Heydrich – Hitlers Henker: Das Attentat auf die «Blonde Bestie»
Aktualisiert

Heydrich – Hitlers HenkerDas Attentat auf die «Blonde Bestie»

Am 27. Mai 1942 wurde Reinhard Heydrich, der Organisator des Holocaust, bei einem Anschlag in Prag schwer verletzt. Wenige Tage später war er tot. Die Nazis übten furchtbare Rache.

von
Daniel Huber

Die drei Attentäter warteten bei einer Haarnadelkurve im Prager Vorort Libe. Josef Gabcik, Jan Kubis und Josef Valcik, ehemalige Unteroffiziere der tschechoslowakischen Armee, waren im Dezember 1941 mit Fallschirmen über Böhmen abgesprungen. Im Auftrag der tschechoslowakischen Exil-Regierung in England hatten sie sich auf die «Operation Anthropoid» vorbereitet. Ihr Ziel: die Ermordung von Reinhard Heydrich.

Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin und seit dem 28. September 1941 zugleich stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, regierte den von den Nazis besetzten tschechoslowakischen Rumpfstaat mit eiserner Hand. Sofort nach seinem Amtsantritt auf der Prager Burg liess der «Schlächter von Prag» Oppositionelle verhaften, Widerständler ermorden und Juden deportieren. Der erst 38-jährige SS-Obergruppenführer war zudem einer der massgeblichen Organisatoren des Holocaust; erst vier Monate zuvor hatte er die Wannsee-Konferenz in Berlin geleitet, an der die Grundlinien der «Endlösung» der Judenfrage» festgelegt worden waren.

Das Attentat

Als sich Heydrichs offener Mercedes an diesem Morgen des 27. Mai 1942 der abschüssigen Kurve in Libe näherte, gab Valcik seinen weiter unten wartenden Komplizen ein Zeichen. Gabcik holte seine Maschinenpistole, eine zusammenlegbare Sten Gun, hervor. Als der Wagen in der Kurvenbiegung abbremste, drückte er aus nächster Nähe auf Heydrich ab. Doch es löste sich kein Schuss; die Waffe versagte. Heydrich befahl seinem Fahrer anzuhalten und zog seine Pistole. Ein Fehler – denn nun warf Kubis eine Granate, die beim rechten Hinterrad explodierte. Heydrich wurde schwer verletzt, überlebte aber zunächst.

Die Attentäter konnten entkommen; Heydrich wurde ins Krankenhaus Na Bulovce gebracht und sofort operiert. Zuerst erholte er sich etwas, doch dann infizierte sich die Wunde – bei der Explosion waren Splitter der Karosserie und verschmutzte Spuren der Rosshaarpolsterung in Heydrichs Zwerchfell und Milz gedrungen. Es kam zum gefürchteten Gasbrand; Heydrich fiel ins Koma und starb am 4. Juni. Damit endete eine steile Karriere abrupt – manche hatten in dem schneidigen SS-Mann schon den künftigen Nachfolger des «Führers» gesehen (siehe Infobox).

Der Terror

Mit der Ermordung der «blonden Bestie», wie Heydrich aufgrund seiner äusseren Erscheinung auch genannt wurde, gelang dem tschechischen Widerstand das erste und einzige erfolgreiche Attentat auf einen Nazi-Funktionär des innersten Machtzirkels. Entsprechend grausam reagierte die Führung des «Dritten Reiches»: Hitler ordnete umgehend an, die gesamte oppositionelle tschechische Intelligenz zu verhaften und «heute Nacht bereits die hundert Wichtigsten zu erschiessen». Damit begann der Rachefeldzug der Nazis gegen die tschechische Zivilbevölkerung, der von den Tschechen später «Heydrichiade» genannt wurde. Nur schon die «Gutheissung des Attentats» wurde mit der Todesstrafe geahndet; innerhalb von wenigen Wochen exekutierte die Besatzungsmacht mehr als 1300 Menschen. Ihre Namen wurden täglich im Radio verlesen.

