Kritik nach Tod von 29-Jährigem: «Das BAG muss saubere Daten zu Corona-Toten liefern»
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Kritik nach Tod von 29-Jährigem«Das BAG muss saubere Daten zu Corona-Toten liefern»

Der Bund publiziert täglich die Zahl der Toten im Zusammenhang mit dem Coronavirus, ohne die genaue Todesursache zu kennen. Dafür gibts nun Kritik aus Politik und Wissenschaft.

von
Noah Knüsel
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In der 20-Minuten-Community sorgt der Fall eines 29-Jährigen für Empörung: Das BAG hatte ihn in der Statistik als Todesfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgewiesen, obwohl die Zürcher Behörden Covid als Todesursache ausschlossen. BAG-Sprecherin Katrin Holenstein sagte, die Statistik enthalte alle Todesfälle von Personen mit einem laborbestätigten positiven Covid-19-Test. «Die Todesursache kennen wir aber nicht.»

In der 20-Minuten-Community sorgt der Fall eines 29-Jährigen für Empörung: Das BAG hatte ihn in der Statistik als Todesfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgewiesen, obwohl die Zürcher Behörden Covid als Todesursache ausschlossen. BAG-Sprecherin Katrin Holenstein sagte, die Statistik enthalte alle Todesfälle von Personen mit einem laborbestätigten positiven Covid-19-Test. «Die Todesursache kennen wir aber nicht.»

AFP via Getty Images
Aus Wissenschaft und Politik wird nun Kritik laut. «Die Daten werden viel zu langsam erhoben», sagt etwa der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni. Er fordert ein schnelleres Meldeverfahren. 

Aus Wissenschaft und Politik wird nun Kritik laut. «Die Daten werden viel zu langsam erhoben», sagt etwa der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni. Er fordert ein schnelleres Meldeverfahren.

AFP via Getty Images
Garzoni sagt aber auch: «Die Corona-Situation wird durch das jetzige System nicht künstlich aufgebauscht.» Denn aus seiner Erfahrung als Leiter einer Coronastation mit 150 Betten wisse er, dass die allermeisten Infizierten an den direkten oder indirekten Effekten der Krankheit sterben. Es sei aber wichtig, die Grenzen der Aussagekraft der jetzigen Todeszahlen zu kennen: «Im Moment können sie nur einen generellen Überblick bieten und Trends abbilden.»

Garzoni sagt aber auch: «Die Corona-Situation wird durch das jetzige System nicht künstlich aufgebauscht.» Denn aus seiner Erfahrung als Leiter einer Coronastation mit 150 Betten wisse er, dass die allermeisten Infizierten an den direkten oder indirekten Effekten der Krankheit sterben. Es sei aber wichtig, die Grenzen der Aussagekraft der jetzigen Todeszahlen zu kennen: «Im Moment können sie nur einen generellen Überblick bieten und Trends abbilden.»

USZ

Darum gehts

  • Das BAG meldet die Anzahl Toten im Zusammenhang mit dem Coronavirus, ohne die genaue Ursache zu kennen.

  • Infektiologe Christian Garzoni fordert ein schnelleres Meldeverfahren.

  • Er sagt aber auch: «Die Corona-Situation wird durch das jetzige System nicht künstlich aufgebauscht.»

  • Eine Statistik der Todesfälle ohne die genaue Ursache sei für die epidemiologische Einschätzung trotzdem aussagekräftig, heisst es dagegen beim BAG.

  • Politiker von links bis rechts kritisieren die Praxis nun.

Der Fall sorgte für Verwirrung: Erstmals meldete das BAG einen Todesfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus in der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren. Der Kanton Zürich bestätigte zwar, dass ein 29-Jähriger Mann positiv auf Corona getestet war – als Todesursache könne Covid aber ausgeschlossen werden.

