Aktualisiert 26.08.2011 07:46

Prost auf den Geschmack

Das beste Lagerbier kommt aus St. Gallen

Eine Jury mit einem Herz für Bier prüfte in einem Blindtest zehn kühle Blonde auf Aussehen, Nase, Antrunk und Nachtrunk. Hier das süffige Ergebnis.

von
F. Voegeli/D. Galka/P. Rüegg

Die Biervielfalt in der Schweiz ist gross: 439 steuerpflichtige Brauereien zählt das Land. Meist halten Biertrinker einer regional verankerten Lieblingsbrauerei die Stange. Doch gerade weil die Wahl des Gerstensafts oft emotional und nicht rational getroffen wird, fragt sich: Welches Gebräu schmeckt am besten, wenn man nicht weiss, woher es kommt?

Im Blindtest von 20 Minuten Online ging es ausschliesslich um Schweizer Biere und – wo vorhanden – ums helle Lager. Die vierköpfige Jury beschränkte sich dabei auf grössere Brauereien, deren Produkte landauf, landab in den Läden zu kaufen sind beziehungsweise beim Wirt ausgeschenkt werden. Zehnmal hat eine vierköpfige Jury tief und vor allem ganz genau ins Glas geschaut und so einen klaren Favoriten unter der Schaumkrone ausfindig gemacht.

Gewinner nach Punkten: Schützengarten

Es war ein besonders heisser Tag im August, als die Jury sich in der Zürcher Central Bar zum Test an den Tresen setzte. Ein diplomierter Biersommelier, ein Braumeister, ein Bierverkäufer und ein Schauspieler, der schon für einen Brauer vor der Kamera stand, machten sich über die kühlen Blonden her. Der Favorit der Experten: das Schützengarten Lagerbier. Mit 55 von maximal 80 Punkten schmeckte das St. Galler Bier der Jury eindeutig am besten. «Sehr angenehm zu trinken», «viel Kohlensäure» oder «ausgewogen» stand auf den Bewertungsformularen, worauf verschiedene Kriterien bewertet wurden. «Super und überraschend», lautete das Fazit von Schauspieler Christian Samuel Weber nach der Degustation des Schützengartens, auch wenn er sich in einem aktuellen Kinowerbespot über ein anderes Bier hermacht.

Christoph Kurer, Vorsitzender der Geschäftsleitung bei der Schützengarten Brauerei AG, freut sich über das gute Ergebnis. «Wir sind zwar überzeugt, dass wir ein gutes Bier brauen, aber bei sensorischen Tests weiss man nie genau, was rauskommt.» Die Rezeptur des getesteten Lagers ist seit etwa einer Dekade unverändert. Um sicherzugehen, dass die Brauerei den Qualitätsansprüchen gerecht wird, lässt sie ihr Bier regelmässig vom DLG-Testzentrum in Deutschland testen und mit anderen Sorten vergleichen. «Und auch bei diesem Wettbewerb hat das Lager schon sicher zehnmal die Goldmedallie gewonnen!», so Kurer.

Die Jury ist ebenfalls zufrieden. «Mir passt das Bier ganz gut, zudem ist es eine Privatbrauerei, das unterstütze ich natürlich auch», so Bierverkäufer Albert Rungg, der somit wieder beweist, dass Bier auch nach emotionalen Kriterien gekauft wird. Als Filialleiter im Drinks of the World in Zürich weiss er, dass das «Schüga» sehr gut über den Ladentisch geht. Das St. Galler Bier aus der ältesten Brauerei der Schweiz hat offensichtlich auf ganzer Linie überzeugt. Überrascht zeigt sich die Jury eher bei den hinteren Plätzen. So auch Biersommelier Flükiger: «Es erstaunt mich, dass einige Biersorten, die auf der Beliebtheitskala eigentlich weit oben sind, bei uns weit hinten gelandet sind.»

Die Top 5

Nicht mal zwei Punkte hinter dem Siegerbier reiht sich das Calanda aus dem Hause Heineken ein, das jedoch auch nach der Fusion nach altem Rezept in Chur gebraut wird. Auf dem dritten Platz dann ein weiterer Platzhirsch auf dem Schweizer Biermarkt: 50,25 Punkte erhielt das Feldschlösschen Original.