Heydrichs Leiche wurde zuerst in Prag aufgebahrt und dann mit grossem Pomp nach Berlin überführt, wo ein Staatsakt stattfand – die grösste Totenfeier während des «Dritten Reiches» (siehe Video unten). Die geplante monumentale Gedenkstätte auf dem Berliner Invalidenfriedhof wurde indes nicht gebaut, der Krieg war wichtiger. Einen Tag nach dem Begräbnis Heydrichs erreichte der Terror in Böhmen seinen Höhepunkt: Am 10. Juni wurde das Bergarbeiterdorf Lidice dem Erdboden gleichgemacht. Alle männlichen Einwohner, die älter als 15 Jahre waren, wurden erschossen. Die Frauen brachte man ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo viele von ihnen umgebracht wurden. Einige wenige «rassisch wertvolle» Kinder sollten «germanisiert» werden, die anderen wurden im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) vergast.

Der Verrat

Doch so brutal die deutschen Besatzer auch folterten und mordeten, es gelang ihnen nicht, der Attentäter habhaft zu werden – jedenfalls zunächst nicht. Gabcik, Kubis und Valcik hatten nach dem Attentat in sicheren Häusern des Widerstands Unterschlupf gefunden. Danach hielten sie sich mit vier anderen Fallschirmjägern in der Krypta der orthodoxen Kirche der Heiligen Kyrill und Method in Prag versteckt. Einer der Widerständler, der auch dort hätte sein müssen, fehlte aber: Karel Curda verliess gegen alle Absprachen Prag und fuhr zu seiner Mutter. Am 16. Juni verlor er angesichts des zunehmenden Terrors die Nerven und stellte sich der Gestapo.

Damit war das Schicksal der Männer in der Krypta besiegelt. Am 18. Juni umstellten 800 Männer der Waffen-SS das Gotteshaus, doch die Fallschirmjäger lieferten der Übermacht einen sechs Stunden langen aussichtslosen Kampf. Die Deutschen versuchten vergeblich, sie mit Tränengas aus der Krypta zu vertreiben. Danach leitete man mit Feuerwehrschläuchen Wasser ein, um sie zu ersäufen, ebenfalls ohne Erfolg. Am Ende, als die SS in die Krypta vordrang, hatten sich die Widerstandskämpfer mit ihren letzten Patronen bereits selbst getötet.

Infografik: Das Attentat auf Heydrich

Die Rache

Den Nazis war nicht gelungen, die Attentäter lebendig zu fassen. Doch nun traf ihr Furor über 300 Familienangehörige und Helfershelfer der Widerstandskämpfer. Sie wurden im Konzentrationslager Mauthausen ermordet. Auch der orthodoxe Bischof Gorazd und mehrere Priester der Kirche der Heiligen Kyrill und Method wurden hingerichtet. Der Weiler Ležáky schliesslich, wo die Fallschirmjäger gelandet waren, erfuhr am 24. Juni dasselbe Schicksal wie zuvor Lidice.

Heydrich, der skrupellose Wegbereiter des Holocaust, erlebte die von ihm geplante «Endlösung» nicht mehr. Doch seine SS-Kumpane setzten ihm ein grausiges Denkmal: Sie benannten die Vernichtungsaktion, die im Juli 1942 im polnischen Generalgouvernement anrollte und bis zum Oktober 1943 anhielt, nach ihm. Im Zuge der «Aktion Reinhardt» ermordeten die Nazis über zwei Millionen Juden sowie rund 50 000 Roma in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka.

Video: «Reinhard Heydrich – Der Henker aus Halle» (Teil 1)

(Quelle: Youtube/axlpeters)

>> Teil 2 (auf Youtube)

>> Teil 3 (auf Youtube)

>> Teil 4 (auf Youtube)

>> Teil 5 (auf Youtube)

Video: «Killing Heydrich» (Part 1)

(Quelle: Youtube/colacas)

>> Part 2 (auf Youtube)

>> Part 3 (auf Youtube)

>> Part 4 (auf Youtube)

Video: Heydrichs Bestattung

(Quelle: Youtube/80omar80omar80)

Video: Heydrichs Frau Lina

(Quelle: Youtube/mamamiamm1)

«Himmlers Hirn»

Im Gegensatz zu den meisten anderen Nazi-Grössen stiess Reinhard Heydrich erst spät zur Partei. Nichts an der Herkunft des ursprünglich eher unpolitischen Mannes hätte darauf schliessen lassen, dass aus ihm einer der gefürchtetsten Henker Hitlers werden würde.

