Kreationismus: «Darwin? Wer ist das?»

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Kreationismus«Darwin? Wer ist das?»

«Survival of the fittest» ist eigentlich der unumstrittene Ansatz, wenn es darum geht, die Entstehung der Menschheit zu erklären. Doch nicht nur in den USA, auch in der Schweiz konnte sich Darwin nicht endgültig durchsetzen.

Im Herbst 2005 bevölkerten Reporter aus aller Welt einen schlichten Gerichtssaal im Städtchen Harrisburg, Pennsylvania. Im anstehenden Prozess stand nicht weniger zur Debatte als der Wert und die Richtigkeit von Darwins Evolutionstheorie. Der Schulrat des 22 000-Seelen-Dorfes Dover hatte entschieden, dass im Biologieunterricht künftig auch das «Intelligent Design» gelehrt werden solle. Eine höhere Intelligenz, sprich Gott, hat nach Vorstellung der bibeltreuen Kreationisten die Welt erschaffen. Dies sollte den Schülern eingetrichtert werden.

Der Versuch des Schulrates, die Trennung von Kirche und Staat aufzuheben, wurde von Richter John Jones zunichte gemacht. Die Biologielehrer in Dover unterrichten weiter auf Basis der vernünftigsten und neusten wissenschaftlichen Evolutionstheorie. «Survival of the fittest», die Auslese der Arten nach dem Grad der Angepasstheit an ihre Umwelt, ist die einzige nicht stichhaltig widerlegte Theorie zur Entwicklung der Arten, vom Einzeller bis zum Menschen.

Nichts gelernt

Jetzt, knapp zwei Jahre später, zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Gallup, dass sich ebendiese Darwinsche Evolutionstheorie einer sinkenden Beliebtheit erfreut. Zwei Drittel der republikanischen Wähler zählen sich zum Lager der Kreationisten, zu denjenigen, denen die biblische Schöpfungsgeschichte plausibler erscheint als die Erkenntnisse der Naturwissenschaften. Die republikanischen Erkenntnisverweigerer erhalten Rückenwind von den Präsidentschaftskandidaten Sam Brownback, Mike Huckabee und Tom Tancredo. Diese drei haben klar gemacht, dass sie von der Evolutionstheorie so wenig halten wie der Schulrat von Dover.

Skeptische Schweizer

Auch ausserhalb der USA ist der Zweifel an der Evolutionstheorie weiter verbreitet, als man annehmen dürfte. In der Schweiz und in Österreich glauben nur 60 Prozent der Bevölkerung, dass Darwins Auslesemodell richtig ist. Die Türken sind noch skeptischer, nur 30 Prozent glauben Darwin. Dies zeigt eine Studie, die vergangenen Herbst den Anteil an Darwin-Gläubigen in 32 europäischen Ländern, Japan und den USA erhob.

Zu simple Theorie?

Der hohe Anteil an Evolutionsskeptikern in der Schweiz erstaunt auch den Religionswissenschaftler Georg Schmid. Der Einfluss der Kirchen könne im Gegensatz zu den USA in der Schweiz nicht geltend gemacht werden. «Die grossen Kirchen bringen die Schöpfungsgeschichte seriöserweise nicht in Konflikt mit den Naturwissenschaften. Die ersten Kapitel der Bibel werden nicht als Realitätsschilderung verstanden», sagt Schmid. Schmid sucht die Erklärung in der Unbewiesenheit von Darwins Evolutionstheorie. «Viele Kreationisten sind nicht fundamental gegen Darwin, aber das ‚Survival of the fittest' ist ihnen als Modell einfach zu simpel. Für einen christlich denkenden Menschen braucht es einfach ein wenig mehr an Erklärung», vermutet Schmid. Die Zahl der fundamentalistischen Kreationisten beschränke sich in Europa auf eine kleine Minderheit: «Die Zeugen Jehovas und die orthodoxen Juden gehen davon aus, dass die Welt vor 6000 Jahren erschaffen wurde», sagt Schmid.

«Das sagt mir nichts»

Vielleicht ist auch ein gewisses Desinteresse an wissenschaftlichen Theorien verantwortlich für den hohen Anteil an Darwin-Skeptikern in der Schweiz. Auf Anfrage von 20minuten.ch betreffend Evolutionstheorie bei der International Christian Fellowship in Zürich hiess es fragend: «Evolutionstheorie, hmm... das sagt mir jetzt grad nichts.»

Maurice Thiriet, 20minuten.ch

Darwins Evolutionstheorie

1859 veröffentlichte Charles Darwin «The Origin of Species by Means of Natural Selections». In dieser Studie begründet Darwin die Theorie, dass die Entstehung der Arten das Ergebnis fortlaufender Evolution ist. Sämtliche Lebewesen seien mehr oder weniger gut an ihre Umwelt angepasst und vererben ihre Eigenschaften an die nächste Generation weiter. Die Nachkommenschaft schlecht angepasster Individuen verschwindet, während die besser angepassten Individuen ihrer Nachkommenschaft eine ebenfalls bessere Adaption an die Umwelt vererben. Da die Umwelteinflüsse auf die Arten stetem Wandel unterliegen, erfolgt auf eigentlich zufälliger Basis eine Auswahl bestimmter Lebewesen und deren genetischer Baupläne. Der englische Philosoph Herbert Spencer fasste die wichtigsten Erkenntnisse Darwins im Satz «Survival of the Fittest» (Das Überlebend der Bestangepassten) zusammen.

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