Erdgas tritt aus und bedroht Mensch und Umwelt (siehe Box). Das Leck sei in dänischen Hoheitsgewässern geortet worden, informierte die Pipeline-Betreiberin Nordstream, die ihren Sitz in Zug hat. Im Umkreis von fünf Seemeilen (gut neun Kilometer) der Schadensstelle ist die Schifffahrt derzeit verboten und es gilt ein örtliches Flugverbot.

Seit rund zehn Jahren fliesst Gas durch die Leitung von Russland nach Deutschland.

Seit rund zehn Jahren fliesst Gas durch die Leitung von Russland nach Deutschland.

Wikipedia/Samuel Bailey

Gas fliesst schon seit einigen Wochen nicht mehr durch die Röhre, die vor rund zehn Jahren in Betrieb genommen wurde und seither jedes Jahr 59 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland aufs europäische Festland transportierte. Das Gas, das jetzt austritt, sei jenes, das noch in der Leitung drin war, nachdem Russland und Deutschland in den letzten Monaten die Ventile geschlossen haben, sagt ein Sprecher von Nordstream auf Anfrage von 20 Minuten.

Gravierende Folgen für die Umwelt

Gewisse Gefahr geht von Ankern aus

Noch kennt Nordstream das Ausmass des Schadens nicht: «Wegen der Sperrzone dürfen wir uns dem Leck nicht nähern – doch wir sind bereit, sobald die Sperre aufgehoben wird und das Wetter es zulässt», sagt der Sprecher. Spezialisten würden jetzt aufgeboten. Von Schiffen aus und mit unbemannten Unterwassergeschossen werde dann untersucht, was die Ursache ist, wie gross der Schaden ist und wie er behoben werden kann. Die EU vermutet Sabotage. Es kursieren mehrere Theorien darüber, wer der Urheber ist.

Was Nordstream sagt: «Grundsätzlich ist sei es sehr schwierig, die Pipeline zu beschädigen.» Eine gewisse Gefahr gehe von Schiffsankern aus – doch es gebe kaum Schiffe mit solchen Ankern in der Ostsee, welche in der Lage seien, das betonverkleidete Stahlrohr zu beschädigen. Zudem gibt es für Schiffe Verbotszonen und Zonen, in denen sie keine Anker werfen dürfen oder die Nordstream informieren müssten. Weitere potenzielle Gefahren: auf dem Meeresgrund liegen gebliebene Munition aus dem Zweiten Weltkrieg sowie Meeresströmungen. Doch diese Risiken wurden vor der Installation intensiv untersucht, heisst es bei Nordstream. Weitere Gefahren wären Erdbeben oder Vulkane – letztere sind in der Ostsee nicht bekannt.

«Es muss physisch auf das Rohr eingewirkt worden sein»

Es lasse sich derzeit nur spekulieren, sagt Michael Schmid vom Verband der schweizerischen Gasindustrie. Nach den Bildern zu urteilen, müsse physisch auf die Gasrohre eingewirkt worden sein, denkbar sei auch ein Materialschaden, weniger ein Cyberangriff. Sicher ist: Es handelt sich um ein Stahlrohr mit 1,153 Metern Durchmesser, verkleidet mit einer Betonschicht.

«An sich ein gewöhnliches Stahlrohr», sagt Schmid, «aber technisch sehr anspruchsvoll gefertigt, dicht gegenüber elektrischen Spannungen und mit einer speziellen Beschichtung, die bewirkt, dass das Gas optimal fliesst.» Die Röhren würden regelmässig kontrolliert durch so genannte «Molche»: Metallzylinder, die mit Kameras und Sensoren ausgerüstet durch die Leitungen fahren und den Zustand von innen her inspizieren.

«Die Nordstream-Doppelröhre ist eine wichtige Versorgungsachse, aber nicht unentbehrlich und nicht die einzige», sagt Michael Schmid. Deutschland bekommt von Russland schon seit einigen Wochen kein Gas mehr, nachdem infolge der Wartungsarbeiten die Kapazität zunächst reduziert worden war. Europa bezieht heute noch insgesamt neun Prozent seines Gases aus Russland – 2021 waren es im Schnitt 29 Prozent. Man beobachte die Situation natürlich genau seitens des Gasindustrieverbands, sagt Schmid.

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