Bier, Wein, Schnapps und Zigis - «Das Alkoholverbot der Migros ist nicht mehr zeitgemäss»
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Bier, Wein, Schnaps und Zigis«Das Alkoholverbot der Migros ist nicht mehr zeitgemäss»

Die Detailhändlerin soll über den Verkauf von Alkohol und Tabak abstimmen. Kritiker und Kritikerinnen sehen im bisherigen Verbot ohnehin eine Farce. Doch die Suchtfachstelle schlägt hingegen Alarm.

von
Dominic Benz
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Aktuell darf Migros laut ihren Statuten weder Alkohol noch Tabak verkaufen.

Aktuell darf Migros laut ihren Statuten weder Alkohol noch Tabak verkaufen.

20min/Michael Scherrer
Darüber werden die Genossenschafterinnen und Genossenschafter an der nächsten Delegiertenversammlung diskutieren.

Darüber werden die Genossenschafterinnen und Genossenschafter an der nächsten Delegiertenversammlung diskutieren.

20min/Michael Scherrer
Zur Abstimmung stehen drei Optionen: eine Streichung, eine Abänderung oder die Aufrechterhaltung des Artikels, der den Verkauf in den Statuten der Migros verbietet.

Zur Abstimmung stehen drei Optionen: eine Streichung, eine Abänderung oder die Aufrechterhaltung des Artikels, der den Verkauf in den Statuten der Migros verbietet.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • An der Migros-Delegiertenversammlung im November könnte das bisherige Alkoholverbot fallen.

  • Das ist längst überfällig, meint ein Marketingexperte.

  • Eine Suchtfachstelle warnt vor negativen sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

Die Migros verkauft in ihren Supermärkten keine alkoholischen Getränke und keinen Tabak. Der Verkauf ist verboten. So wollte es Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und so steht es noch heute in den Statuten des Unternehmens.

Doch das Verbot ist am Wanken. Schon bald könnte es in den Migros-Filialen Bier, Wein, Spirituosen und sogar Zigaretten geben. Denn an der nächsten Delegiertenversammlung der Migros am 6. November soll über den möglichen Alkohol-Verkauf abgestimmt werden, wie die «SonntagsZeitung» mit Verweis auf verschiedene Quellen schreibt. Die Migros möchte das nicht bestätigen (siehe Box).

Migros-Werte in Gefahr?

Auf den sozialen Medien sehen einige Nutzerinnen und Nutzer bereits die Werte der Migros in Gefahr. «War ja sowieso nur eine Frage der Zeit, bis Duttis Erbe ganz untergraben würde», schreibt jemand auf Twitter. Eine andere Person findet: «Was man für Geld heute alles macht: Hat Migros das wirklich nötig?» Und für eine Userin ist klar, dass die Migros für trockene Alkoholiker die einzige Einkaufsmöglichkeit ist, «die nicht triggert».

Anderer Meinung ist Stefan Michel. «Das Verbot ist nicht mehr zeitgemäss und völlig überholt», sagt der Marketingexperte der IMD Business School in Lausanne zu 20 Minuten. Er glaubt, dass die Aufhebung des Verbots bei einer Migros-Abstimmung durchkommen wird. «Wenn nicht jetzt, dann später», so Michel.

Tatsächlich verkauft die Migros bereits Alkohol in den Filialen der Firmen-Tochter Denner und in den Migrolino-Shops. Auch im eigenen Onlineshop bietet Migros Hunderte Sorten Bier, Wein und Spirituosen an. Die Produkte sind aber mit dem Hinweis «Partner» versehen. Für Kritiker und Kritikerinnen ist daher das selbstauferlegte Alkohol-Verbot in den Supermärkten zur Farce verkommen.

Das sagt die Migros

Auf Anfrage teilt Migros-Sprecherin Christina Maurer mit, dass das Alkohol-Thema immer wieder diskutiert werde. «Aktuell haben verschiedene Delegierte das Thema aufgeworfen.» Für eine Zulassung des Alkoholverkaufs in Migros-Filialen wäre eine Änderung der Statuten des Migros-Genossenschafts-Bundes durch die Delegiertenversammlung notwendig. Ebenso brauche es eine Anpassung der Statuten der zehn regionalen Genossenschaften «durch eine demokratische Urabstimmung aller Genossenschafterinnen und Genossenschafter». Ob es zu entsprechenden Abstimmungen kommen werde, sei derzeit offen. Sollten konkrete Schritte anstehen, werde man gerne darüber informieren.

Auch Michel sagt, dass das Unternehmen seine Wertehaltung schon mit der Übernahme von Denner aufgegeben habe. «Entweder hat man Verbot oder nicht», so der Experte. Wenn die Genossenschaft gegen eine Aufhebung des Verbots ist, sei das mit Blick auf Denner nicht mehr nachvollziehbar. «Es ist zu spät. Eine Änderung sollte angenommen werden», findet Michel.

Zwar ist Migros noch der Platzhirsch im Schweizer Detailhandel. Im vergangenen Jahr machten die zehn Migros-Genossenschaften einen Umsatz von rund 12,5 Milliarden Franken. Coop setzte mit 12 Milliarden Franken leicht weniger um, holt aber immer mehr auf. Auch der Druck durch die Discounter Lidl und Aldi wächst.

Möglicher Umsatz-Boost

Ist die Migros also auf den Verkauf von Alkohol und Zigis angewiesen, um nicht noch mehr Marktanteile zu verlieren? Laut Michel würde das Unternehmen mit dem Verkauf von Alkohol und Tabak sicher kurzfristig einen Umsatzsprung verbuchen. Langfristig nütze das aber nicht viel.

Denn die Migros müsse die grundsätzlichen Probleme angehen, sagt Michel. «Die Discounter holen nicht nur beim Preis, sondern auch beim Angebot auf. Und Coop überholt die Migros mit neuen Shop-Formaten.» Eine viel grössere Frage als das Alkohol-Verbot ist laut Michel etwa, ob die Migros mit ihrer Genossenschaftsstruktur überhaupt noch zukunftsfähig ist.

Präventionsstelle warnt

Der Experte glaubt auch nicht, dass die Migros mit dem bisherigen Alkoholverbot einen grossen Beitrag zur Prävention leistet. Fällt das Verbot bei der Migros, werden junge und minderjährige Personen nicht plötzlich mit einem Angebot überflutet, dass sie vorher nicht hatten. Sie kauften Alkohol jetzt eben einfach woanders.

Ganz anders sieht es Domenic Schnoz. «Je mehr und je günstiger Alkohol verfügbar ist, desto mehr Leute bekommen Probleme mit Alkohol», so der Leiter der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs (ZFPS). Und das verursache pro Jahr einen massiven wirtschaftlichen und sozialen Schaden in der Höhe von rund vier Milliarden Franken.

Schnoz begrüsst, dass ein grosses Unternehmen wie die Migros auf den Verkauf von Alkohol und Tabak verzichtet. «Die Migros übernimmt mit dem Verbot eine gesellschaftliche Verantwortung. Eine Aufhebung des Verbots sendet ein falsches Signal und würde das positive Image der Migros belasten», so Schnotz. Er sehe daher nicht ein, warum die Migros von diesem Modell mit Vorbildcharakter abweichen solle.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Probleme mit Alkohol?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

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