Shitstorm gegen Kesb: «Das Blut der Kinder klebt an den Händen der Kesb»
Aktualisiert

Shitstorm gegen Kesb«Das Blut der Kinder klebt an den Händen der Kesb»

Nach dem Familiendrama in Flaach stehen die Behörden am Pranger – Kritiker machen gar das neue Schutzrecht für den Kindsmord verantwortlich.

von
daw
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Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden.

Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden.

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Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selber Verletzungen zugefügt.

Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selber Verletzungen zugefügt.

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Im hinteren Hausteil (links) in Flaach lebte die Familie. Am 6. Januar gab die Rechtsmedizin bekannt, dass die beiden Kinder offenbar von ihrer Mutter erstickt wurden.

Im hinteren Hausteil (links) in Flaach lebte die Familie. Am 6. Januar gab die Rechtsmedizin bekannt, dass die beiden Kinder offenbar von ihrer Mutter erstickt wurden.

Keystone/Walter Bieri

Im Netz tobt ein Shitstorm gegen die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb). In einer Facebook-Gruppe «Stopp der Kesb Willkür» mit rund 300 Mitgliedern werden die Behörden direkt für den Doppelmord im zürcherischen Flaach verantwortlich gemacht – Mutter Natalie K. hatte am Donnerstag ihre Kinder Alessia (2) und Nicolas (5) umgebracht, die ihr entzogen werden sollten.

«Das Blut dieser Kinder klebt jetzt an den Händen der KESB», heisst es in einem Eintrag. Oder: «Kesb, mitverantwortlich für den Tod zweier Kinder.» Ein SVP-Lokalpolitiker schreibt auf Twitter: «Kesb-Kinder, tote Kinder.» Die radikale Forderung: Die Kesb müsse abgeschafft werden. Jene überregional organisierten Fachgremien gibt es seit zwei Jahren – und seither reisst auch die Kritik an ihnen nicht ab (siehe Box).

«Weitere Tragödien werden folgen»

Im erbitterten Streit gibt auch Kesb-Kritikerin und Schriftstellerin Zoë Jenny den Behörden eine Mitschuld. Man habe der Mutter die Kinder «voreilig» weggenommen. «Die Verantwortlichen waschen ihre Hand natürlich in Unschuld und behaupten, es handle sich um einen tragischen Einzelfall.» Dies sei aber nicht der Fall. Vielmehr sei die Verzweiflungstat der Mutter das Resultat eines unsinnigen Systems, das einer Fachbehörde zu viel Macht einräume. «Täglich erreichen mich Nachrichten verzweifelter Eltern.» Auch Natalie K. habe auf ihrer Website vor der Tat von ihren Sorgen berichtet.

Jenny will eine Mahnwache vor dem Bundeshaus organisieren und fordert eine sofortige Entmachtung der Kesb: «Natürlich war im alten System nicht alles gut, aber man hat die Leute wenigstens gekannt.» Heute seien statt Laien emotionslose Paragraphenreiter am Werk, die Familien zerstörten. Sie rufe deshalb alle Politiker auf, zu handeln. «Ansonsten werden weitere Tragödien folgen.»

«Schändliches Bashing»

Patrick Fassbind, Präsident der Kesb Bern, verurteilt die Schuldzuweisungen scharf: «Es macht mich betroffen, dass man einen so tragischen Fall ausweidet, um Stimmung gegen die Kesb zu machen.» Dass nun politisch motiviertes Bashing auf Kosten der zuständigen Behördenmitglieder betrieben werde, ohne die genauen Hintergründe zu kennen, sei schändlich. Es habe offenbar keinerlei Anzeichen für eine solche Tat gegeben. «Eine solche Tragödie kann in jedem System passieren.» Prophezeiungen über weitere Dramen seien verantwortungslos und entbehrten jeglicher Grundlage.

Laut Fassbind arbeiten die Schutzbehörden etwa im Kanton Bern sehr eng mit den Gemeinden zusammen, das Fachgremium funktioniere als eine Art Gericht. Er selbst habe in zwei Fällen elterliche Besuchskontakte über die Feiertage verbieten müssen. «Es gibt niemanden mit Sachverstand, der zum alten System zurück will. Die Fälle sind so komplex geworden, dass sie Laien nicht mehr bewältigen können.»

«Rad nicht zurückdrehen»

Die Frage, ob ein Systemproblem vorliegt, gibt auch in der Politik zu reden. Laut SVP-Nationalrat Christian Miesch, der gegen die Einführung des neuen Schutzrechtes gestimmt hatte, wird die Reform zunehmend kritisch gesehen. «Natürlich gibt es immer Dramen, die sich nicht verhindern lassen. Doch die Zahl der Fälle zeigt, dass es sich bei der Kesb um eine Fehlkonstruktion handelt.» Die sogenannte Professionalisierung habe dazu geführt, dass Fälle fernab des Problems entschieden würden von Leuten, die sich den ganzen Tag selbst beschäftigen müssten. «Ich hoffe, dass nun genügend Druck entsteht, dass man Korrekturen vornimmt.»

Grünen-Nationalrätin Yvonne Gilli sagt, dass man das Rad nicht zurückdrehen könne. «Die Professionalisierung ist sicher richtig. Zu viel Nähe kann etwa in Missbrauchsfällen fatal sein, da Personen so eher gedeckt werden». Aber: Es sei zu einfach, die Tragödie einfach als Einzelfall abzutun. Es müsse nun untersucht werden, ob und welche Fehler gemacht wurden. Das nationale Gesetz lasse den Kantonen und Regionen viel Spielraum bei der Ausgestaltung ihres Systems – nun müssten diese optimiert werden.

Seit Januar 2013 kümmern sich professionelle, regional oder kantonal organisierte Kinder- und Elternschutzbehörden um Kindsentzüge oder Fremdplatzierungen. Die Behörden standen von Anfang an unter Beschuss – sie seien überprofessionalisiert, zu teuer und zu weit weg von den Familien, monierten Kritiker. Vorher war das Vormundschaftswesen kommunal organisiert – oftmals waren es Laien, ein Pöstler oder ein Metzger, welche die heiklen Entscheide treffen mussten.

Seit Januar 2013 kümmern sich professionelle, regional oder kantonal organisierte Kinder- und Elternschutzbehörden um Kindsentzüge oder Fremdplatzierungen. Die Behörden standen von Anfang an unter Beschuss – sie seien überprofessionalisiert, zu teuer und zu weit weg von den Familien, monierten Kritiker. Vorher war das Vormundschaftswesen kommunal organisiert – oftmals waren es Laien, ein Pöstler oder ein Metzger, welche die heiklen Entscheide treffen mussten.

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