Roberto Di Matteo: «Das Adrenalin ist wieder da»
Aktualisiert

Roberto Di Matteo«Das Adrenalin ist wieder da»

Vor 430 Tagen wurde Roberto Di Matteo als Trainer bei Chelsea entlassen. Seither ist es um den Schaffhauser ruhig geworden. 20 Minuten sprach mit dem CL-Gewinner von 2012.

von
Eva Tedesco

20 Minuten: Roberto Di Matteo, denken Sie wirklich gerne an den CL-Triumph vor zwei Jahren zurück?

Roberto Di Matteo: Es war der beste Moment, den man als Trainer haben kann. Es war der absolute Höhepunkt für mich, denn es gibt nicht viele Trainer, die dieses Highlight erleben dürfen.

Dennoch: Sechs Monate nach dem Triumph wurden Sie bei Chelsea entlassen und haben sich nunmehr seit über einem Jahr aus dem Klub-Fussball zurückgezogen. Bewusst?

Absolut. Ich bin zuvor fünf Jahre lang stets in der Öffentlichkeit gestanden und habe mich deshalb bewusst zurückgezogen, geniesse meine Zeit mit der Familie und bin auch so mit diversen Projekten beschäftigt. Priorität hatte aber meine Familie, die oft zurückstecken musste.

Projekte, die im Zusammenhang mit Fussball stehen?

Ja. Ich habe eine Firma lanciert, Seminare und Referate in Uganda, Nigera, Kamerun und anderen afrikanischen Ländern abgehalten. Es ist unglaublich, wie sich der afrikanische Fussball weiterentwickelt hat. Zudem habe ich Wohltätigkeitsveranstaltungen besucht und für mich Weiterbildung betrieben.

Haben Sie sich auch Fussballspiele angesehen?

Ich schaue mir am TV pro Woche sicher fünf, sechs Matches an und ich bin auch in Stadien anzutreffen. Letzte Woche habe ich mir zum Beispiel Fulham gegen Sunderland angeschaut.

Und es juckt Sie nicht, bald wieder an die Linie zurückzukehren?

Doch, es juckt sehr. Ich spüre das Adrenalin wieder. Aber ich habe mich zu dieser Auszeit entschieden und bin in meinen Entscheidungen konsequent.

Obwohl Klubs wie Tottenham, Sunderland, Lazio und auch Schalke Sie wollten. Hat Sie nach Chelsea keines der Angebote so sehr gereizt, um Ihre Entscheidung zu revidieren?

Stimmt, ich hatte viele Anfragen seit meiner Entlassung. Aber wie gesagt, habe ich mich bewusst für eine Auszeit entschieden und deshalb keinen Job angenommen. Für die Zeit danach bin ich für alles offen.

Dann würden Sie auch bei einem Klub anheuern, der mit dem Prestige der «Blues» nicht mithalten kann?

Absolut! Es muss aber ein Klub sein, dessen Philosophie und Ambitionen zu mir passt. Es geht um sportliche Herausforderungen und ein gutes Gefühl, das ich haben muss, um mich für eine Zusammenarbeit zu entscheiden.

Aber die Erwartungen an einen Trainer der die Königsklasse gewonnen hat, sind hoch. Spüren Sie das?

Ich weiss nicht. Ich glaube, dass Fachleute Qualität erkennen, wenn Qualität da ist – schon bevor man einen grossen Titel gewonnen hat. Ich habe auch mit meinen vorherigen Klubs erfolgreich gearbeitet. Man muss realistisch sein und die Position und Möglichkeiten eines Klubs miteinbeziehen. Man ist nicht erst dann ein guter Trainer, wenn man den CL-Final gewonnen hat.

Und trotzdem hat sich Besitzer Roman Abramowitsch lange geziert, bis er Ihnen den Vertrag bis 2014 offeriert hat. Hat Sie das nicht getroffen?

Die Medien haben damals mehr aus der Situation gemacht, als tatsächlich dahinter steckte. Es war abgemacht, dass wir zuerst alle in die Ferien gehen und dann die Gespräche aufnehmen. Und so war es dann auch.

Zurück in die Gegenwart: Am Dienstag waren Sie mit Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld an der Uhrenmesse in Genf zu sehen, wo Sie beide als «Friend of the Brand IWC» aufgetreten sind. Sie waren ja auch als Hitzfeld-Nachfolger im Gespräch. Fühlen Sie sich nicht zu jung für Verbandsarbeit?

Manche Trainer arbeiten am Anfang Ihrer Karriere als Nati-Trainer, andere wieder am Ende. Ich glaube nicht, dass man für dieses Amt ein spezielles Alter haben muss. Ich hatte Anfragen von diversen Verbänden. Darunter auch aus der Schweiz. Allein schon wegen meiner speziellen Beziehung zur Schweiz - obwohl ich schon lange weg bin, fühle ich mich als Schweizer - hat mich das gefreut. Ich hatte sehr gute Gespräche mit den Verantwortlichen. Leider hat es nicht geklappt.

Dann haben Sie sich auch als Schweizer über den Sieg des FC Basel über Chelsea in der CL-Gruppenphase gefreut?

So ticke ich nicht. Ich freue mich nie über Niederlagen meiner Ex-Klubs und schon gar nicht der «Blues», weil ich eine wunderbare Zeit bei Chelsea hatte und dem Klub viel zu verdanken habe. Aber Basel hat international in den letzten Jahren immer gut mitgespielt. Schade nur, dass am Ende die Punkte nicht reichten, um in der Champions League weiterzukommen.

Was fehlt dem FCB, um sich weiter in der europäischen Elite zu etablieren? Sind Sie eigentlich auf dem Laufenden, was den Schweizer Fussball betrifft?

Selbstverständlich. Mein Freund Euplio Basci informiert mich stets über den Schweizer Fussball und ich habe auch Spiele des FCB gesehen. Es ist sehr schwierig, in der Champions League Spiele zu gewinnen. Besonders auswärts. Es braucht ein grosses Kader mit viel Qualität und eine sehr gute Ersatzbank. Um international zu bestehen, sind zwölf, dreizehn qualitativ sehr gute Spieler nicht genug. Das macht wohl den Unterschied aus, wenn man international Erfolg haben will.

Sie selber haben in der Schweiz, England und Italien gespielt. Ihre Trainer-Karriere haben Sie auf der Insel lanciert. Haben sie als Trainer Präferenzen für die Zukunft?

Wie gesagt, bin ich offen für alles. Ich werde sehen, was die Zukunft bringt. Aber ich mache mir keine Sorgen und freue mich auf eine neue Herausforderung.

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