BAG-Sprecherin Katrin Holenstein sagte darauf, die Statistik enthalte alle Todesfälle von Personen mit einem laborbestätigten positiven Covid-19-Test. «Die Todesursache kennen wir aber nicht.», so Holenstein weiter. Diese tauche erst in der Todesursachen-Statistik des Bundesamts für Statistik auf. Viele in der 20-Minuten-Community sind über das Vorgehen der Behörden empört: «Das darf in der jetzigen Situation nicht passieren, so bleibt der Bund weiterhin unglaubwürdig», heisst es etwa in den Kommentarspalten.

«Situation wird nicht aufgebauscht»

Infektiologe Christian Garzoni vom Tessiner Monucco-Spital sagt: «Die Corona-Situation wird durch das jetzige System nicht künstlich aufgebauscht.» Denn aus seiner Erfahrung als Leiter einer Coronastation mit 150 Betten wisse er, dass die allermeisten Infizierten an den direkten oder indirekten Effekten der Krankheit sterben: «Eine solche indirekte Folge könnte etwa eine durch die Covid-Infektion ausgelöste Lungenembolie sein.»

Es sei aber wichtig, die Grenzen der Aussagekraft der jetzigen Todeszahlen zu kennen: «Im Moment können sie nur einen generellen Überblick bieten und Trends abbilden.» So könne es durchaus passieren, dass es in Einzelfällen wie bei dem 29-jährigen Toten aus Zürich zu einer Falschmeldung komme: «Solche Meldungen schüren die Unsicherheit in der Bevölkerung. Das kann dazu führen, dass man den Behörden nicht mehr vertraut.»

Garzoni kritisiert das Meldesystem des Bundes: «Die Daten werden viel zu langsam erhoben.» Er sagt: «Im Kampf gegen eine Pandemie sind gute und genaue Zahlen essenziell.» Für den Infektiologen braucht es ein schnelleres Meldeverfahren. Es müsse möglichst bald klar sein, wer wirklich an Corona gestorben sei. Denkbar sei etwa, dass ein Arzt innert 24 Stunden nach dem Tod eines Covid-Patienten die genaue Todesursache ans BAG weiterleiten muss.

Das sagt das BAG

«Die Anzahl der Todesfälle ist ein Indikator, nebst anderen, um die epidemiologische Lage zu beurteilen», sagt BAG-Sprecherin Holenstein am Samstag als Antwort auf die Kritik. Um möglichst zeitnah und transparent Zahlen zu publizieren, würden klare Regeln bei der Definition der Fälle und Todesfälle angewendet, so die Sprecherin weiter: «Diese ändern sich im Verlauf der Epidemie nicht.» Daher sei eine Statistik der Todesfälle – ohne Todesursache – für die epidemiologische Einschätzung trotzdem aussagekräftig: «Das spiegelt sich auch in der Übersterblichkeit wieder», so Holenstein.

Verliert das BAG an Glaubwürdigkeit?

Politiker von links bis rechts kritisieren die Praxis des BAG. «Es wäre sehr wichtig, dass schon das BAG die Todesursache erfasst!», sagt SP-Gesundheitspolitikerin Yvonne Feri. Ob eine positiv getestete Person direkt an Corona, an Vorerkrankungen oder an einer anderen Ursache gestorben sei, sei sehr relevant: «Wir brauchen diese Differenzierung, damit die Statistik nicht in die eine oder die andere Richtung verzerrt wird.» Offenbar habe man aus den Problemen zu Beginn der Pandemie nichts gelernt, so Feri.

«Das BAG muss alles unternehmen, um saubere Daten zu haben.», stellt auch FDP-Ständerat Damian Müller klar. Das sei essenziell für eine vertrauenswürdige Kommunikation: «Sonst wird die Glaubwürdigkeit des Bundesamts immer weiter untergraben.» Das könnte insbesondere in den nächsten Wochen fatal sein, so Müller: «Es kann gut sein, dass sich die Situation nach den Festtagen wieder verschlechtern wird.»

Trotzdem gibt Müller zu bedenken: «Die Anzahl Todesfälle allein ist für unsere Handlungen nicht entscheidend. Der Bundesrat nimmt an andere Kennzahlen wie etwa den R-Wert.» Dieser sei zwar auch nicht unumstritten, ist aber für die Beurteilung der Situation sinnvoller als die Todeszahlen.

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