Aktualisiert 06.12.2011 00:45

Mysteriöse US-DrohneDas Biest von Kandahar

Der Iran hat angeblich eine US-Spionagedrohne RQ-170 Sentinel vom Himmel geholt. Das US-Militär wiegelt ab – und fürchtet gleichzeitig den Verlust hoch geheimer Technologie.

von
pbl
Eine der wenigen (Amateur-)Aufnahmen der RQ-170 Sentinel.

Eine der wenigen (Amateur-)Aufnahmen der RQ-170 Sentinel.

Es war eines der geheimsten Projekte des Pentagon: 2004 vergab das US-Verteidigungsministerium den Auftrag zur Entwicklung einer Stealth-Drohne, einem unbemannten Fluggerät mit Tarnkappen-Technologie. Dann hörte man lange nichts davon – bis der französische Blog Secret Défense am 1. Dezember 2009 ein Foto veröffentlich, das auf der Luftwaffenbasis von Kandahar in Afghanistan aufgenommen worden war.

Das geheimnisvolle Flugzeug erhielt den Übernamen «Biest von Kandahar». Vier Tage später bestätigte das Pentagon die Existenz der Maschine mit der Bezeichnung RQ-170 Sentinel (Wachposten). Der Name sowie das Kürzel RQ deuten darauf hin, dass es sich nicht um eine Kampfdrohne handelt, sondern dass die vom Rüstungskonzern Lockheed Martin hergestellte Sentinel für Aufklärungs- und Überwachungsflüge eingesetzt wird. Sie weist eine Spannweite von rund 20 Metern auf und kann in grosser Höhe operieren.

Bin Ladens Versteck ausspioniert

Mit der Tarnkappen-Drohne soll die US-Luftwaffe unter anderem das Versteck von Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad ausspioniert haben. Auch bei der Kommandoaktion gegen den Al-Kaida-Chef in der Nacht zum 2. Mai soll die RQ-170 beteiligt gewesen sein – angeblich übertrug sie Live-Bilder nach Washington. Von der Drohne selbst existieren mit Ausnahme einiger Amateur-Aufnahmen kaum Fotos.

Militärexperten vermuten laut «Wall Street Journal» schon lange, dass das «Biest» nicht nur in Afghanistan und Pakistan, sondern auch über dem Iran zum Einsatz kommt und dort Militär- und Atomanlagen ausspioniert. Das lässt die Meldung vom Sonntag zumindest plausibel erscheinen, der Iran habe eine RQ-170 vom Himmel geholt. Anfangs war von einem Abschuss die Rede, dann hiess es, der Flugkörper sei mit Hilfe von «elektronischer Kriegführung» heruntergeholt worden, er sei kaum beschädigt.

Technologische Geheimnisse gefährdet

Auch diese Angabe ist nicht auszuschliessen, denn laut dem Magazin «Time» könne alle heutigen US-Drohnen «ziemlich einfach abgeschossen werden». Die Funkfernsteuerung aus den USA mache sie «verwundbar für Störattacken». Die NATO bestätigte am Sonntag, dass eine amerikanische Drohne «Ende letzter Woche» im Westen Afghanistans verschwunden ist, vermutlich aufgrund eines technischen Defekts. Um welchen Typ es sich handelte, wurde in der Mitteilung nicht erwähnt.

Sollte es sich tatsächlich um eine RQ-170 handeln und sie von den Iranern «gekapert» worden sein, dann könnten ihre «technologischen Geheimnisse gefährdet sein», so das «Wall Street Journal». Das betrifft nicht nur die radarabweisenden Eigenschaften, sondern auch die Überwachungs-Technologie wie hochauflösende Kameras und Abhör-Einrichtungen. An diesen könnten nicht nur die Iraner, sondern auch die Chinesen und die Russen interessiert sein.

Experten traten der Befürchtung am Montag allerdings mit dem Hinweis entgegen, die Drohne sei wahrscheinlich aus grosser Höhe abgestürzt und es dürften sich deshalb nur wenige Teile des Flugobjekts finden lassen. Zudem gingen sie davon aus, dass der Iran aus den Wrackteilen kaum Rückschlüsse auf das Drohnenprogramm ziehen könne. Der Iran vermeldete in diesem Jahr schon mehrfach den Abschuss amerikanischer Drohnen. Beweise dafür konnte Teheran nie präsentieren. Auch die Behauptung der iranischen Führung, selber über eine Drohnen-Flotte zu verfügen, wird von US-Regierungsvertretern angezweifelt. (pbl/dapd)

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