Die von Feldschlösschen gebrauten Biere Feldschlösschen Original, Cardinal Draft und Hürlimann trennt kaum mehr als ein Punkt voneinander. Sind sich diese Biere so ähnlich? «Nein, überhaupt nicht», so Gaby Gerber, Leiterin Standortmarketing bei Feldschlösschen Getränke AG. Feldschlösschen Original und Hürlimann Lager seien zwar beides Lagerbiere und daher typähnlich, aber sie unterschieden sich doch deutlich. «Das Feldschlösschen Original ist ein klassisches, würziges Lagerbier, das Cardinal Draft wiederum ist milder und viel trockener im Abgang», so Gerber.

Bitterkeit kommt schlecht an

Bei den hinteren Plätzen wurde vor allem die Bitterkeit bemängelt. Zu wenig Anteile an Edelhopfen, hiess es. Vor allem Andreas Aemmer, der seit 1997 in Zürich Höngg das Hirnibräu-Bier braut, weiss genau, was ihm schmeckt: ein gehaltvolles Bier. «Ich bin ein Malthead», schmunzelt er. «Zu viel Hopfenbitterkeit macht ein Bier für mich langweilig.» Und auch der Kohlensäuregehalt war dem Braumeister bei der Beurteilung wichtig. Immer wieder hob er das Glas hoch und betrachtete den Inhalt von allen Seiten.

Die Test-Biere wurden soweit erhältlich in Dosen gekauft. Diese machen zwar laut dem Schweizer Bier-Verband nicht mal einen Drittel des Konsums aus, doch dem Geschmack sollte der wenig edle Behälter nicht abträglich sein. Serviert wurde natürlich in Gläsern, denn nebst Geschmack (Antrunk und Nachtrunk) und Geruch (Nase) wurde der Gerstensaft auch nach seinem Aussehen beurteilt. Jede Kategorie war in vier Bewertungspunkte unterteilt. Das Bewertungsformular wurde von Gastro Suisse in Zusammenarbeit mit einem Biersommelier erstellt. Pro Bewertungskriterium waren 5 Punkte möglich. Die Punkte wurden laufend zusammengerechnet und anschliessend der Durchschnittswert ermittlet. Die Endresultate reichten von 44,4 bis zum Top-Ergebnis von 55 Punkten.

Zwei Schlucke reichen

Das Fazit für die Punktevergabe stand im Schnitt nach etwa zwei Schlucken. Anders als Wein wird das Bier bei der Degustation üblicherweise geschluckt. Die Kunst der Bier-Bewertung kann auch erlernt werden. Im Oktober findet in der Schweiz zum ersten Mal eine Ausbildung zum Bier-Sommelier statt. Weitere Kurse bietet GastroSuisse im Frühling und Herbst 2012 an.

So unterschiedlich wie die Jury-Mitglieder war auch ihr Bewertungsvorgehen. Der Bier-Sommelier liess sich viel Zeit. Sein Glas leerte sich kaum, während es am anderen Ende des Tresens einige Schlucke für ein Fazit brauchte. Auch wenn sie sich alle als passionierte Biertrinker bezeichneten, zeigte sich doch, dass auch Bierkenner die Sorte, die sie sich normalerweise bestellen, blind kaum erkennen. Glaubte die Jury zu wissen, wessen Produkt sie getrunken hatte, lag sie jedes Mal falsch.

Bier in Zahlen

Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz 4,53 Mio hl Bier getrunken. Das sind 57,3 Liter pro Kopf. (Vergleich: 1990/91 waren es noch 71 Liter.) Über drei Viertel davon wurden aus einhemischen Fässern gezapft. Am beliebtesten ist das Lagerbier; Spezial- und Spezialitätensorten machen nur 19,5 Prozent aus.

Die Jury

Anton Flükiger

dipl. Biersommelier, «Erzbierschof»

Albert Rungg

Filialleiter Drinks of the World

Andreas Aemmer

Braumeister, Hirnibräu

Christian Samuel Weber

Schauspieler im Feldschlösschen-Werbespot

Der Test

Central Bar, Ankerstrasse 65 in Zürich, getestet. Alle Testbiere finden Sie hier.

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