Untrainiertes Immunsystem: Darum wird in Bus, Zug und Büro gehustet wie im tiefsten Winter

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Untrainiertes ImmunsystemDarum wird in Bus, Zug und Büro gehustet wie im tiefsten Winter

Auffällig viele Menschen zeigen derzeit Erkältungs- und Grippesymptome. Laut Experten sind verschiedene Viren und unser geschwächtes Immunsystem schuld daran.

von
Christina Pirskanen
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Trotz sommerlichen Temperaturen scheinen derzeit besonders viele Menschen in der Schweiz krank zu sein.

Trotz sommerlichen Temperaturen scheinen derzeit besonders viele Menschen in der Schweiz krank zu sein.

20min/Matthias Spicher
Zurzeit kursieren gemäss dem Virologen Andreas Cerny verschiedene respiratorische Viren, die grippeähnliche Symptome auslösen, aber keine «klassische» Influenza sind: Husten, Halsweh und Fieber sind die Folge.

Zurzeit kursieren gemäss dem Virologen Andreas Cerny verschiedene respiratorische Viren, die grippeähnliche Symptome auslösen, aber keine «klassische» Influenza sind: Husten, Halsweh und Fieber sind die Folge.

20min/Matthias Spicher
Durch zwei Jahre Corona-Schutzmassnahmen sei nun unser Immunsystem geschwächt. Es brauche nämlich die ständige Auseinandersetzung mit der Umwelt, um fit zu bleiben, so Thomas Rosemann, Professor und Direktor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich.

Durch zwei Jahre Corona-Schutzmassnahmen sei nun unser Immunsystem geschwächt. Es brauche nämlich die ständige Auseinandersetzung mit der Umwelt, um fit zu bleiben, so Thomas Rosemann, Professor und Direktor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich.

20min/Anna Bila

Darum gehts

  • Im öffentlichen Verkehr und in den Büros machen sich viele hustende Menschen bemerkbar.

  • Für die vielen kränkelnden Menschen können eine Reihe an Atemwegsviren verantwortlich sein.

  • Experten betonen, dass das Immunsystem nach zwei Jahren Pandemie untrainiert sei und man sich somit leichter anstecke.

  • In den Apotheken sei die Lage zurzeit ruhig – doch man bereite sich auf die Grippesaison im Herbst vor.

Das Geräusch, welches zwei Jahre gefürchtet und unter Umständen sogar schmerzlich unterdrückt wurde, ist zurück: Im öffentlichen Verkehr und bei der Arbeit wird wieder gehustet – und zwar für den Spätsommer auffällig viel. Das deutsche Robert Koch Institut vermeldete für die erste Septemberwoche rund 3,5 Millionen Neuerkrankungen in Deutschland, trotz sommerlicher Temperaturen. In der Schweiz gibt es gemäss Angaben des Universitätsspitals Genf derzeit nur wenige Grippefälle – diese Zahlen werden über die Sommermonate aber auch gar nicht erfasst.

Der Corona-Test zeigt zwar negativ an, doch anstatt sich zuhause im Bett auszukurieren, sitzen viele im Zug und in den Büros und stecken so womöglich noch weitere Menschen an. Woran liegt es, dass zurzeit so viele Freunde, Familienmitglieder und Arbeitskollegen und -kolleginnen flach liegen? 

Unserem Immunsystem fehlt das Training

«Im Sommer kursieren auch andere respiratorische Viren, die grippeähnliche Symptome auslösen können, wie Rhinoviren, Adenoviren, Parainfluenzaviren, Coronaviren und das respiratorische Synzytial-Virus (RSV), für welche jeweils nicht speziell getestet wird», so Virologe Andreas Cerny. Diese Viren lösen grippeähnliche Symptome aus, sind aber keine «klassische» Influenza: Husten, Halsweh und Fieber sind die Folge. Die letzten zwei Jahre habe sich die Schweiz nicht nur gegen Corona geschützt, sondern gleichzeitig auch alle anderen Viren vermieden, so der Infektiologe. «Unser Immunsystem ist dadurch weniger stimuliert und wir sind wahrscheinlich anfälliger für diese Viren.»

Auch Thomas Rosemann, Professor und Direktor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich, bestätigt das: «Das ist wie bei einem Astronauten, der nach zwei Jahren Schwerelosigkeit einen Grossteil seiner muskulären Kraft verliert, weil er seine Muskeln nicht trainiert.» Unser Immunsystem brauche die ständige Auseinandersetzung mit der Umwelt, um fit zu bleiben.

Bist auch du gerade krank?

«Held zu spielen und zur Arbeit zu gehen, ist unsinnig»

Es sei also zu erwarten, dass man sich leichter anstecke und dass sich mehr Menschen gleichzeitig anstecken. «Unter Umständen verläuft der Infekt auch etwas heftiger», so Rosemann. Dass die hustenden Menschen in letzter Zeit so stark auffallen, habe wohl unter anderem auch damit zu tun, dass wir nicht mehr gewohnt sind, auf diese zu treffen.

«Sich zwei Tage schniefend per ÖV in die Arbeit zu schleppen, um Held oder Heldin zu spielen, und dabei viele andere potentiell anzustecken, um dann ab Tag drei doch zuhause zu bleiben, ist medizinisch, epidemiologisch und ökonomisch gleichermassen unsinnig», erklärt Rosemann. Lieber solle man zuhause bleiben, wenn man sich nicht wohl fühlt – und zwar schon beim ersten Halskratzen. Somit kommt man selbst schneller auf die Beine und steckt sein Umfeld nicht an.

Krankheitswelle für Herbst erwartet

Erste Schweizer Apotheken machen sich schon für den Herbst bereit: «Momentan spüren wir die Ruhe vor dem Sturm. Wir erwarten in den kommenden Monaten eine starke Grippewelle – und Corona wird wohl auch wieder ein grosses Thema werden», sagt Natalia Blarer, Geschäftsführerin der Toppharm-Apotheke Europaallee.

Sie plädiert dafür, sich bei Erkältungs- oder Grippesymptomen testen zu lassen und in der Öffentlichkeit wieder zur Maske zu greifen, um so seine Mitmenschen zu schützen. «Man weiss nie, wer ein Risikopatient sein könnte», so Blarer. 

Grippeimpfung wird dieses Jahr zentral

Weil unser Immunsystem nach zwei Jahren mit Schutzmassnahmen untrainiert ist, wird die Grippeimpfung dieses Jahr laut Experten entscheidend sein. «Die Kampagne um die Grippeimpfung wird im Herbst von grosser Bedeutung sein», sagt Infektiologe Cerny. Auch Rosemann ergänzt: «Eine Influenzaimpfung für alle Risikogruppen ist in diesem Jahr umso wichtiger.» Das Bundesamt für Gesundheit hat für den 25. November einen nationalen Grippeimpftag vorgesehen.

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