Drei Suizidversuche - «Das Asylheim behandelt uns wie Tiere»
Aktualisiert

Drei Suizidversuche «Das Asylheim behandelt uns wie Tiere»

Im Asylheim «Sonneblick» im Kanton St. Gallen kam es innert acht Monaten zu drei Suizidversuchen. Das System sei nicht schuld, sagt das Migrationsamt St. Gallen. Asylbewerbende halten dagegen: Die Isolation durch Corona habe die Situation verschlimmert.

von
Jacqueline Straub
Helena Müller
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Delil (28) kritisiert den Umgang mit Asylbewohnerinnen und -bewohnern im Asylzentrum «Sonneblick».

Delil (28) kritisiert den Umgang mit Asylbewohnerinnen und -bewohnern im Asylzentrum «Sonneblick».

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«Wir dürfen zwar noch raus, aber wenn wir zurückkommen, müssen wir für zehn Tage in Einzelisolation», sagt der 27-jährige B.

«Wir dürfen zwar noch raus, aber wenn wir zurückkommen, müssen wir für zehn Tage in Einzelisolation», sagt der 27-jährige B.

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«Uns wurde gesagt, dass es eine Maskenpflicht gibt. Wer sich nicht daran halte, müsse im Stall wohnen. Wir sind doch keine Tiere», so ein ehemaliger Bewohner des Asylzentrums.

«Uns wurde gesagt, dass es eine Maskenpflicht gibt. Wer sich nicht daran halte, müsse im Stall wohnen. Wir sind doch keine Tiere», so ein ehemaliger Bewohner des Asylzentrums.

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Darum gehts

  • Im Asylzentrum «Sonneblick» kam es innert weniger Monate zu drei Suizidversuchen.

  • Bewohnerinnen und Bewohner kritisieren, dass sie isoliert werden.

  • Das Migrationsamt Kanton St. Gallen glaubt nicht, dass die Suizidversuche etwas mit dem System im Asylzentrum zu tun haben.

  • Die migrantische Selbstorganisation «Rota» beurteilt das jetzige System als ungenügend.

Innerhalb von acht Monaten kam es im Asylzentrum «Sonneblick» im Kanton St. Gallen zu drei Suizidversuchen. Der erste Vorfall datiert vom August 2020, als eine junge Frau und Mutter eines Neugeborenen versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie sei in einer persönlich sehr schwierigen Lage gewesen, sagt Urs Weber vom Migrationsamt St. Gallen. Inzwischen sei sie in der Gemeinde ausserhalb des Zentrums untergebracht. Vor rund einem Monat der zweite Vorfall, als eine Mutter von drei Kindern einen Suizidversuch unternahm. Ende März erst versuchte ein junger Mann aus dem Iran, sich mit einer Überdosis an Medikamenten das Leben zu nehmen. Er wurde auf die Intensivstation gebracht und befindet sich noch immer im Spital. Alle drei Personen haben überlebt.

«Wir werden von der Bevölkerung isoliert»

Die Häufung sei kein Zufall, sagt Delil: «Wir werden im Asylheim wie Tiere behandelt», so der 28-Jährige, der bis vor kurzem noch Bewohner im Sonneblick war. Delil kommt aus Nordkurdistan und war bereits in der Türkei im Gefängnis. Im Asylzentrum im Kanton St. Gallen komme er sich erneut wie inhaftiert vor. «Wir werden von der Bevölkerung isoliert und können so kein eigenständiges soziales Leben in der Schweiz aufbauen.»

Während seinen Aufenthalts im Sonnebilck hatte Delil das Gefühl, dass die Verwaltung des Zentrums die Asylbewerber erziehen möchte. «Uns wurde gesagt, dass es eine Maskenpflicht gibt. Wer sich nicht daran halte, müsse im Stall wohnen. Wir sind doch keine Tiere.»

«Corona hat Situation verschlimmert»

Bevormundung, lange Asylprozesse, fehlende Integrationspolitik und finanzielle Abhängigkeit führten zur Verzweiflung bei den Bewohnenden – was immer wieder in Suizidversuchen endet, so Delil. Die Pandemie habe die Situation verschärft: «Schon vor Corona war die Lage prekär, die Massnahmen gegen die Verbreitung des Virus habe die Situation aber massiv verschlimmert.» So habe er fast die ganze Coronakrise das Zentrum nicht verlassen.

