Fossil des Wohnungsbaus: Das Blumenfenster – ein Gärtli im Wohnzimmer
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Fossil des WohnungsbausDas Blumenfenster – ein Gärtli im Wohnzimmer

In den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wertete es jede Wohnung auf und durfte deshalb auch in Wohnungsinseraten nicht fehlen: das Blumenfenster.

von
Marianne Siegenthaler

Vor rund 50 Jahren herrschten klare Verhältnisse: Der Mann

war der Ernährer, die Frau kümmerte sich um die Kinder und

den Haushalt. Sie war unbestrittene Herrscherin über zwei

Reiche, und zwar über die Küche und das Blumenfenster.

Ein Kasten, an die Fassade geklebt

Letzteres befand sich meist an der Schmalseite eines

Mehrfamilienhauses, war häufig quadratisch und fiel vor

allem durch die Laibungstiefe auf. Von aussen sah es ein

bisschen aus wie ein Kasten, der auf die Fassade geklebt

wurde.

Diese Bauweise machte es möglich, dass im Innern

ein breiter Sims für genügend Platz für Pflanzen entstand.

Das Blumenfenster diente als privater Kleingarten, denn das

Grün rund um die neu erstellten Blöcke gehörte allen

Hausbewohnern. Und so pflegte die Hausfrau – und

ausschliesslich sie, Männer konnten damit nichts anfangen –

hingebungsvoll ihre Topfpflanzen.

Der ganze Stolz der Hausfrau

Besonders beliebt waren damals der Gummibaum, der Philodendron und die Zimmerlinde, dazwischen als bunter Blickfang die Flamingoblume. Und natürlich stand immer eine kleine Messingspritzkanne mit langem, schmalen Ausguss bereit. Wenn mal ein Tropfen Wasser daneben ging – kein Problem,

denn die Fensterbank war mit einer wasserfesten Auflage wie

zum Beispiel Klinker beschichtet. Gerne in den damals

angesagten Farben Ocker oder Senfgelb.

Wenn Besuch da war, konnte die Indoor-Gärtnerin sicher sein, dass sie für ihr gepflegtes Blumenfenster Lob einheimsen durfte. Dieses machte selbstverständlich auch von aussen „ä Gattig", schliesslich stand es in ständiger Konkurrenz mit den anderen

Blumenfenstern, die allesamt an blumenbestückte Vitrinen

erinnerten. Mit dem Rückbau der Häuser aus den 50er- und

60er-Jahren verschwand auch das Blumenfenster. Eigentlich

schade, denn ein hübscher Kräutergarten, ein Orangenbäumchen oder ein kleiner Olivenbaum würden sich doch noch ganz hübsch machen.

Übrigens: Wer noch in einer 60er-Jahre-Baute mit Blumenfester wohnt, findet vielleicht im Buch von Margot Schubert «Das vollkommene Blumenfenster» aus dem Jahr 1959 einige Inspirationen.

Sie suchen ein Haus aus den 50er- oder 60er-Jahren?

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