Fahrzeugmarkt: Das Auto ist kein Statussymbol mehr
Aktualisiert

FahrzeugmarktDas Auto ist kein Statussymbol mehr

Der fette Wagen hat als Statussymbol ausgedient. An seine Stelle treten gesunder Lebensstil, schicke Kleider, elektronische Gadgets – und das Velo.

von
Othmar Bamert
Auch der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg geniesst zuweilen die Frischluft per Fahrrad.

Auch der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg geniesst zuweilen die Frischluft per Fahrrad.

Keystone

«Mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Frau.» Das gilt heute nicht mehr. «Mit einem Auto, selbst wenn es teuer ist, lässt sich heute wesentlich weniger Staat machen als früher.» Dies ist das Ergebnis einer Umfrage der deutschen Unternehmensberatung Progenium.

Der Kauf eines iPhones, Ferien auf den Seychellen und gute Kleidung haben für die Menschen grössere Bedeutung als der Erwerb eines Autos. Nur 17 Prozent der 1000 Befragten sagten, ihr Auto sei für sie ein Statussymbol. Dagegen gaben erkleckliche 41 Prozent an, ihr PW habe für sie nur die Funktion des Transportmittels. «Insbesondere Frauen, Grossstädter, und auch die kaufkräftigen älteren Generationen verspüren heute weniger den Drang, mit dem Autokauf ein soziales Zeichen zu setzen», heisst es in der Studie.

WM-Finalticket prestigeträchtiger als Mercedes

Gemäss Umfrage hat die Anschaffung eines Smart oder eines Opel für die Käufer etwa die gleiche Bedeutung für das Image wie der Kauf einer Waschmaschine. Der Kauf eines Mercedes sei heute weniger imageträchtig als der Kauf eines Tickets für das WM-Finale. Nur Porsche sei eine Ausnahme.

Die Autohersteller selbst glauben noch an die Unwiderstehlichkeit ihrer Gefährte. Gerade Luxus-Marken, die einen reissenden Absatz in China verzeichnen, tun kritische Betrachtungen des Autos als Problem der Industrieländer ab. Es sei nicht der Fall, dass das Auto an Ansehen einbüsse, widersprachen Daimler und BMW den Forschern, schrieb die «Süddeutsche Zeitung».

Doch die Befragungsresultate aus der Autonation Deutschland decken sich mit einer Vielzahl Studien. Alle sagen etwa dasselbe: Das Auto verliert in der modernen Gesellschaft an Bedeutung; auch als Mittel der sozialen Positionierung. Dazu tragen vor allem die Dichte des Verkehrs in den grossen Städten und ein gutes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln bei. So kommt auch eine Untersuchung des Deutschen Automotive Centers zum Schluss: «Die emotionale Bindung der jungen Generation an das Statussymbol Auto lässt deutlich nach.»

«PS-Monster sind out»

In der Schweiz zeigte sich der Trend bereits vor zwei Jahren in der Studie «Statusfaction» des Gottlieb Duttweiler Instituts. «Alles Materielle, Grosse, Teure und Umweltschädigende wirkt sich negativ auf den Sozialstatus aus», fasst GDI-Trendforscherin Karin Frick die Studienergebnisse gegenüber 20 Minuten Online zusammen. An die Stelle der klassischen, materiellen Statussymbole seien andere Werte getreten, wie Ökologie, ein gesunder Lebensstil, und alternative Verkehrsmittel. Benzinschleudern passten dazu nicht mehr. Frick: «In sozialer Hinsicht kann man es sich schon lange nicht mehr leisten, ein PS-Monster zu fahren.»

Velo-Boom

Ein alternatives Verkehrsmittel gewinnt derzeit besonders kräftig an Fahrt: Das Velo. Parallel zum Niedergang der PS-Monster beobachtet Frick den gegenwärtigen Aufstieg des Fahrrads zum begehrten Prestigeobjekt. Es ist unübersehbar: Velo-Shops und Werkstätten schiessen in den Städten aus dem Boden. Hochwertiges Recycling ist in: Alte Stahlfahrräder von lange fast vergessenen Schweizer Traditionsmarken wie Cilo werden in sorgsamer Handarbeit zu schicken Urban-Bikes veredelt. Aus Alteisen entstehen so Einzelstücke, die es gar in das Top-Modesegment schaffen. «Heute verwenden Luxusmarken schicke Fahrräder als Kulisse für Fotoshootings», so die Trendforscherin.

Ebenfalls hoch im Kurs beim mobilen Publikum sind derzeit die Elektro-Velos wie der «Stromer» von Thömus Veloshop. Mit Hilfe des drehmomentstarken Elektromotors gelingen sogar eindrückliche Ampelstarts.

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