Regretting Motherhood: Eure ehrlichen Erfahrungen

Regretting Motherhood: Es sind auffallend oft Mütter, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben.

Regretting Motherhood: Es sind auffallend oft Mütter, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben.

Pexels / Allan Mas
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Eure Erfahrungen«Das 2. Kind war die schlechteste Entscheidung»

Wir wollten wissen, ob ihr es bereut, Eltern geworden zu sein. Hier eine Auswahl eurer sehr persönlichen Erfahrungen.

von
Geraldine Bidermann

Vielen Dank für eure teils sehr privaten Rückmeldungen auf ein sehr schwieriges Thema. Hier eure Meinungen zum Thema «Bereust du es, Kinder zu haben?».

Sandra, 41

«Ohne Kind könnte ich mich voll und ganz meinen Projekten widmen. Um Dinge, die mir mehr liegen, als das Kind durch den Tag zu managen. Kinder sind prima für Leute, die sich nicht richtig mit sich selber beschäftigen können.»

Andrea, 32

«Unser erster Sohn war ein absolutes Wunschkind, der uns jedoch vom ersten Tag an das Leben fast zur Hölle gemacht hat. Wir haben über Jahre hinweg nie länger als ein, zwei Stunden pro Nacht geschlafen. Trotzdem haben wir uns für ein zweites Kind entschieden. Das empfinden wir heute als die schlechteste Entscheidung, die wir je getroffen haben. Könnten wir noch mal zurück, hätten wir definitiv keine Kinder.»

Mit dem zweiten Kind werden viele Familienstrukturen nochmals durcheinander gerüttelt. 

Mit dem zweiten Kind werden viele Familienstrukturen nochmals durcheinander gerüttelt. 

Pexels / Allan Mas

Anonyma, 33

«Ich bereue meine Kinder an sich nicht, aber ich bereue das Leben, das ich ihretwegen führen muss.»

Was, wenn man die Elternschaft bereut?

Christina Mundlos ist eine deutsche Soziologin und Autorin von Büchern zur Frauen- und Mutterrolle.

In ihrem Buch «Wenn Mutter sein nicht glücklich macht: Das Phänomen Regretting Motherhood» gibt sie Betroffenen Ratschläge. Die wichtigsten Erkenntnisse:

Weshalb bereuen es vor allem Mütter, Kinder zu haben?

Auf Frauen lastet ein enormer gesellschaftlicher Druck, Kinder zu haben. Es gibt Frauen, die eigentlich nie Kinder bekommen wollten, aber regelrecht überredet wurden. Diese Mütter hatten von Beginn an Zweifel. Dann gibt es die zweite Gruppe: Diese Frauen wollten unbedingt Kinder haben und haben sich auch immer als Mutter gesehen, leiden jetzt aber unter den Rahmenbedingungen, fühlen sich von ihrem Partner alleingelassen, werden im Beruf diskriminiert. 

Was kann ich tun, wenn ich als Mutter merke, diesen Entscheid zu bereuen?

Für die Betroffenen ist es wichtig, zu analysieren, was genau sie unglücklich macht. Erst dann kann man an Lösungen arbeiten und schauen, wie man Entlastung bekommen kann. Auch der Austausch mit anderen Müttern hilft. Zu sehen, dass man nicht allein mit diesem Problem ist, ist sehr wichtig. Man merkt dann, dass es kein individuelles Versagen ist.

Was, wenn das noch nichts nützt?

Wenn die negativen Gefühle überhandnehmen, sollte man sich professionelle Hilfe in Form eine Therapie suchen. Das wird nicht dazu führen, dass man das Kinderkriegen doch nicht mehr bereut, aber man lernt, anders damit umzugehen.

Welche Rolle spielen die Väter?