K.* lebt schon seit drei Jahren im Asylzentrum. Seit einigen Monaten hat sie depressive Verstimmungen. «Ich habe auch darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen. Aber wer würde sich dann um meine Tochter kümmern?», sagt die 42-Jährige. Obwohl sie einen attestierten Bandscheibenvorfall hat, müsse sie Reinigungsarbeiten im Asylzentrum verrichten. «Wenn ich das nicht mache, wird mir das Geld gekürzt.» Pro Woche erhalte die Bewohnenden 32,50 Franken. «Es wird keine Rücksicht genommen, weder auf den psychischen noch auf den physischen Zustand.»

Tagesstruktur im Asylheim sei belastend

Auch der 27-Jährige B.* leidet: Vor rund zwei Wochen fand er seinen Freund mit einer Medikamenten-Überdosis im Zimmer auf. Die Situation im Asylheim sei sehr belastend und die Tagesstruktur raube einem alle Kraft, berichtet er. Von morgens bis abends seien die Bewohnerinnen und Bewohner durch Reinigungs- und Gartenarbeiten eingebunden. Zeit für sich bleibe da nur wenig, sagt B. «Nach dem Suizidversuch meines Freundes konnte ich zwei Nächte nicht schlafen. Die Bilder werde ich wohl nie mehr aus dem Kopf bekommen.» Ihm gehe es zunehmend schlechter. «Ich kann nicht mehr.» Der langandauernde Asylprozess zerre an ihm. Ebenso das Ausgangs- und Besuchsverbot. «Wir dürfen zwar noch raus, aber wenn wir zurückkommen, müssen wir für zehn Tage in Einzelisolation.»

«Geflüchtete haben oft psychische Probleme»

Urs Weber vom Migrationsamt Kanton St. Gallen glaubt nicht, dass die Suizidversuche etwas mit dem System im Asylzentrum zu tun haben. «Die Geflüchteten haben sehr oft psychische Probleme oder sind traumatisiert. Die Gesundheitsversorgung im Asylzentrum wird jederzeit sichergestellt», so Weber. Um die Asylbewohnerinnen und -bewohner vor einer Coronainfektion zu schützen, hätte allerdings ein Besuchsverbot eingeführt werden müssen. «50 bis 60 Leute unter Isolation zu stellen, wäre ein extremes Problem», so Weber.

Klare Tagesstruktur sei wichtig

Das Team versuche, die Bewohnenden so gut wie möglich zu integrieren, so Urs Weber. Dabei sei es wichtig, dass sie sich an die Schweizer Gepflogenheiten anpassten und eine Tagesstruktur erlernten, die auch Arbeiten beinhalte. «Wir müssen die Leute auf das Gemeindeleben vorbereiten und diese kollektive Unterbringungsphase ist deshalb sehr wichtig. Es gibt eine Hausordnung, die allen bekannt und mit Blick auf einen geregelten Betrieb einzuhalten ist», sagt Weber. Gerade in Coronazeiten sei es wichtiger denn je, den Bewohnenden eine klare Tagesstruktur zu geben. Vom Migrationsamt St. Gallen werde durchaus der Wunsch der Asylbewerbenden, wieder mehr Freundinnen und Freunde besuchen zu dürfen, wahrgenommen. «Wir klären derzeit ab, ob wir Antigen-Schnelltests einführen können», so Weber.

Integrationspolitik führe zur Isolation

Die migrantische Selbstorganisation «Rota» beurteilt das jetzige System als ungenügend. Sie kritisiert, dass die Integrationspolitik zur Isolation führe. Daraus ergebe sich, dass die Selbstmord-Tendenzen steigen. Die Organisation fordert: «Man muss diese Politik überdenken». Rota fordert einen Austausch zwischen den Betroffenen und den Verantwortlichen und dass die Bedürfnisse der Asylsuchenden angehört werden. Mit einer Kundgebung vor dem Asylzentrum «Sonnenblick» am Freitag will «Rota» auf die Probleme aufmerksam machen.

*Namen der Redaktion bekannt.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirche

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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