Zweite Welle: Das bedeuten die höchsten Corona-Zahlen seit Ende März
Publiziert

Zweite WelleDas bedeuten die höchsten Corona-Zahlen seit Ende März

Die Corona-Fallzahlen in der Schweiz explodieren, in den Spitälern ist es aber nach wie vor vergleichsweise ruhig. Was heisst das für die kommenden Wochen? Die wichtigsten Antworten.

von
Daniel Graf
Daniel Waldmeier
1 / 8
Die Fallzahlen in der Schweiz steigen wieder an. Ein zweiter Lockdown soll aber unbedingt verhindert werden.

Die Fallzahlen in der Schweiz steigen wieder an. Ein zweiter Lockdown soll aber unbedingt verhindert werden.

Derzeit sind vor allem jüngere Menschen betroffen. Die Hospitalisationsrate ist entsprechend tief.

Derzeit sind vor allem jüngere Menschen betroffen. Die Hospitalisationsrate ist entsprechend tief.

Getty Images/iStockphoto
Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigen laut Epidemiologinnen aber, dass das Virus bald auch wieder vermehrt ältere Menschen treffen könnte.

Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigen laut Epidemiologinnen aber, dass das Virus bald auch wieder vermehrt ältere Menschen treffen könnte.

Getty Images

Darum gehts

  • Die Corona-Fallzahlen sind so hoch wie seit dem 31. März nicht mehr, auch die Positivitätsrate steigt.
  • Im Vergleich zur ersten Welle im Frühling müssen derzeit aber weniger Personen hospitalisiert oder auf der Intensivstation behandelt werden.
  • Zwei Epidemiologinnen ordnen die Zahlen ein.

Am Mittwoch vermeldete das BAG 1077 bestätigte Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Diese Zahl war letztmals am 31. März höher, als das BAG 1129 Fälle meldete . Die Hospitalisationen und Todesfälle steigen hingegen nur ganz leicht. Ist das Virus weniger gefährlich als im Frühling? Oder werden in den kommenden Wochen wieder vermehrt Menschen wegen Corona im Spital landen und sterben? Wie kann das verhindert werden? 20 Minuten beantwortet die drängendsten Fragen.

Die Fallzahlen steigen derzeit stark an. Ist die zweite Welle jetzt da?

Laut der Epidemiologin Olivia Keiser von der Uni Genf gibt es keine allgemeingültige Definition einer Welle. In manchen Regionen Europas, etwa in den Niederlanden, gebe es diese Wellenbewegung. «In der Schweiz kann man regional von einer zweiten Welle sprechen.»

Die Zahl der Hospitalisationen und Todesfälle ist trotz der hohen Fallzahlen derzeit eher tief. Weshalb?

Das hat vor allem mit der Altersstruktur der Fälle zu tun: «Zurzeit infizieren sich in der Schweiz noch vermehrt junge Menschen. Sie müssen weniger oft hospitalisiert werden und sterben auch seltener am Virus», sagt die Basler Epidemiologin Emma Hodcroft. Sie gibt aber zu bedenken, dass Hospitalisationen und Todesfälle nicht die einzigen negativen Folgen sind: «Auch jüngere Menschen können wochenlang krank sein, und über die langfristigen Auswirkungen von Covid-19 wissen wir noch sehr wenig.»

Wie unterscheidet sich die jetzige Situation von der ersten Welle im Frühling?

Im Frühling zeigten verhältnismässig mehr positiv getestete Menschen schwere Verläufe (siehe unten). Laut der Epidemiologin Olivia Keiser ist die Testsituation heute eine andere als im Frühling, als sich junge Menschen mit Symptomen in Selbstisolation begeben mussten, ohne einen Test zu machen. Diese tauchten in der Statistik gar nicht auf. «Die Testkapazität ist heute viel grösser. Für Panik gibt es keinen Grund, aber man muss nun wirklich schnell reagieren. Erste Kantone kommen beim Contact-Tracing nicht mehr nach und beispielsweise im Kanton Waadt können sich Leute mit gewissen Symptomen auch nicht mehr jederzeit testen lassen, weil die Testkriterien angepasst wurden. Das ist kein gutes Zeichen.»

