«Time-out» mit Klaus Zaugg: Das beste Langnau seit dem Aufstieg
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«Time-out» mit Klaus ZauggDas beste Langnau seit dem Aufstieg

Fünf Siege in Serie - die SCL Tigers sind so gut wie noch nie seit dem Wiederaufstieg (1998) und in der elften Saison erstmals ein ernsthafter Kandidat für die Playoffs. Ein Wunder. Aber eines mit Logik.

Die Tiger waren schon letzte Saison ein Spektakelteam und erzielten in der Qualifikation am meisten Tore. Das offensiv beste Qualifikationsteam hatte vorher immer mindestens Platz 5 erreicht - die Langnauer kamen indes nicht über Rang 10 hinaus. Was ist nun anders geworden?

1. Erstmals seit dem Aufstieg sind alle Ausländer-Positionen gut bis sehr gut besetzt. Das Quartett mit Curtis Murphy, Jeff Toms, Martin Kariya und Oliver Setzinger ist eines der ausgeglichensten und vor allem läuferisch besten der Liga.

2. Martin Kariya ist in der aktuellen Form der wirkungsvollste und zusammen mit Klotens Kimmo Rintanen und Luganos Patrick Thoresen der kompletteste Einzelspieler der Liga. Er bringt die perfekte Kombination aus Tempo, Intelligenz, Kraft und Disziplin aufs Eis. Noch wirkungsvoller als seine Punkteproduktion (19 Spiele, 6 Tore, 17 Assists) ist eine Defensivleistung.

3. Zum ersten Mal haben die Langnauer eine starke Mittelachse: Vier Mittelstürmer, die einen Block führen können: Martin Kariya, Fabian Sutter, Andreas Camenzind und Michel Zeiter. Der Transfer von Camenzind (er kam von Basel) hat die entscheidende Verstärkung auf der Center-Position gebracht.

4. Tempofestigkeit. Die Tiger gehören zu den schnellsten Teams der Liga, in diesem Bereich spielen sie auf Augenhöhe mit den Titanen. In der NLA kann mit Tempo nach wie vor mehr Wirkung erzielt werden als mit Kraft und Wasserverdrängung.

5. Klare Worte. Nach den Pleiten gegen Biel (4:5 n.V und Ambri 0:4) hat Trainer Christian Weber getobt wie noch nie seit seinem Amtsantritt in Langnau. Zudem wurde Fabian Sutter in einem Einzelgespräch an die Pflichten des Captains erinnert - und seither haben die Lagnauer kein Spiel mehr verloren.

6. Torhüter Matthias Schoder weiss nach dem Gastspiel von HCD-Goalie Reto Berra, dass er seine Position als Nummer 1 nicht auf sicher hat. Eine Rückkehr von Berra nach Langnau ist im Laufe dieser Saison wahrscheinlich.

7. Daniel Steiners Rückkehr aus Rapperswil-Jona. Steiner ist mit 12 Toren zusammen mit Klotens Roman Wick der beste Torschütze der Liga mit Schweizer Pass und gibt Langnaus Offensive mehr Tiefe.

Sind die SCL Tigers gar ein Spitzenteam?

Nein. Dafür fehlt die Tiefe im Kader. Anders als Bern, Davos, die ZSC Lions oder Lugano können die Langnauer verletzungsbedingte Ausfälle (fast) nicht kompensieren. Aber immerhin: Im Spiel mit der Scheibe sind die SCL Tigers eine Spitzenmannschaft. Aber (noch) nicht im Spiel ohne Scheibe. Sie sind zum Laufen, zum Vollgas geben verurteilt. Aber ist jetzt die Balance zwischen Offensive und Defensive etwas besser als letzte Saison. Die SCL Tigers waren in den letzten Jahren wenigstens in lichten Momenten so etwas ein Kloten oder ein Davos im Westentaschenformat. Inzwischen sind sie neben Kloten und Davos das dritte "Speed-Team" der Liga geworden.

Nun folgen die Spiele gegen den Meister (die ZSC Lions) und auswärts gegen den Qualifikationssieger (SC Bern). Diese zwei Partien sind ein aussagekräftiger Test. Punkten die Emmentaler auch in diesen beiden Partien, dann werden sie zum ersten Mal seit dem Aufstieg (seit 1998) als ernsthafter Playoffkandidat in die November-Nationalmannschaftspause gehen.

Und anschliessend wird sich zeigen, ob sie dazu in der Lage sind, auch in der neuen Rolle zu punkten. Ob sie geduldig bleiben, wenn sich die Gegner in erster Linie auf eine sorgfältige Defensive konzentrieren, praktisch auf ein tiefes Forechecking verzichten und nicht mehr offen mitspielen. Geduld ist im Eishockey die Stütze des Spielkonzeptes - Ungeduld aber der Ruin des ganzen Spiels.

Klaus Zaugg, 20 Minuten Online

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