Erstmals seit zehn Jahren – Darum wurden im Corona-Jahr 2020 weniger Menschen im Spital behandelt
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Erstmals seit zehn JahrenDarum wurden im Corona-Jahr 2020 weniger Menschen im Spital behandelt

Erstmals seit 2011 haben die Hospitalisierungen in der Schweiz 2020 abgenommen – und das mitten in der Corona-Pandemie. Gleichzeitig wurde erneut mehr Personal beschäftigt.

von
Daniel Graf
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2020 wurden erstmals seit zehn Jahren weniger Patienten und Patientinnen stationär im Spital behandelt als im Vorjahr. 

2020 wurden erstmals seit zehn Jahren weniger Patienten und Patientinnen stationär im Spital behandelt als im Vorjahr.

20min/Marvin Ancian
Das schreibt das Bundesamt für Statistik in seiner neusten Statistik, die Ende letzter Woche veröffentlicht wurde. 

Das schreibt das Bundesamt für Statistik in seiner neusten Statistik, die Ende letzter Woche veröffentlicht wurde.

20min/Jacqueline Straub
Diese Entwicklung mag erstaunen – insbesondere, da 2020 mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie das Spitalwesen stark in den Fokus rückte. 

Diese Entwicklung mag erstaunen – insbesondere, da 2020 mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie das Spitalwesen stark in den Fokus rückte.

20min/Marvin Ancian

Darum gehts

Das Schweizer Gesundheitswesen ist seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stark ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt: Volle Intensivstationen, verschobene Operationen, ausgelaugtes Gesundheitspersonal und viele Spitaleinweisungen wegen Covid-19 prägten die Schlagzeilen.

Die neueste Spitalstatistik, welche das Bundesamt für Gesundheit am Freitag veröffentlicht hat, mag deshalb auf den ersten Blick überraschen: «Rückgang der Hospitalisierungen im Jahr 2020» lautet der Titel. Tatsächlich sank die Zahl der stationär in einem Spital behandelten Menschen letztes Jahr um 5,8 Prozent. Es ist der erste Rückgang dieser Zahlen im Vergleich zum Vorjahr seit 2011 (siehe unten).

«Konnten nicht alle Patientinnen und Patienten versorgen»

Dass die Hospitalisationen ausgerechnet im ersten Jahr der Corona-Pandemie erstmals seit Jahren zurückgingen, hat laut dem Spitalverband H+ plausible Gründe: «Das ist einerseits auf das Behandlungsverbot des Bundes im Frühjahr 2020 zurückzuführen. Andererseits zeigen die Daten deutlich, dass die Spitäler und Kliniken viele Corona-Erkrankte stationär behandeln mussten und Nicht-Covid-Patienten erst verspätet behandeln konnten», heisst es in einer Mitteilung. Die Spitäler und Kliniken hätten somit nicht alle Patientinnen und Patienten versorgen können.

Auch Anita Kuoni, Leiterin Kommunikation beim Kantonsspital Baselland, sagt: «Insbesondere in der ersten Welle hatten wir unsere Tätigkeiten ganz auf Corona ausgerichtet. Aufgrund der reduzierten Operationstätigkeit und des zögerlichen Verhaltens der Patientinnen und Patienten hatten die Spitäler einen wesentlichen Fallzahlenrückgang zu verzeichnen.» So seien die Notfälle in der ersten Welle um 40 Prozent zurückgegangen. «Einerseits aus Angst vor Ansteckungen im Spital, andererseits wahrscheinlich auch aus Rücksicht», sagt Kuoni.

2,9 Prozent der Spitalaufenthalte wegen Covid-19

Der Anteil der Spitalaufenthalte mit einer Covid-Diagnose betrug gemäss der Statistik 2,9 Prozent. Dass knapp drei Prozent der Gesamtfälle ausreichten, um das Gesundheitswesen so stark zu belasten, erklärt Kuoni so: «Bei Covid sind die Kapazitäten auf den Intensivstationen entscheidend. Es sind diese Kapazitäten, die aufgrund der hohen Anzahl IPS-pflichtiger Covid-Patientinnen und -Patienten knapp wurden respektive teils nicht mehr ausreichten.»

Die Fachexperten und -expertinnen des Bundesamts für Statistik schreiben auf Anfrage: «Hier wird es sicher nötig sein, dass sich die Forschung intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Es gilt herauszufinden, welche sensiblen Teile der Gesundheitsversorgung betroffen waren.» Bekannt sei, dass Covid-Patienten und -Patientinnen deutlich länger im Spital gewesen seien als andere Hospitalisierte und dass die Auslastung der Intensivpflegestationen höher war. «Zudem gab es zeitlich und regional grössere Unterschiede. Vertiefte Analysen wären notwendig, um die Frage genauer zu beantworten.»

Wenn IPS-Betten aufgestockt werden, wie das während der Corona-Wellen teils getan wurde, braucht es laut Kuoni dafür das nötige Fachpersonal. Im Krisenkonzept des Kantons Baselland seien deshalb Eskalationsstufen definiert, ab wann die Privatspitäler mit Intensivstationen Personal zur Verfügung stellen müssten. Und: «Auf dem Arbeitsmarkt sind Intensivpflegefachkräfte kaum mehr zu finden.»

Mehr Personal trotz Abgängen in der Intensivpflege

Fehlendes Fachpersonal ist in der Krise – nicht zuletzt aufgrund der Pflegeinitiative – ebenfalls ein grosses Thema. Zumindest für 2020 hat sich der Mangel aber noch nicht bemerkbar gemacht: Ende Dezember arbeiteten 228’800 Personen im Spitalsektor. Das sind 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut Tobias Bär, Mediensprecher der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK, gibt es hier grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Bereichen: «Der Pflegefachverband berichtet von Abgängen im Bereich der Intensivpflege. In anderen Bereichen gab es weniger Abgänge.»

36’244 Spitalaufenthalte wegen Corona

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