US Open: Das amerikanische Tennis-Märchen
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US OpenDas amerikanische Tennis-Märchen

Für die bislang grössten Schlagzeilen am US Open sorgt ein US-Teenager. Die 17-jährige Victoria Duval eliminiert in der Startrunde ex-Championne Samantha Stosur.

Die Zuschauer im Louis-Armstrong-Stadium spielten verrückt. «USA, USA» hallte es im Schlusssatz immer wieder durchs Rund. Duval, die Nummer 296 der Welt und nur dank einer Wild Card in der Qualifikation startberechtigt, hatte mit ihrer unbekümmerten Spielweise die Herzen der nationalistischen Fans erobert. Und ihre Gegnerin verunsichert.

Stosur, die vor zwei Jahren im Final Serena Williams geschockt hatte, fand kein Mittel und verspielte einen 7:5, 4:2-Vorsprung. Duval verwertete den vierten Matchball und wagte einen kleinen Freudentanz, zu ihrer mit 13 Personen gefüllten Box hin gewandt. «Ich bin so glücklich», piepste der Schlaks mit der harten Vorhand und der Sonnenbrille ins Mikrofon von Pam Shriver.

Für einen Hollywood-Film epischer Länge reicht dieser Erfolg noch nicht. Die ersten Kapitel würden aber zum Weiterschauen animieren. Geboren am 30. November 1995 in Miami, dislozierte Duval in die Heimat ihrer Eltern nach Haiti. Sie begleitete als Siebenjährige ihre tennisspielenden Brüder an ein Turnier nach Santo Domingo, nahm dort am U10-Event teil und gewann. Ohne Kenntnisse der Tennisregeln notabene. In Port-au-Prince wurde sie dann im selben Jahr zusammen mit Cousins gekidnappt. Aus Sicherheitsgründen zog die Familie nach Florida.

Vater bei Erdbeben verschüttet

Weitere Fortschritte stellten sich ein. Zusammen mit ihrer Mutter und den Brüdern lebte Victoria mittlerweile in Atlanta. 2010 dann der nächste Schock. Beim verheerenden Erdbeben am 12. Januar wurde ihr Vater Jean-Maurice, der in Port-au-Prince eine Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe leitete, bei lebendigem Leib begraben. Er erlitt eine Rückenfraktur und einen Lungendurchstich. Fünf Rippen waren gebrochen, der linke Arm gelähmt.

Ein Nachbar zog ihn nach 11 Stunden unter dem Geröll hervor und vollzog im Garten eine Notoperation der Lunge, dank der Duval senior überlebte. Anschliessend wurde er dank der Hilfe eines Gönners mit einem Helikopter ausgeflogen und verbrachte 16 Tage im Spital in Hollywood, Florida. «Dieser Gönner ist ein Engel. Ohne ihn wäre mein Vater heute nicht hier», sagte «Vicky».

Mittlerweile und nach einigen Operationen ist Vater Duval zwar noch nicht arbeitsfähig, aber wieder in ansprechender Verfassung. Und stets im Herzen seiner Tochter, wie er nach dem Triumph stolz erklärte: «Sie freut sich immer, wenn ich dabei bin. Heute Morgen kam sie zu mir und sagte 'Daddy, wir schaffen das zusammen'.» Wenige Stunden später hatte sie ein schönes Kapitel eines typischen Tennis-Märchens «Made in the USA» geschrieben. (si)

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