Sie müssen präsent sein. Mit der Geburt des Kindes laufen viele Partnerschaften nicht mehr gleichberechtigt. Die Mütter werden mit der Überforderung und dem Stress alleingelassen. Partner sollten ihren Frauen zuhören und gemeinsam mit ihnen schauen, wo sie konkret unterstützen können. Das kann bedeuten, dass der Mann seinen Job um ein paar Stunden reduziert oder an fixen Tagen die Kinder abholt und betreut, auch wenn die Eltern getrennt sind.

Und der Staat?

Vor allem alleinerziehende Eltern haben ihren Handlungsspielraum längst vollständig ausgereizt. Sie fühlen sich im Stich gelassen – nicht nur vom Ex-Partner, sondern auch von der Politik. Eine der wichtigsten politischen Massnahmen: mehr und günstigere Betreuungsplätze.

Bobby, 35

«Die Beziehung zu meiner Frau hat sich extrem verändert. Sie ist zu einer absoluten Helikoptermutter mutiert und ich vermisse unsere frühere Beziehung.»

Xenia, 30

«Ich dachte immer, die Liebe wird sich verdoppeln und alle schweren Zeiten leicht werden lassen. Das ist bei uns nicht so. Nur durch Hilfe von meinem Umfeld kann ich heute sagen, dass es mir gut geht. Aber ich bin nicht so glücklich wie vor dem Kind.» 

Speziell von Frauen wird verlangt, in der Mutterrolle komplett aufzublühen – das generiert enormen Druck und viele Enttäuschungen. 

Speziell von Frauen wird verlangt, in der Mutterrolle komplett aufzublühen – das generiert enormen Druck und viele Enttäuschungen. 

Pexels / 

Sara, 41

«Ich habe null Zeit für mich. Wenn die Kids alle sechs Monate für drei Wochen zu ihrem Vater fliegen, fühle ich mich frei. Ich liebe sie, aber hätte ich damals gewusst, wie es ist, hätte ich keine Kinder.» 

Rina, 42

«Ich bin alleinerziehende Mutter. Ich arbeite 80 Prozent, um alle Kosten decken zu können. Mein Ex-Mann geniesst seine neue Liebe, zahlt nur sehr wenig und lebt ein Leben ohne finanzielle Sorgen. Ich hingegen bin froh, wenn wir einmal im Jahr ins Tessin in die Ferien können. Ich verzichte auf fast jeden Ausgang, nur damit ich meinem Sohn auch mal was Gutes gönnen kann.» 

Forscherin zum Thema

Die israelische Soziologin Orna Donath forscht zu Frauen, die es bereuen, Mutter geworden zu sein.

Auf die Frage, was es bringt, als Mutter Reue anzuerkennen, sagt sie in ihrem Buch «Regretting Motherhood»:

«Wenn wir erkennen, dass Mutterschaft nichts ist, was alle Mütter glücklich macht, lässt sich Leid reduzieren. Im Moment treibt die Gesellschaft Frauen in die Mutterschaft und lässt sie dann, wenn sie Kinder haben, ziemlich alleine.»

Fabian, 41

«Ich wollte nie Kinder, aber vor die Wahl zwischen Beziehung oder Kinder gestellt, habe ich eingelenkt. Mein geordnetes Leben ist nun wie erwartet voll von Stress und Verlust vieler Freiheiten.»

Sandy, 38

«Ich liebe meine Kinder mehr als mein eigenes Leben. Aber ich kleide mich gerne schön, ich reise gerne und gehe gerne aus. Und all diese Dinge kann ich nicht mehr machen, wie ich gerne will. Ja, das tönt egoistisch. Aber ist Egoismus etwas so Schlimmes? Ich finde nicht.»

Ano, 28

«Ich liebe die Kinder und dennoch vermisse ich meine Freiheit. Ich wäre auch nicht mehr mit meinem Mann zusammen, wenn ich nicht so gebunden wäre.» 

Andrea, 31

«Beide meine Kinder sind Wunschkinder, aber ich bereue es trotzdem. Ich bin an der Grenze zur Depression und muss doch immer 200 Prozent präsent sein.»  

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine Depression?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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