Reinhard Tristan Eugen Heydrich kam als zweites von drei Kindern am 7. März 1904 in Halle an der Saale auf die Welt. Eigentlich hätte er – wie sein Vater, der Wagner-Tenor Bruno Heydrich – Musiker werden sollen; schon als sechsjähriges Kind spielte er Geige. Doch nach dem Abitur schlug der junge Mann einen anderen Weg ein und ging 1922 zur Marine, wo er eine Marinenachrichtenschule besuchte. Aufgrund seiner schwächlichen körperlichen Konstitution hatte er sich schon als Schüler sportlich betätigt und wurde so zu einem passablen Fechter. Der blonde und hochgewachsene Heydrich litt allerdings unter seiner hohen Stimme, die ihm den Schmähnamen «Ziege» eintrug.

1931 erlebte der ambitionierte Heydrich, inzwischen zum Oberleutnant aufgestiegen, einen herben Karriereknick. Weil er einer Freundin das Ende der Beziehung anzeigte, indem er ihr die Verlobungsanzeige mit einer anderen Frau zuschickte, wurde er vom Ehrenrat der Marine wegen «ehrenwidrigen Verhaltens» aus der Marine verabschiedet.

Heydrich suchte Rückhalt bei seiner jungen Verlobten Lina von Osten und deren Familie. Die glühende Nationalsozialistin (siehe Video unten) brachte Heydrich dazu, sich den Nazis anzuschliessen. Heydrich trat der NSDAP bei und wurde Mitglied der SS. Deren Chef, Heinrich Himmler, suchte einen Geheimdienstexperten und ging fälschlicherweise davon aus, dass der ehemalige Funkoffizier Heydrich dafür ausgebildet worden war. Himmler beauftragte Heydrich mit dem Aufbau eines SS-Nachrichtendienstes, des späteren Sicherheitsdienstes (SD). 1932 war Heydrich bereits SS-Standartenführer, Leiter des SD und Himmlers rechte Hand.

Nach der Machtübernahme 1933 stieg Heydrich schnell weiter auf: Er wurde Chef der bayrischen politischen Polizei und übernahm 1934 das Geheime Staatspolizeiamt in Preussen. Wegen seiner Rolle in der Ausschaltung der SA-Führung («Röhm-Putsch») wurde er zum SS-Gruppenführer befördert. 1936 war er schon Leiter der Sicherheitspolizei und des SD für das gesamte Deutsche Reich. Als Chef der Gestapo setzte er zunehmend Terrormassnahmen zur Einschüchterung von Gegnern ein.

Nach dem «Anschluss» von Österreich 1938 liess Heydrich seinen Untergebenen Adolf Eichmann in Wien eine Zentralstelle zur Verfolgung und Ausweisung der Juden einrichten. Im September 1939 wurde er Chef des neu geschaffenen Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Damit war er endgültig an der Machtspitze des «Dritten Reiches» angelangt. Er blieb Himmler unterstellt, doch Hermann Göring, dem SS und Gestapo zunehmend die Kompetenzen streitig machten, prägte die Abkürzung «HHHH» («Himmlers Hirn heisst Heydrich»). Seine kalte Intelligenz und völlige Skrupellosigkeit machten ihn zu einem der gefürchtetsten Exponenten des Nazi-Regimes.

Nach Beginn des Krieges organiserte Heydrich die Verfolgung der Elite im besetzten Polen und die Deportation von Juden in Ghettos. Mitte 1941 wurde er mit der «Endlösung der Judenfrage» beauftragt. Im September übernahm er im Protektorat Böhmen und Mähren die Amtsgeschäfte des beurlaubten Reichsprotektors von Neurath. Am 20. Januar 1942 organisierte er schliesslich in Berlin die Wannsee-Konferenz zur Koordinierung des Massenmords an den Juden.

Am 27. Mai 1942 wurde Heydrich bei einem Attentat in Prag verwundet; am 4. Juni erlag er 38-jährig seinen Verletzungen. Hitler nannte ihn in seiner Gedenkrede den «Mann mit dem eisernen Herzen».

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