Aktualisiert 22.06.2013 20:32

Award für Politnetz

«Das Abstimmungsbüechli ist nicht sexy»

Die Aufdeckung der Zählpannen im Ständerat machte Politnetz schweizweit bekannt. Jetzt hat die Schweizer Plattform einen deutschen Award abgeräumt – und will die Schweizer Politlandschaft gleich noch weiter aufmischen.

von
jbu

Die Schweizer Plattform Politnetz gewinnt den deutschen Grimme Online Award 2013. Die Polit-Plattform schaffe politische Transparenz und sei ein Vorbild für Bürgerbeteiligung im 21. Jahrhundert, begründete die Jury ihren Entscheid.

In der Schweiz ist Politnetz einer breiten Öffentlichkeit Ende letzten Jahres bekannt geworden: Mitarbeitende der Firma hatten die Abstimmungen im Ständerat gefilmt und so nachweisen können, dass Resultate falsch ausgezählt wurden.

Facebook-Radar

Diese Enthüllung habe für die Jury sicher auch eine Rolle gespielt, jedoch sei Politnetz für das gesamte Angebot ausgezeichnet worden, sagte Politnetz-Geschäftsführer Thomas Bigliel am Samstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Politnetz stellt aktuelle Politikthemen zur Diskussion, bietet Politikern die Möglichkeit, sich und ihr Abstimmungsverhalten vorzustellen, organisiert Online-Abstimmungen und ein Facebook-Radar zur politischen Stimmung in der Schweiz.

Vorbild für Deutschland

In Deutschland gebe es zwar ähnliche Angebote, jedoch nicht in der gleichen Verdichtung, wie sie Politnetz biete, sagte Bigliel. «Das dürfte für die Jury ausschlaggebend gewesen sein, dass der Preis diesmal in die Schweiz geht.»

Seit der Kontroverse um den neuen Stuttgarter Bahnhof ist in Deutschland die Diskussion über politische Partizipation neu entbrannt. Das Beispiel illustriert laut Bigliel, was mit einer Bürgerinitiative erreicht werden kann. «Es zeigt, dass mit einer breit abgestützten Diskussion und der Einbindung aller Beteiligten die besten politischen Resultate erreicht werden», sagte er. Dazu könnten Werkzeuge wie Politnetz beitragen.

Hörbare Stimme

Das sieht die Jury des Grimme Online Award ebenso: Politnetz gebe allen Schweizer Bürgern jederzeit eine hörbare Stimme, heisst es in der Begründung. Die Themen und Entscheidungen des Schweizer Parlaments würden konstruktiv und auf Augenhöhe zwischen Politikern verschiedener Parteien und Bürgern diskutiert. Politnetz unterstütze dabei die Meinungsbildung.

Politnetz wurde in der Kategorie Information geehrt. Preise wurden ausserdem vergeben in den Kategorien Wissen und Bildung, Kultur und Unterhaltung sowie Spezial, zudem wurde ein Publikumspreis vergeben.

Mit dem Grimme Online Award werden seit dem 2001 qualitativ hochwertige Online-Angebote ausgezeichnet. Wie der Grimme-Preis für Fernsehsendungen in Deutschland wird er vom Grimme-Institut vergeben. Es handelt sich um eine gemeinnützige Forschungs- und Dienstleistungseinrichtung, die sich mit Medien und Kommunikation beschäftigt. (jbu/sda)

Herzliche Gratulation zum Grimme Online Award, Herr Bigliel. Die deutsche Jury will mit dem Preis ein Zeichen für die «politische Partizipation im Web» setzen. Weshalb brauchen wir im Land der direkten Demokratie denn überhaupt eine solche Plattform? Thomas Bigliel*: Die Leute möchten mitbestimmen. Gehen sie nur wählen, befinden sie sich während der Legislatur quasi im Blindflug. Wir bieten mehr: Politnetz ist eine Plattform, die es ermöglicht, jeden Tag nachzuvollziehen, was die Politikerinnen und Politiker in Bern tun. Indem wir die Leute mit qualifizierten Informationen versorgen, wollen wir die Hürden für politisches Engagement senken und die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung abbauen.

Herzliche Gratulation zum Grimme Online Award, Herr Bigliel. Die deutsche Jury will mit dem Preis ein Zeichen für die «politische Partizipation im Web» setzen. Weshalb brauchen wir im Land der direkten Demokratie denn überhaupt eine solche Plattform? Thomas Bigliel*: Die Leute möchten mitbestimmen. Gehen sie nur wählen, befinden sie sich während der Legislatur quasi im Blindflug. Wir bieten mehr: Politnetz ist eine Plattform, die es ermöglicht, jeden Tag nachzuvollziehen, was die Politikerinnen und Politiker in Bern tun. Indem wir die Leute mit qualifizierten Informationen versorgen, wollen wir die Hürden für politisches Engagement senken und die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung abbauen.

Plattformen zur Meinungsbildung und Informationsbeschaffung gibt es ja nicht erst seit dem Internetzeitalter. Was unterscheidet Sie von einem Stammtisch oder der Leserbriefseite in einer Zeitung?

Die Direktheit des Austauschs. Jeder kann sich positionieren und Fragen aufwerfen, niemand wird ausgeschlossen. Politnetz ist ein direktes und lebendiges Medium – ich vergleiche es gerne mit einer digitalen Landsgemeinde.

Fehlt den Schweizern heute die Landsgemeinde – das Gefühl, sich direkt zu beteiligen?

Es gibt sicher Bereiche, in denen die Demokratiequalität noch verbessert werden könnte. Nehmen wir zum Beispiel die Informationen im Vorfeld von Volksabstimmungen. Das Abstimmungsbüechli mag inhaltlich zwar korrekt sein. Aber seien wir mal ehrlich: Auf dem Nachttischchen liegt es bei den wenigsten Menschen. Es ist nun mal nicht besonders sexy. Hier wollen wir eine Alternative bieten und künftig noch stärker aktiv werden.

Ist das eine Kampfansage ans Abstimmungsbüechli?

Ja, dass kann man so sehen (lacht).

Schweizweite Bekanntheit erlangten Sie ja durch die Stimmenzähl-Affäre im Ständerat. Muss man den Politikern heute auf die Finger schauen?

Ich hoffe nicht, dass wir das müssen. Aber es ist schön, dass wir es können.

*Thomas Bigliel ist Geschäftsführer von Politnetz und Präsident der Jungfreisinnigen Graubünden.

(jbu)

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