Steigt die Anzahl positiv getesteter einfach, weil mehr getestet wird?

Nicht nur. In absoluten Zahlen werden mehr Fälle gefunden, wenn mehr getestet wird. Hier ist die Positivitätsrate zu beachten, die ebenfalls steigt: Zwischen Mitte August und Anfang September fielen jeweils zwischen 2,9 und 4,2 Prozent der Tests positiv aus. Seit Anfang Oktober steigt die Posititivitätsrate, am Dienstag lag sie bei 9,7 Prozent, am Mittwoch bei 7,1 Prozent. Sprich: Es wird zwar etwas mehr getestet, es werden aber viel mehr positive Fälle gefunden. Die WHO sagt, dass ein Land mit einer Positivitätsrate von über fünf entweder zu wenig testet, oder die Lage nicht mehr im Griff hat. Der Höchstwert Ende März betrug 19,4 Prozent.

Ist das Virus weniger tödlich geworden?

Nein. Hodcroft sagt: «Es gibt derzeit keine Anzeichen, dass das Virus, das jetzt herumgeht, sich vom Virus im Frühling unterscheidet. Es ist weder schwächer noch weniger gefährlich.»

Werden die Hospitalisations- und Todeszahlen hierzulande ebenfalls ansteigen?

Davon ist laut Hodcroft auszugehen, sofern die Fallzahlen nicht wieder sinken: «Wir haben in anderen europäischen Ländern in letzter Zeit gesehen, dass die Übertragungen sich wieder auf die älteren Altersgruppen ausgebreitet haben. Derzeit kursieren bei uns dieselben Viren wie etwa in Spanien oder Grossbritannien, wo die Zahl der Spitalaufenthalte zunimmt. Es gibt also keinen Grund, anzunehmen, dass es hier anders sein wird, wenn wir es nicht schaffen, die Fallzahlen runterzubringen.»

Kommen bald neue Massnahmen, um die Fallzahlen wieder zu senken?

Erste Verschärfungen wurden bereits beschlossen. So hat der Kanton Aargau als Reaktion auf die steigenden Zahlen ein Alkoholverbot an Grossanlässen erlassen, der Kanton Bern eine Maskenpflicht in öffentlich zugänglichen Innenräumen beschlossen, also auch in sämtlichen Geschäften. Keiser sagt, aus epidemiologischer Sicht würde eine Erneuerung der schweizweiten Homeoffice-Empfehlung Sinn ergeben, ebenso eine stärkere Begrenzung der Anzahl Personen bei Versammlungen. Und: «Es gibt viele dokumentierte Fälle von Ansteckungen durch sogenannte Aerosole. Das sind kleine Tröpfchen, die in der Luft weiter als 1,5 bis 2 Meter übertragen werden können. Eine Maskenpflicht in Innenräumen inklusive Büros könnte den Anstieg bremsen.» Laut Keiser ist ausserdem das Lüften wichtig.

Derzeit weniger Corona-Patienten in Spitalpflege

Die Kurve der neuen positiv getesteten Fälle zeigt wieder nach oben, die Situation erinnert an die erste Welle im Frühling. Es müssen derzeit aber deutlich weniger Personen wegen Corona im Spital behandelt werden. Zwischen dem 23. März und dem 23. April befanden sich immer mehr als 1000 Personen wegen Corona in Spitalpflege, die Fallzahlen lagen noch etwas höher als die am Mittwoch kommunizierten 1077 Fälle. Im Moment werden 206 Personen im Spital wegen Covid-19 behandelt. Im Frühling war aber eine Verschiebung von rund einer Woche feststellbar zwischen den Peaks bei den Fallzahlen und den Hospitalisationen, da vom Moment des Tests bis zur Einlieferung in der Regel ein paar Tage vergehen. Die Spitaleintritte könnten in den nächsten Tagen also auch noch zunehmen.

Deine Meinung

1613 Kommentare