Aktualisiert 01.10.2010 14:41

Umstrittene WerbungDas billige Ratten-Theater der SVP

Die Tessiner SVP empört sich über die Empörung, die ihr Ratten-Plakat ausgelöst hat. Es sei doch nur ein Scherz gewesen - mit dem die Partei 2 Millionen Franken gespart hat.

Eines der umstrittenen Plakate an der Via Besso in Lugano, aufgenommen am 29. September 2010. Die Botschaft lautet: «Ausländer begehen 60 Prozent der Verbrechen».

Eines der umstrittenen Plakate an der Via Besso in Lugano, aufgenommen am 29. September 2010. Die Botschaft lautet: «Ausländer begehen 60 Prozent der Verbrechen».

Noch am Dienstag behauptete Pierre Rusconi auf Anfrage, die SVP habe nichts mit den umstrittenen Ratten-Plakaten zu tun. Jetzt zeigt sich: Der Präsident der Tessiner SVP hat gelogen.

Wie er heute bekannt gab, hat die Tessiner SVP die Plakate in Auftrag gegeben. Die umstrittene Werbekampagne zeigt drei Ratten, die sich an einem Schweizer Käse verköstigen. Den Vorwurf des Rassismus und der Xenophobie weist Parteipräsident Pierre Rusconi zurück. Er vermisse im Politestablishment den Humor.

«Bei uns ist es zu einer Art Nationalsport geworden, dass man sich über alles mögliche empört», sagte Rusconi am Freitag in Rivera vor den Medien.

1,97 Millionen gespart

Nach seiner Lüge vom Dienstag bedankte sich Rusconi heute gegenüber den Journalisten für das grosse Interesse. Das Sujet mit den drei Ratten war in den letzten Tagen in unzähligen Medien abgebildet worden.

Um auf herkömmlichem Weg eine solche Resonanz zu erzielen, hätte man laut Rusconi zwei Millionen Franken investieren müssen. Daher seien die 30 000 Franken – so viel kostete die Kampagne bisher – gut angelegtes Geld. Rusconi und die SVP konnten mit ihrer Aktion wohl Geld sparen. Was die Wählerinnen und Wähler von einem Präsidenten halten, der über die Medien die Bevölkerung in die Irre führt, wird sich zeigen.

Die Reaktionen, welche die Aktion in der Schweiz und in Italien auslöste, bezeichnete Rusconi als irrational und überproportional. Schliesslich habe die SVP nur diejenigen Themen zur Diskussion gebracht, die die Tessiner Bevölkerung bewegten.

Nach Auffassung der Partei sind dies die kontinuierlich steigende Zahl der italienischen Grenzgänger, kriminelle Ausländer sowie die Tatsache, dass die Schweiz 40 Prozent der Grenzgängersteuern an Italien abliefert.

Bogdan, Fabrizio und Giulio

Die SVP erteilte daher dem Werber Michel Ferrise den Auftrag, diese Themen gestalterisch umzusetzen. Der aus Kalabrien stammende Werber schuf drei Ratten, die sich an einem Schweizer Käse verköstigen. Einer der Nager heisst Bogdan, trägt eine Maske und ist Rumäne. Den Rumänen wird nachgesagt, im Tessin für zahlreiche Einbrüche verantwortlich zu sein.

Eine andere Ratte ist der Plattenleger Fabrizio aus Verbania, womit auf die weit verbreitete Meinung angespielt wird, die italienischen Grenzgänger würden den Tessinern die Arbeit wegnehmen.

Die dritte Ratte heisst Giulio, ein Anwalt aus der Lombardei. Er trägt einen Schild – ein deutlicher Hinweis auf den italienischen Finanzminister Giulio Tremonti, der mit seinem «Steuerschild», dem so genannten «Scudo fiscale», den Tessiner Bankenplatz trockenlegen wollte.

Breitseite gegen Regierung und Botschafter

Die Ratten-Kampagne sorgte sowohl dies- als auch jenseits der Grenze für Schlagzeilen. Die Tessiner Regierung und der Schweizer Botschafter in Rom distanzierten sich, und die Tessiner Deputation in Bern bezeichnete die Aktion als «Dummheit».

Dies brachte wiederum Rusconi auf die Palme. Von der Tessiner Regierung erwartet er «nicht Empörung über ein Plakat, sondern Lösungen für die Probleme, die sie mitzuverantworten hat».

Und der Botschafter solle sich nicht entschuldigen, sondern dafür sorgen, dass Italien die bilateralen Verträge korrekt anwende und den Schweizer Firmen den Marktzugang nicht durch bürokratische Hürden versperre.

Auch den Vorwurf, die SVP wolle die Grenzgänger aussperren, liess Rusconi, der sein Geld als Treuhänder verdient, nicht gelten. Er sei sich durchaus bewusst, dass die Tessiner Wirtschaft ohne Grenzgänger nicht funktionieren würde.

Doch es dürfe nicht sein, dass zunehmend einheimische Arbeitskräfte durch Italiener ersetzt würden. Er appellierte deshalb an die Unternehmen, ihre soziale Verantwortung gegenüber der Schweiz wahrzunehmen und vermehrt im Tessin wohnhafte Leute anzustellen. (sda)

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