Aktualisiert 11.08.2009 14:57

Knopf im Ohr und SonnenbrilleDas Aus für die Volksnähe?

Ist der «Sonderfall» Schweiz am Ende? Früher konnten sich Chefs und Politiker ohne Sorgen unters Volk mischen. Doch die Anschläge auf Daniel Vasella und die Finanzkrise haben das geändert. Anbieter von Personenschutz wittern Morgenluft.

von
Werner Grundlehner

Bisher kamen entsprechende Berichte aus dem Ausland: Ein wütender Mob bewirft die Häuser von Bankenchefs in England mit Steinen und Farbbeuteln. In Frankreich hat die Belegschaft von krisengeschüttelten Fabriken schon mehrfach die verantwortlichen Manager in «Geiselhaft» genommen. Mit dem Brandanschlag auf sein Ferienhaus und einer Grabschändung rückt mit Daniel Vasella ein Schweizer Unternehmen in den Fokus. Wie sicher sind Unternehmensführer in der Schweiz?

Angst bei öffentlichen Auftritten

«Das Gefahrenpotenzial für Schweizer Manager nimmt zu», erklärt Nino Graf, Geschäftsführer der International Security Guards (ISG). «Bisher war unser Land sehr sicher.» Die Anfragen zum Personenschutz nähmen zu. Meistens gehe es dabei nicht um Rund-um-die-Uhr-Aufträge, sondern um öffentliche Auftritte. Auch Reiche und Prominente zählen vermehrt auf Personenschutz – aus Angst um die eigene Sicherheit oder aus Angst vor Entführung von Familienangehörigen. Die Preise von ISG bezeichnet Graf als bezahlbar, eine Stunde Begleitschutz (unbewaffnet) gibt es ab 80 Franken. Für einen Personenschützer (bewaffnet) sind pro Stunde 130 Franken zu berappen. Spesen kommen noch extra dazu.

Keine «merkliche Veränderung der Lage» stellt Markus Biedermann von Delta Security fest. Der Anbieter von Sicherheitsdienstleistungen offeriert auch Personenschutz. «Die Schweiz ist in der glücklichen Lage, dass CEOs und Bundesräte ohne Personenschutz auch weiterhin alleine im Zug reisen können», sagt der Geschäftsführer von Delta. «Wir haben auch schon an Finanzanlässen den Auftrag zum Personenschutz übernommen, an denen der Bundesrat, der als Gastredner auftrat, allein angereist kam.» Aufträge zum Personenschutz gebe es meistens für Veranstaltungen, für wenige Kunden liefere Delta aber auch 24-Stunden-Personenschutz. Der Tagesansatz für Personenschutz beträgt je nach Gefährlichkeit und Aufenthaltsort des zu Beschützenden 1000 bis 1500 Franken. Biedermann erklärt, dass kein Angestellter nur im Personenschutz arbeite. Das wäre zu monoton, die Spezialisten, die eine mehrstufige Ausbildung absolviert haben, «kommen beispielsweise auch immer wieder bei Fussballspielen in den Anti-Hooligan-Einsatz». Das diene dem Training-on-the-job und der Abwechslung.

Nur Zwischenhoch

Auch Marktführer Securitas sieht nur eine vorübergehende Verunsicherung. «Solche Vorkommnisse wie jene um Vasella bringen Personenschutz zwischenzeitlich ins Gespräch. Interesse und Nachfrage pendeln sich jedoch schnell wieder auf Normalzustand ein – das haben wir auch nach 9/11 so erlebt», sagt Reto Casutt von Securitas. Der Personenschutz macht lediglich 1 bis 1,5 Prozent des Umsatzes von Securitas aus. Securitas berechnet 100 Franken pro Stunde. Die Personenschützer der Firma, die eine mehrstufige Ausbildung genossen haben, seien auch in anderen Bereichen einsetzbar, «bei uns fängt niemand als Bodyguard an».

Als Beispiel für einen gelungenen Personenschutz-Einsatz nennt Casutt den Vorfall um CEO Ospel an seiner letzten UBS Generalversammlung. Als ein Mann sich Ospel während dessen Rede näherte, sei die Person von mehreren Security-Kräften gewaltlos gestoppt worden, ohne dass die Sicherheitsleute den Zuschauern zuvor aufgefallen wären. Global tätige Schweizer Unternehmen hätten eigene Sicherheitsabteilungen, im Bedarfsfall arbeite Securitas mit diesen zusammen. Die Unternehmen halten sich bezüglich «Managerschutz-Konzepten» aus Sicherheitsgründen sehr bedeckt.

Boris macht auf wichtig

Auch Promis wollen bei öffentlichen Auftritten beschützt sein. Als Beispiel führt Reto Casutt die Hochzeit von Boris Becker in St. Moritz an. Der Ex-Tennisstar habe eigene Leute aus Deutschland mitgebracht, Securitas habe die notwendige Zusatzunterstützung geliefert. Zur Grösse des Aufgebots kann Casutt nichts sagen – nur soviel: «Am TV waren manchmal in einer Einstellung mindestens 15 Sicherheitskräfte und nochmals 3 bis 4 Bodyguards zu sehen.»

Nino Graf von ISG widerspricht den gängigen Vorurteilen: «Die Kunden wollen keine breitschultrigen Bodyguards mit schwarzem Anzug, Sonnenbrille und Knopf im Ohr, der Ihnen auf Schritt und Tritt folgt.» Derartige Aufträge erhielte man manchmal von Stars, wenn es darum gehe, grosse Menschenmengen zurückzuhalten oder etwas fürs Image zu tun. Graf kann sich auch an einen Bodyguard-Auftrag im In-Club St. Germain erinnern, wo es wohl eher um «Show» gegangen sei. Auch Delta unterscheidet zwischen Show-Body-Guards für Promi-Auftritte und unaufälligem Personenschutz.

Der Schutz von Magistraten und Parlamentariern ist in der Schweiz die Sache des Staates. Gemäss Stefan Kunfermann, Sprecher des Bundesamtes für Polizei Fedpol, gab es bis anhin keine Verschärfung der Sicherheitslage im Vergleich zu den beiden Vorjahren. «Die Gefährdungsanalyse wird vom Bundessicherheitsdienst immer wieder aktualisiert», erklärt er. Aus Sicherheitsgründen gebe die Behörde zu einzelnen Sicherheitsmassnahmen keine Auskünfte.

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