Tourette-Syndrom: «Das Ballett hat meinen Sohn geheilt»
Aktualisiert

Tourette-Syndrom«Das Ballett hat meinen Sohn geheilt»

Mit sieben Jahren erhielt Dominik Vaida die Diagnose Tourette-Syndrom. Doch er und seine Mutter gaben nicht auf und fanden Hilfe im Ballett.

von
Salome Kern

«Wenn ich tanze, verliere ich mich in der Musik und der Bewegung», sagt Dominik Vaida. (Video: Rupert Höller)

Dominik Vaida eröffnete den Wiener Opernball 2016 trotz seines Tourette-Syndroms. Was war das für ein Gefühl?

Admira Vaida: Unbeschreiblich schön. Ich hatte aber auch Angst, dass etwas schiefgeht. Ich bin als Mutter Dominiks strengste Beobachterin und Kritikerin.

Dominik Vaida: Auch für mich war es unbeschreiblich – alle Augen waren auf mich gerichtet.

Ihr Sohn erhielt mit sieben Jahren die Diagnose. Wie kam das?

Admira Vaida: Die Ticks kamen, als Dominik fünf Jahre alt war. Ich dachte, das sei eine Art Verhaltensstörung. Ich sagte, er solle aufhören mit den Grimassen. Mit der Zeit wurde es schlimmer, wir rannten von Arzt zu Arzt, doch keiner konnte helfen.

Welche Bedeutung hatte die Diagnose für sie als Familie?

Admira Vaida: Es war ein Schock, aber ich war froh um die Gewissheit. Dass das Tourette-Syndrom als unheilbar gilt, machte mir Angst. Ich dachte, Dominik müsse ein Leben mit Grimassen führen.

Dominik Vaida: Ich habe nicht realisiert, was das bedeutet. Aber ich habe mich nie unterkriegen lassen. Ich dachte: Wenn ich gross bin, sind die Ticks weg. Und ich hatte recht.

Admira Vaida: Dominik ist ein positiver Mensch mit grossen Zielen: Er wollte Präsident, Wissenschaftler oder Profitänzer werden.

Wie kamen Sie und Ihr Sohn auf die Idee, dass Ballett helfen könnte?

Admira Vaida: Ich wollte ihn nicht mit Psychopharmaka vollstopfen. Durch den Rat eines Neuropsychiaters schickte ich Dominik in den Klavierunterricht. Doch mir fiel auf, dass er häufig tanzt und dass dann keine Ticks auftreten. Da sah ich die Annonce für die Aufnahmeprüfung an der Staatsoper.

Dominik Vaida: Niemand dachte, dass ich eine Chance habe. Doch ich habe es geschafft und konnte das Abitur sowie die Profiausbildung an der Ballettakademie machen.

Wie wirkten sich Ballettstunden aus?

Dominik Vaida: Das ist schwierig zu beschreiben. Wenn ich tanze, verliere ich mich in der Musik und der Bewegung. Gedanken, Probleme und Ticks existierten in diesem Moment nicht. Ich glaube, beim Tanzen vernetzt sich mein Hirn neu und ich kann meine Energie sinnvoll einsetzen.

Wieso wussten die Lehrer nicht Bescheid?

Dominik Vaida: Ich hatte Angst, dass sie mich aus der Ausbildung werfen, wenn sie von meinen Ticks wissen.

Admira Vaida: Als er 14 Jahre alt war, beschwerte sich eine Lehrerin, dass Dominik sehr unruhig sei. Er liess extra Gegenstände fallen, damit er sich bücken und unter dem Tisch ticken konnte. Ich habe ihr unter Tränen die Wahrheit gesagt und sie reagierte verständnisvoll. Das hat Dominik den Druck genommen und die Ticks nahmen ab. Ballett hat ihn zu einem gesunden Jungen gemacht.

Haben Sie heute noch Ticks?

Dominik Vaida: Wenn ich nervös bin oder aus der Bahn geworfen werde, blinzle ich oder zucke kurz mit dem Gesicht. Aber das sieht keiner – ich kann heute ein normales Leben führen. Mein Ziel ist es, von einer grossen Bühne als Profitänzer unter Vertrag genommen werden.

Sie erzählen die Geschichte im Buch «Tick – Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand».

Admira Vaida: Ich war Zeuge der Genesung von Dominik und so konnte ich die Geschichte verarbeiten. Ich hoffe, ich kann Betroffenen helfen. Es macht mich glücklich, wenn ich anderen Mut machen kann.

Welchen Rat würden Sie betroffenen Eltern geben?

Admira Vaida: Nicht verzweifeln, sondern Methoden suchen, die dem Kind helfen – künstlerische Tätigkeiten, Musik, Sport. Ein verständnisvolles Umfeld, dass das Kind als normalen Menschen wahrnimmt, ist wichtig.

Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die sich durch Ticks zeigt. Das können Lautäusserungen oder schnelle und meist plötzliche Bewegungen und Muskelzuckungen sein.

Tick: Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand

Admira Vaida, geboren 1967, arbeitete zunächst als Büroangestellte und später als Diplomkrankenschwester. Sie ist Mutter von drei Kindern. Als ein Arzt bei ihrem 1997 geborenen Sohn Dominik das Tourettesyndrom feststellte, entschloss sie sich unter anderem zu einer Therapie mit Ballett.

ISBN: 978-3990012154

Deine Meinung